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Krebs und Kinderwunsch: Wenn die Tumortherapie unfruchtbar macht | BR24

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Eine Patientin bei der Bestrahlung

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    Krebs und Kinderwunsch: Wenn die Tumortherapie unfruchtbar macht

    In der Altersgruppe zwischen 18 und 39 Jahren erkranken in Deutschland jährlich rund 16.500 Menschen an Krebs. Bei ihnen stellt sich auch die Frage: Werde ich nach der Therapie noch Kinder bekommen können? Ein neues Gesetz soll nun für Hilfe sorgen.

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    Chemotherapie, Operation, Bestrahlung, nochmal Chemotherapie. Das hat Cornelia Geyer in den vergangenen zwölf Monaten hinter sich gebracht. Die Studentin aus München ist 25, als sie an Krebs erkrankt. Sie hat einen Weichteiltumor im linken Unterarm. Direkt mit der Diagnose erfährt sie: Die lebensrettende Therapie kann sie unfruchtbar machen.

    "Als dann die Frauenärztin kam und sagte: Du kannst unfruchtbar werden. Wir können die und die Maßnahmen ergreifen. Du müsstest es aber wahrscheinlich finanziell selber stemmen. Dann ist diese Überforderung nochmal eine andere", erzählt Cornelia. "Also nicht nur, dass man mit seinem Körper zurecht kommen muss und mit seinen Gefühlen, die jetzt mit der Situation kommen, sondern auch mit der Tatsache: Kann ich mir das leisten, kann ich mir leisten Kinder zu kriegen in Zukunft?"

    © BR / Rebekka Preuß

    Cornelia Geyer

    Maßnahmen müssen vor Beginn der Krebstherapie durchgeführt werden

    Innerhalb eines Tages muss sie sich entscheiden, ob sie vor ihrer Krebsbehandlung, Eizellen einfrieren lässt. Cornelia entscheidet sich dafür. Die sogenannte Kryokonservierung – also die vorbereitenden Hormon-Spritzen und die operative Eizell-Entnahme inklusive des Einfrierens - kostet für Frauen rund 4.300 Euro. Cornelia muss das Verfahren zwei Mal machen, da beim ersten Mal nicht genug Eizellen heran reifen.

    Am Ende kostet ihre Kryokonservierung 10.000 Euro. Geld, dass die Studentin nicht hat: "Die Rechnungen gingen immer so von 500-800 Euro ungefähr und ich musste wirklich jeden Tag kalkulieren: Ok, heute habe ich genug Geld für die Spritzen, die heute und morgen reichen, dann muss ich wieder bei meinen Eltern oder bei meinen Geschwistern anfragen, dass sie mir was überweisen."

    Gesetz ist in Kraft, doch bei der Umsetzung hakt es

    Dabei gibt es seit Mai 2019 ein Gesetz, dass die Krankenkassen dazu verpflichtet, die Kosten für fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen bei Krebs-Patienten zu übernehmen (§27a Abs. 4 im Sozialgesetzbuch V). Bei Frauen bis 40 Jahre das Einfrieren von Eizellen. Bei Männern bis 50 Jahre das Einfrieren von Spermien. Das Gesetz betrifft jährlich über 29.000 Patienten. Auch Patienten unter 18 Jahren.

    Cornelia Geyer ist bei der AOK Bayern versichert. Sie stellt einen Antrag auf Kostenübernahme. Doch die Kasse lehnt ab. Begründung: Zum Gesetz fehle noch eine Richtlinie. Auf Anfrage des BR antwortet die AOK:

    Die Kryokonservierung sei "derzeit noch keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), da der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) dafür seine Richtlinie 'Künstliche Befruchtung' erweitern bzw. eine neue Richtlinie erstellen muss. Dazu müssen noch medizinische, qualitätsrelevante und rechtliche Fragen geklärt werden zum Schutz der Versicherten und auch zum Schutz des ungeborenen Kindes. Beispielsweise fehlen noch Qualitätsvorgaben für 'Kryobanken', die noch keine zugelassenen Leistungserbringer der GKV sind, und medizinische Qualitätsaspekte zur Erbringung der Kryokonservierung, die der G-BA noch prüfen muss. (…) Demnach besteht derzeit keine rechtliche Grundlage für eine Kostenübernahme (…)".

    Die Kryokonservierung ist allerdings kein neues Verfahren. Sie wird bereits seit vielen Jahren als privat bezahlte Leistungen durchgeführt.

    Patientin klagt vor dem Sozialgericht gegen die AOK Bayern

    Cornelia Geyer hat gegen den Ablehnungsbescheid der AOK Bayern Klage beim Sozialgericht eingereicht. Denn – obwohl die Richtlinie noch aussteht – gibt es einige wenige Krankenkassen, die bereits jetzt die Kosten freiwillig übernehmen.

    Den Anstoß dazu gab die "Deutsche Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs". "Wir haben im letzten Herbst ein Rundschreiben gemacht an die Krankenkassen und einfach darum gebeten, dass man doch wegen der Notsituation der jungen Leute die Kosten übernehmen soll auf Einzelfallbasis", erklärt ihr Vorsitzender, Prof. Mathias Freund. "Und da haben einige auch geantwortet und haben gesagt, ja sie sind zu so einer individuellen Prüfung bereit. Andere haben gar nicht geantwortet."

    Sieben von 109 angeschriebenen Gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen mittlerweile die Kosten. Diese Möglichkeit der freiwilligen Leistungsübernahme ist im Sozialgesetzbuch geregelt (§ 11 Abs. 6 SGB V).

    Die Stiftung "Junge Erwachsene mit Krebs" hat seit 2016 für das Gesetz zur Kostenübernahme der fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen gekämpft. Die ausstehende Richtlinie wollte der Gemeinsame Bundesausschuss eigentlich im Februar 2020 beschließen, doch die Krankenkassen wollen im Gesetz weitere Altersgrenzen einfügen. Deshalb, so der Onkologe, verzögere sich alles.

    "Die Krankenkassen haben ja schon in die Richtlinie eingebracht, dass die Mädchen unter 18 Jahren keine Eizellkonservierung bekommen sollen. Und jetzt versuchen sie auch an der oberen Altersgrenze noch etwas einzuschränken." Vor Erreichen der Altersgrenze, bei Frauen der vierzigste Geburtstag, solle nun auch noch geprüft werden, ob eine künstliche Befruchtung zwischen dem erreichen der Altersgrenze und dem Ende der Tumorbehandlung überhaupt noch möglich sei.

    "Wenn jemand mit 37 Jahren einen Brustkrebs hat, wer soll dann entscheiden, ob bis zum vierzigsten Geburtstag eine künstliche Befruchtung noch möglich ist? Nach der Krebsbehandlung oder nicht? Das kann man so und so sehen. Und Streit, das ist etwas, was diese jungen Frauen in der Situation überhaupt nicht brauchen können."

    Konservierung bei Frauen ist teurer als bei Männern

    Die von den Krankenkassen geforderten Einschränkungen betreffen vor allem Frauen. "Das finde ich auch sehr bedrückend", erklärt Freund. "Leider ist das nicht ohne Grund, denn die Kryokonservierung kostet bei Frauen einfach mehr als bei Männern. Bei jungen Frauen sind es etwa 4.300 Euro für die Eizellkonservierung. Bei den Männern kostet Sperma Konservierung etwa 500 Euro. Das ist sicherlich ein wichtiger Hintergrund."

    Freund rät trotzdem allen Betroffenen dazu, einen Antrag auf Kostenübernahme zu stellen.

    Cornelia Geyer hat nach 6 Monaten eine Antwort vom Sozialgericht erhalten. Ihre Klage wurde abgewiesen. Zur Begründung schreibt das Gericht: für die Kostenübernahme fehle noch die Richtlinie.

    "Mich macht es ziemlich wütend, dass trotz der stabilen Lage in der wir uns in Deutschland befinden, junge Menschen manchmal auch gar nicht die Wahl haben, ob sie diese Vorsichtsmaßnahmen treffen oder nicht. Es gibt Menschen, die haben eben keinen so starken Rückhalt wie ich oder keine so starke Familie. Die haben dann gar keine Wahl. Die müssen einfach sagen: Nein, ich kann es mir nicht leisten. Ich kann mir jetzt im Moment nicht leisten, an die Zukunft zu denken, weil die Krankenkasse das nicht übernimmt." Cornelia Geyer

    Das Richtlinien-Verfahren könnte sich laut der Stiftung "Junge Erwachsene mit Krebs" noch bis ins nächste Jahr ziehen.