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Komplexe OPs: Kliniken unterlaufen Mindestmengenregel | BR24

© dpa/pa/Sven Hoppe

Bildschirm in Operationssaal

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    Komplexe OPs: Kliniken unterlaufen Mindestmengenregel

    Für bestimmte komplizierte OPs gelten in deutschen Krankenhäusern Mindestmengenregelungen. Nur Kliniken, die genügend Operationen pro Jahr vorweisen, dürfen diese durchführen. Nach BR-Informationen wurden diese Regelungen jedoch unterlaufen.

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    Operationen können Leben retten. Gleichzeitig bleibt für Patienten immer ein Risiko und die quälende Frage: Was, wenn ich an den falschen Arzt gerate, was, wenn etwas schiefgeht?

    Für etliche Operationsarten ist der Zusammenhang zwischen Menge und Qualität wissenschaftlich belegt. Einige komplexe Operationen sollen daher nur durchgeführt werden, wenn Ärzte und Pflegepersonal über genügend Routine verfügen. In Deutschland existieren deshalb seit 2004 Mindestmengen. Etwa die Hälfte der über 2.000 deutschen Krankenhäuser führt jährlich Eingriffe durch, die unter diese Regelung fallen. Dazu gehören gegenwärtig sieben verschiedene Bereiche, unter anderem die Kniegelenk-Totalendoprothesen und komplexe Eingriffe an der Speiseröhre und der Bauchspeicheldrüse.

    Datenanalyse: Mindestmengen unterlaufen

    Wie viele der OPs, die unter die Mindestmengenregelung fallen, deutsche Krankenhäuser jährlich machen, müssen sie in ihren Qualitätsberichten veröffentlichen. Diese sind die einzige kostenfreie und öffentliche Datenbasis, an der sich Patienten orientieren können. BR Data, das Team der Datenjournalisten des BR, hat über 850 Qualitätsberichte bayerischer Krankenhäuser ausgewertet, die von 2008 bis 2016 veröffentlicht wurden und Angaben zu Mindestmengen-Eingriffen beinhalten. Das Ergebnis: Die Regelung, die Patienten schützen soll, wurde immer wieder unterlaufen. So hat 2016 fast jede fünfte Klinik in Bayern nach eigenen Angaben die gesetzlich geltenden Mindestmengen nicht erreicht.

    Der ehemalige Generalsekretär der deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Prof. Hartwig Bauer, sieht das kritisch: "Denn man weiß das aus den skandinavischen Ländern, man weiß das aber auch aus einzelnen Bereichen der USA, dass die Sterblichkeit nach diesen Operationen bei entsprechend höher setzenden Mindestmengen und vor allem rigoroser Umsetzung dieser Mindestmengen halbiert werden kann. Das ist ein schlagendes Argument, finde ich."

    Vorgaben verfehlt, trotzdem operiert

    Eigentlich darf ein Krankenhaus, das Mindestmengen unterschritten hat, den Eingriff nicht mehr durchführen. Doch es gibt Ausnahmen: Beispielsweise, wenn die OP nicht geplant, sondern ein Notfall ist, oder ein neuer Chefarzt angestellt wurde. Aber: Rund jedes zehnte Krankenhaus in Bayern hat in dem untersuchten Zeitraum von 2008 bis 2016 die Mindestmengen-Grenzen mindestens ein Mal nicht erreicht, ohne einen Ausnahmetatbestand anzugeben.

    Das heißt: Es kam zu mehr als 900 Operationen in Häusern, die nicht über die nötige Routine verfügten und ohne triftigen Grund operiert haben. Auf Anfrage verweisen einige Krankenhäuser darauf, dass sie die Mindestmengen-Regelung zwar nicht erreicht hätten, dies jedoch mit den Krankenkassen abgesprochen gewesen sei. So heißt es in einer Antwort:

    "Die Zahl der komplexen Eingriffe lagen in den vergangenen Jahren unter den Mindestmengen. Das ist den Kostenträgern selbstverständlich bekannt." Stellungnahme eines bayerischen Krankenhauses

    Andere Kliniken verweisen auf, so wörtlich, "technische Fehler", weshalb ihre Daten nicht korrekt in den Qualitätsberichten auftauchten. "In den von Ihnen geschilderten Fällen kam es dabei zu einem Übertragungsfehler, der auch durch die Prüfung nach dem 4-Augen-Prinzip unerkannt blieb", heißt es in einer Stellungnahme eines bayerischen Krankenhauses.

    Besserung in Sicht?

    Im November 2017 hat der zuständige G-BA, der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen, eine Neufassung der Mindestmengenregelungen beschlossen. Dadurch soll die Einhaltung der Regelung besser kontrolliert werden. "So wird künftig insbesondere durch die über die Vorgaben (in § 137 Absatz 3 SGB V) mögliche Einbeziehung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung die inhaltliche Richtigkeit von Informationen der Krankenhäuser sowie die Einhaltung von Qualitätsanforderungen verstärkt kontrolliert werden können", heißt es in der Stellungnahme des G-BA.

    Und: Krankenkassen ist es jetzt leichter möglich, Krankenhäusern die Vergütung zu verweigern, wenn sie die Regelungen nicht einhalten. Nach BR-Informationen haben das einige Kassen schon gemacht, andere Kassenvertreter halten es für schwierig, im Nachhinein dem Krankenhaus die Vergütung einer Operation zu verweigern, die längst gemacht wurde.

    Ob die Änderungen tatsächlich zu einer Verbesserung führen ist aufgrund von Übergangsbestimmungen frühestens ab dem Jahr 2020 nachprüfbar. Bis dahin raten Experten Patienten, immer zu erfragen, wie viele Operationen der zuständige Arzt im Jahr tatsächlich macht.

    Regionale Auswertungen und ausführliche Informationen zur OP-Mindestmengen-Recherche finden Sie im BR-Webspecial unter br.de/mindestmengen