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Kommentar zur Organspende: Kein Recht auf Ignoranz | BR24

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Tilmann Kleinjung/BR Religion

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    Kommentar zur Organspende: Kein Recht auf Ignoranz

    Die jetzt vom Bundestag verabschiedete Zustimmungslösung zur Organspende bietet eine gute Voraussetzung, das Leid der Patienten in den Blick zu nehmen. Denn es gibt kein Recht, sich nicht mit der Frage zu beschäftigten, meint Tilmann Kleinjung.

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    Ich möchte nicht in der Haut der Bundestagsabgeordneten stecken, die über diese Frage entscheiden mussten. Auf der einen Seite steht das Leid der Patienten, die dringend auf ein Spenderorgan warten. Auf der anderen Seite steht ein hohes Gut: unser Recht auf den eigenen Körper. Und noch gravierender: das Recht unserer Angehörigen, im Fall des Falles in unserem Sinne zu entscheiden. Die von Gesundheitsminister Spahn favorisierte Widerspruchslösung hätte diese Rechte massiv eingeschränkt.

    Im Zweifel gegen die Angehörigen - eine Horrorvorstellung

    Wenn ich auf die Frage, ob ich als Organspender zur Verfügung stehe, keine Antwort gebe, hätte das bereits als Zustimmung gegolten. Im denkbar schlimmsten Fall hätte diese Regelung dazu führen können, dass Organe gegen den ausdrücklichen Willen der Angehörigen entnommen werden. Eine Horrorvorstellung, wenn man sich in die Rolle desjenigen versetzt, der am Totenbett eines Ehepartners, eines Kindes, eines nahen Verwandten steht. Die Widerspruchslösung ist ein massiver Eingriff in unsere Rechtsordnung, in das Verhältnis von Staat und Individuum, weil in einer Frage, in der es um Leben und Tod geht, Schweigen als Zustimmung gewertet wird. Auch tote Menschen haben eine Würde, die bleibt durch die Bundestagsentscheidung gewahrt.

    Nun muss die Politik das Leid der Patienten in den Blick nehmen, die langen Wartelisten auf ein Spenderorgan. Dazu bietet das vom Bundestag verabschiedete Gesetz gute Voraussetzungen. Ein zentrales Online-Register und eine regelmäßige Abfrage, ob ich als Organspender zur Verfügung stehe. Alle zehn Jahre bei der Erneuerung des Personalausweises oder noch häufiger beim Hausarzt.

    Keine Bürgerpflicht zur Spende

    Es ist das gute Recht jedes einzelnen, diese Frage nicht zu beantworten. Aber es gibt kein Recht, sich mit dieser Frage nicht zu beschäftigen. Sich nicht in die Rolle desjenigen zu versetzen, der Woche für Woche ins Dialysezentrum muss, weil er keine Spenderniere bekommt. Es gibt keine Bürgerpflicht zur Organspende, aber es gibt auch kein Bürgerrecht auf Ignoranz. Die betroffenen Patienten haben Anspruch darauf, dass Organspende zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema wird. Allein die Debatte um die konkurrierenden Gesetzesentwürfe hat da schon sehr viel bewirkt. Und das ist auch ein Verdienst des Bundesgesundheitsministers.

    Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, Redaktion Religion und Orientierung