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Konferenz in Rom zu sexuellem Kindesmissbrauch durch Geistliche | BR24

© dpa-Bildfunk/Harald Tittel

Bei der PK der Deutschen Bischofskonferenz werfen Protagonisten Schatten bei der Vorstellung der Missbrauchsleitlinien der katholischen Kirche.

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Konferenz in Rom zu sexuellem Kindesmissbrauch durch Geistliche

Papst Franziskus hat den Washingtoner Ex-Kardinal McCarrick aus dem Klerikerstand entlassen - die Höchststrafe der Kirche. Nächste Woche hat er die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen nach Rom eingeladen - Thema: sexueller Missbrauch.

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Der massenhafte Missbrauch von Kindern, der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten bekannt wurde, ist für manche Ortskirchen existenzbedrohend. Kritiker sehen darin auch ein Indiz für die Reformbedürftigkeit der Kirche: Haben Bischöfe und Priester zu viel Macht? Ist der Zölibat noch zukunftsfähig? In einigen Erdteilen dagegen gibt es noch kein echtes Problembewusstsein, weshalb der Papst im Vorfeld die Erwartungen an diese Konferenz auch gedämpft hat.

Es geht um die Zukunft der Kirche

Bei seinen Reisen trifft sich Papst Franziskus regelmäßig mit von Missbrauch Betroffenen. Er und sein Vorgänger Benedikt XVI. haben immer wieder deutliche Worte gefunden für Geistliche, die Kinder missbraucht und vergewaltigt haben. Dass ein Papst die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen nach Rom zitiert, hat aber noch einmal eine andere Qualität.

Franziskus signalisiert damit: Der Missbrauchsskandal betrifft die gesamte Weltkirche - und es geht um nicht weniger als um die Zukunft dieser Kirche. Der deutsche Jesuit Hans Zollner hat die Missbrauchskonferenz in Rom mit vorbereitet: "Wir werden mit der gesamten Kirchenspitze darüber sprechen: Wer muss Verantwortung übernehmen? Wie wird Verantwortung und Rechenschaftspflicht eingefordert? Was müssen wir tun, damit die Transparenz das leistet, was wir uns und den anderen schuldig sind?"

Tausende Betroffene durch sexuellen Missbrauch

Die Frage ist: Warum erst jetzt? Spätestens seit Ende der 90er Jahre steckt die katholische Kirche in der Missbrauchskrise. Im vergangenen Jahr hat sich die Situation noch einmal zugespitzt: In Australien steht Kardinal Pell, einer der wichtigsten Mitarbeiter von Papst Franziskus, vor Gericht, weil er Missbrauch verschleiert, aber auch selbst begangen haben soll. Ein staatlicher Untersuchungsbericht hat gezeigt, dass allein im US-Bundesstaat Pennsylvania 300 Priester in den vergangenen Jahrzehnten des Missbrauchs beschuldigt wurden.

Und in Deutschland zählte eine Studie fast 3.800 Betroffene seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Psychiater Harald Dreßing, einer der Autoren dieser Studie, hat keine großen Erwartungen an die Konferenz in Rom.

"Alleine schon in Deutschland haben wir 27 Diözesen mit unterschiedlichen Kulturen des Glaubens. Auch der Umgang mit der Missbrauchsthematik ist schon sehr unterschiedlich. Und natürlich, wenn wir Weltkirche uns anschauen, wo noch ganz andere Vorstellungen über Sexualität und Menschenbild vorherrschen, ist es umso schwieriger, eine gemeinsame Vorstellung über Sprache zu finden." Harald Dreßing, Psychiater

Kinderschutz durchsetzen gegen Widerstände und Tabus

Wie sollen sich europäische und afrikanische Bischöfe, asiatische und amerikanische Bischöfe auf einen gemeinsamen Masterplan gegen den Missbrauch einigen? Was in den Kirchen Europas und Nordamerikas schon seit Jahrzehnten diskutiert wird, der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen, ist als Thema in vielen Kirchen des Südens weitgehend tabuisiert.

Für Pater Zollner ist es deshalb vor allem wichtig, dass der Kinderschutz ganz nach oben auf die kirchliche Agenda rutscht – und zwar weltweit. Ein zweites Ziel: "Dass wir am Ende die Aufgaben von Task Forces definieren, die dann in die jeweiligen Länder und Kontinente entsandt werden und den lokalen Kirchen, die weniger Möglichkeiten und Ressourcen haben, dort helfen, wo es am meisten brennt."

Kritische Beobachter: Der Papst fällt um

Doch Opferverbände und kritische Beobachter treibt eine Sorge um: der Widerstand des Apparats. Papst Franziskus hat ja bereits eine Kinderschutzkommission eingesetzt, diese hat auch Vorschläge vorgelegt, die allerdings nicht umgesetzt wurden. So der Vorwurf der Irin Marie Collins, die sich enttäuscht aus der Kommission zurückgezogen hat. "Der Papst hat unsere Vorschläge gut geheißen", so Collins. "Aber als Kurienmitglieder Widerstand leisteten, hat er sie nicht umgesetzt. Seine Intentionen sind richtig, aber wenn es darum geht, Dinge mit starker Hand gegen Widerstand umzusetzen, dann fällt er um."

Papst Franziskus dämpft Erwartungen

Papst Franziskus hat die Erwartungen an das Treffen gedämpft. Ihm gehe es, sagte er auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Panama, um Bewusstseinsbildung. Deshalb hat er die Teilnehmer an der Bischofskonferenz aufgefordert, sich im Vorfeld mit Opfern sexuellen Missbrauchs zu treffen. Das sei die richtige Strategie, sagt Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch mit dem Kirchensender "Radio Stephansdom": "Ich glaube, das verändert eine Kultur, das ermutigt Opfer zu reden, das warnt Täter und weckt die Verantwortung der Hirten, nicht wegzuschauen und zu vertuschen."

Ob am Ende des Treffens konkrete Maßnahmen zum Kinderschutz in der katholischen Kirche stehen, ist noch offen. Fest steht, dass sich die teilnehmenden Bischöfe in einem Bußritus am Samstag zur Schuld der katholischen Kirche bekennen werden. Zeitgleich werden auch die Opfer von Missbrauch und Gewalt in Rom auf die Straße gehen und demonstrieren.