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Kremlkritiker Nawalny: Das erwartet ihn im Straflager | BR24

© dpa

Alexej Nawalny im Moskauer Stadtgefängnis

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Kremlkritiker Nawalny: Das erwartet ihn im Straflager

Die EU-Außenminister beraten heute über den Fall Nawalny. Der Kremlkritiker wurde zu gut zweieinhalb Jahren Haft in einem Straflager verurteilt. Was ihn dort erwartet und welche Beschlüsse nun in Brüssel getroffen wurden.

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Von
  • Christina Nagel
  • B5 aktuell
  • Regina Wallner

Es gibt verschiedene Straflager-Kategorien in Russland: sie reichen von Lager-Siedlungen bis hin zu Sonderkolonien. Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist zu einer Haftstrafe von etwas mehr als zweieinhalb Jahren in einem allgemeinen Straflager verurteilt worden. Vom Rang her nicht die schlimmste Kategorie – aber dennoch ein Erbe der berüchtigten Gulags.

Mauern, Stacheldraht - und fern jeder Zivilisation

Die Lager sind meist abseits jeder Zivilisation. Und sie hätten, sagt Pjotr Kurjanow bitter, mit der zivilisierten Welt auch nichts gemein. Man muss selbst gesehen haben unter welchen Bedingungen Menschen dort über Jahre gehalten werden. Du verlierst nach und nach den Verstand. Kurjanow, der sich für die Rechte von Häftlingen engagiert, weiß, wovon er spricht. Er hat selbst mehrfach gesessen. Die Zeit in den Lagern hat sichtbare Spuren hinterlassen.

Das Schlimmste, sagt er, seien nicht die Mauern, der Stacheldraht oder die Wachtürme. Sondern die in die Jahre gekommenen Baracken, in denen die Häftlinge leben müssen. Immer zusammen – nie allein. Schlafsäle mit Dutzenden Doppelstockbetten, erzählt Olga Romanowa, die eine Organisation zur Unterstützung von Häftlingen gegründet hat. Dusche, Toilette, alles ist offen einsehbar. Der ganze Waschraum. Dabei ist es schon gut, wenn es überhaupt eine Dusche gibt. Wenn nicht, dann gibt es nur Waschbecken.

"Es fehlt jede Privatsphäre." Pjotr Kurjanow

Physische und psychische Gewalt seien an der Tagesordnung. Unter den Häftlingen. Aber auch das Wachpersonal finde leicht Gründe, um jemanden abzustrafen. Ein offener Knopf. Ein angeblich ausgebliebener Gruß.

80 Cent pro Häftling und Tag

Laut Olga Romanowa sieht der Alltag im Straflager so aus: Ein systematischer Alptraum – 24 Stunden, sieben Tage die Woche, über Jahre. Die meisten Menschen werden von diesem System, dem Erbe des Gulags, gebrochen. Am Tagesablauf habe sich in all den Jahrzehnten wenig geändert. Wecken um 6 Uhr in der Früh mit lauter Musik. Betten richten. Waschen. Morgenappell. Frühsport – bei jedem Wetter. Dann werden alle zum Frühstück geführt. Es gibt ein Stück Brot mit Margarine und Brei. Nichts davon hat gute Qualität.

"Umgerechnet 80 Cent pro Tag und Häftling werden für Essen ausgeben." Olga Romanowa

Danach gehe es geschlossen in den Arbeitsbereich des Lagers: ans Fließband oder in die Näherei. Gearbeitet wird - unterbrochen von einem schnellen Mittagsessen - bis zum Abend. Vor der Bettruhe um 22 Uhr: ein wenig Freizeit. In der Regel gibt es eine Bibliothek und einen Gemeinschaftsraum mit Fernseher, wo die staatlichen Kanäle zu empfangen sind. Besuche von Anwälten seien kompliziert, aber möglich, sagt Romanowa. Schwieriger ist es für die Angehörigen. Sie haben das Recht auf einen Besuch im Monat. Ein Gespräch per Telefon - getrennt durch Glasscheiben, für maximal vier Stunden.

Wie gewalttätig wird das Wachpersonal sein?

Alle drei Monate hätten die Inhaftierten theoretisch das Recht, Besuch für bis zu drei Tage zu bekommen. Aber die dafür vorgesehenen Zimmer seien rar und hart umkämpft. Die Lagerleitung nutze sie als Druckmittel. Angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Nawalny auf sich ziehe, werde sich das Wachpersonal vermutlich auch in Sachen Gewalt zurückhalten, meint Olga Romanowa.

Trotzdem sei es "einfach", in einem russischen Lager zu sterben: "Dort fällt er entweder die Treppe herunter oder er lässt sich auf einen Konflikt mit einem Kriminellen ein und wird erstochen. Das ist weit verbreitet. Solche 'Aufträge' sind normal. Von Corona und mangelnder medizinischer Versorgung ganz zu schweigen."

Weil es Nawalnys erste Lagerhaft ist, sieht das Gesetz eine Unterbringung in einem Straflager im Umkreis von 500 Kilometern vom Wohnort vor. Das würde es zumindest den Angehörigen und Anwälten etwas einfacher machen, in Kontakt zu bleiben.

EU-Staaten wollen neue Sanktionen vorbereiten

Inzwischen haben die Außenminister der EU-Staaten über die Entwicklung im Fall Nawalny beraten. Das Ergebnis: Die EU will neue Sanktionen gegen Russland vorbereiten. Konkret geht es darum, Konten und Vermögen der Verantwortlichen für die Inhaftierung zu sperren und ihnen die Einreise in die EU zu verbieten. Die Maßnahmen sollen in den nächsten Wochen in Kraft treten. Wen genau sie betreffen, ist im Moment noch offen.

© B5 aktuell

Der Fall Nawalny: ARD-Brüssel-Korrespondent Jakob Mayr im Gespräch mit B5-Moderator Hannes Kunz (im B5 Thema des Tages am Montag, den 22. Februar, um 7.20 Uhr)

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