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Kontroverse um Sterbehilfe: Kein Recht auf Tod? | BR24

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Kreuz an einem Grablicht und Paragrafen-Zeichen, Symbolfoto Sterbehilfe

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Kontroverse um Sterbehilfe: Kein Recht auf Tod?

Nicht nur private Sterbehilfe-Vereine, auch Palliativmediziner halten das Sterbehilfe-Gesetz von 2015 für zu streng. Deshalb haben sie vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen geklagt. Kirchenvertreter dagegen fürchten einen Dammbruch.

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Susanne Vogel leitet am Klinikum Neumarkt die Palliativstation. Auch sie klagt gegen das 2015 verabschiedete Gesetz zur Sterbehilfe, denn sie sieht ihre Arbeit als Ärztin eingeschränkt. Wenn ein schwer kranker Patient sage, er esse nicht mehr, um schneller zu sterben, müsse sie sich von ihm distanzieren. Ansonsten würde sie Beihilfe zum Suizid leisten, sagt sie.

Kläger: Gesetz verbietet mehr als die "geschäftsmäßige Selbsttötung"

Mit dem "Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung" wollte der Bundestag private Sterbehilfe-Vereine verbieten. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland generell verboten. Auch der assistierte Suizid, also etwa die Bereitstellung eines tödlichen Medikamentes - wie es in der Schweiz möglich ist -, wurde mit dem Gesetz von 2015 unter Strafe gestellt, sofern es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Das Gesetz gehe noch einen Schritt weiter und beschneide sogar die Arbeit von Palliativärzten, sagt Susanne Vogel:

"Das sensible Feld in der Gesprächsführung in der Palliativmedizin da in dieser Endlebenssituation braucht ganz viel Vertrauen, und wenn ich dann als Arzt sagen muss: „darüber darf ich mit Ihnen nicht reden, weil das Strafgesetz dagegen ist“, dann stört das meine ärztliche Tätigkeit." Susanne Vogel

Wo beginnt aktive Sterbehilfe?

Die Karlsruher Richter entscheiden über eine heikle Frage: Wo beginnt aktive Sterbehilfe, wie weit darf die sogenannte passive Sterbehilfe gehen? Denn diese ist bislang möglich: Passive Sterbehilfe bedeutet nichts anderes, als auf lebensverlängernde Maßnahmen wie Magensonden oder Beatmungsgeräte zu verzichten, wenn sie ohne Aussicht auf Besserung sind und gegen den Willen des Patienten erfolgen. Die Klägerin Susanne Vogel betont, dass auch sie klar gegen Beihilfe zum Suizid ist, wie sie etwa der Schweizer Verein Dignitas anbietet: Sie sei keine Vertreterin der aktiven Sterbehilfe. "Also wenn man das dann will, muss man es schon selber tun."

In §217 des Gesetzes zum Sterbehilfeverbot heißt es wörtlich: "Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Mediziner hoffen auf Klärung

Konkret stören sich die Palliativmediziner vor allem am Wort "geschäftsmäßig", das juristisch gesehen nicht nur kommerzielle Angebote, sondern alle Angebote meine, die wiederholt geschehen. Also auch Gespräche mit Patienten, in denen diese ihren Sterbewunsch äußern. Susanne Vogel erhofft sich von ihrer Klage eine Klärung durch das Bundesverfassungsgericht.

Landesbischof sieht grundsätzliche Gefahr

Der evangelische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm, hält wenig davon, die bisherigen Regelungen zu lockern.

"Die Gefahr ist groß, dass wenn diese Grenze fällt, dass irgendwann Menschen sich unter Druck fühlen, dass sie ihr Leben entweder selbst beenden sollen oder dass sie andere Menschen darum bitten. Es ist gut, dass jeder Mensch weiß: ich darf leben, egal wie es mir geht, egal wie viel ich koste, egal wie meine Prognose ist. Ich darf leben." Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Gegen eine weitere juristische Präzisierung, wenn diese für Palliativmediziner Rechtssicherheit bringe, ist Bedford-Strohm nicht per se: "Viele Palliativmedizinerinnen und Palliativmediziner zeigen, dass sie in der Lage sind, durch gute Palliativmedizin das Leiden von Menschen zu lindern und genau den Beweis dafür zu liefern, dass die Beendigung des Lebens eben nicht der einzige Weg ist, um mit Leiden umzugehen."

In ihrer praktischen Arbeit kämen sterbenskranke Menschen jedoch immer wieder mit dem Sterbewunsch auf sie zu, sagt Susanne Vogel aus Neumarkt. Über diese Frage will sie künftig angstfrei mit den Patienten sprechen können.

© BR

Das Thema Sterbehilfe wird nach wie vor sehr kontrovers diskutiert. In welchen Fällen ist Sterbehilfe in Deutschland überhaupt erlaubt? #fragBR24

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Autor
  • Johannes Reichart
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