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Kosovo-Einsatz 1999: Tabubruch bei den Grünen | BR24

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Vor 20 Jahren stimmten die Grünen für den Einsatz der Bundeswehr im Kosovo. Es war die erste deutsche Kriegsbeteiligung nach dem Zweiten Weltkrieg. Für die Grünen damals eine Zerreißprobe. Angelika Beer und Hans-Christian Ströbele erinnern sich.

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Kosovo-Einsatz 1999: Tabubruch bei den Grünen

Vor 20 Jahren stimmten die Grünen für den Einsatz der Bundeswehr im Kosovo. Es war die erste deutsche Kriegsbeteiligung nach dem Zweiten Weltkrieg. Für die Grünen damals eine Zerreißprobe. Angelika Beer und Hans-Christian Ströbele erinnern sich.

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Für viele war es ein Tabubruch in der deutschen Verteidigungspolitik: Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligen sich Deutsche an Kampfhandlungen der NATO im Kosovo. Es geht gegen Serbenführer Milosevic, der hunderttausende Albaner vertreiben lässt. Die Nato will ihn stoppen. Hans-Christian Ströbele saß damals für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. "Ich habe die Nacht bevor der Kriegseinsatz anfing, damit verbracht, mitzubekommen, was da läuft. Ich war dann völlig übermüdet. Es gab die ersten Tickermeldungen, Berichte, dass da jetzt angefangen wird, zu bombardieren." Auch Angelika Beer war damals Grünen-Abgeordnete und erinnert sich:

"Ich habe nicht geglaubt, dass es dazu kommt. Das kann auch Milosevic nicht wollen! Ich war überzeugt, es kommt zu einer Verhandlungslösung. Und dann das!" Angelika Beer, Grünen-Abgeordnete 1999

Erster Kriegseinsatz ausgerechnet unter rot-grün

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet unter der ersten rot-grünen Regierung in Deutschland der erste Kriegseinsatz nach dem zweiten Weltkrieg stattfand. Der grüne Außenminister Joschka Fischer stand schließlich für eine Partei, die aus der Friedensbewegung hervorgegangen war. Dass eine ähnliche Entscheidung unter Helmut Kohl gefallen wäre, glaubt Hans-Christian Ströbele nicht: "Ich bin überzeugt, dass eine Kohl-Regierung diesen Beschluss damals nicht gefasst hätte." Es ist eine der größten Zerreißproben für die Grünen in ihrer gesamten Parteigeschichte.

Aus Tagen wurden Wochen und Monate

Das Bombardement auf strategische Ziele der serbischen Armee sollte nur ein paar Tage dauern, so hatte es Joschka Fischer versprochen. Doch es wurden Wochen und schließlich Monate. Der Druck der grünen Basis wurde immer größer, es kam zu einer Welle von Parteiaustritten. Joschka Fischer kämpfte um sein Amt. Schließlich eskaliert die Lage auf dem Grünenparteitag in Bielefeld im Mai 1999: Auf Fischer gibt es einen Farbbeutelanschlag. Der Politologie Hubert Kleinert war damals dabei und erinnert sich: "Er saß vorne am Podium. Plötzlich macht es klatsch. Man wusste gleich, das war ein Farbbeutel. Und man ist entsetzt. Es passte aber zu der Stimmung dieses Tages. Ich bin auch heute noch geradezu bestürzt darüber, wie Kämpfer auftreten können, die für den Frieden kämpfen."

Zustimmung für den Kosovo-Bundeswehreinsatz im Bundestag

Am Ende half der Farbbeutelanschlag Joschka Fischer sogar, sein Anliegen durchzusetzen, denn einige Gegner des Kosovo-Krieges lehnten die Aktion ab und stimmten am Ende doch noch für den Bundeswehreinsatz. Der Krieg im Kosovo - die Deutung ist bis heute bei den Grünen immer umstritten: Ein Teil hält die Entscheidung dafür bis heute für einen Fehler, andere aber sehen darin den entscheidenden Schritt hin zu Realpolitik und Wählbarkeit.

"Für die Grünen war das glaube ich die schwierigste Frage auf dem Weg zu einer pragmatischen politischen Partei, zu der dann auch gehört, dass man in der Außenpolitik auch letzte Mittel für legitim halten kann." Hubert Kleinert, Politologie