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Kommentar: Nur Schimpfen auf Trump ist zu einfach | BR24

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Ralf Borchard, Leiter der Redaktion Ausland und politischer Hintergrund

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    Kommentar: Nur Schimpfen auf Trump ist zu einfach

    Die Trump-Ankündigung, knapp 12.000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen, sorgt für empörte Reaktionen an den betroffenen Standorten und darüber hinaus. Doch wer nur auf den US-Präsidenten schimpft, macht es sich zu einfach, meint Ralf Borchard.

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    Ja, Donald Trump ist schwer zu ertragen. Er ist unberechenbar, macht Politik im "Hauruck"-Verfahren. Ja, es ist bitter für die Standorte in Bayern und anderen Bundesländern, wenn US-Soldaten wirklich im angekündigten Umfang abgezogen werden. Aber jetzt nur auf Donald Trump zu schimpfen – das ist zu einfach. Und es ist auch zu einfach, auf einen Wahlsieg von Joe Biden im November zu hoffen. Dass unter einem Präsidenten Biden alles wieder gut, alles so wie früher wird, dass ein Präsident Biden den Truppenabzug komplett stoppen, das deutsch-amerikanische Verhältnis mit einem Fingerschnippen reparieren würde – das anzunehmen, ist naiv.

    Der Truppenabzug folgt einem langfristigen Trend

    Die USA blicken seit langer Zeit mehr über den Pazifik statt über den Atlantik, Trump hin oder her. Schon Bill Clinton hat als Präsident Richtung Asien agiert. Hillary Clinton hat als Außenministerin das "pazifische Jahrhundert" ausgerufen. Auch unter Barack Obama war das Verhältnis zu Europa nicht einfach. Und dass Deutschland selbst mehr Geld für Verteidigung ausgeben muss, Richtung zwei Prozent des Bruttosozialprodukts - diese von republikanischen wie demokratischen US-Politikern erhobene Forderung beschäftigt die Münchner Sicherheitskonferenz, beschäftigt die Nato insgesamt seit Jahrzehnten.

    Europa muss außenpolitisch eigenständiger werden

    So einfach es uns Donald Trump macht, auf ihn zu schimpfen - wir müssen schon auch selbstkritisch in den Spiegel schauen. Haben nicht deutsche Verteidigungsministerinnen und –minister, die Kanzlerin, mehrere Bundespräsidenten schon reihenweise versprochen, Deutschland, die EU müssten außen- und sicherheitspolitisch selbständiger werden, mehr leisten? Haben sie damit nicht selbst eingestanden, dass wir es uns lange Zeit recht bequem gemacht haben unter dem Schutzschirm der USA? Dass gerade Deutschland mehr tun muss für eine europäische Außenpolitik, natürlich umfassend gedacht - mit Diplomatie, Wirtschaftskraft, Entwicklungshilfe - aber eben auch militärisch? Wenn wir uns fragen: Wie steht Europa denn da, außen- und sicherheitspolitisch, lautet die Antwort: eher schwach.

    Amerika ist mehr als das Weiße Haus

    Wir neigen in Deutschland grundsätzlich dazu, US-Präsidenten entweder eine Art Heiligenschein zu verpassen oder sie tendenziell zu verteufeln. Bill Clinton wurde viel verziehen, Barack Obama war neu und cool, da erschien ganz Amerika europanah. Dagegen wurde vor Donald Trump schon George W. Bush eher als simpler Cowboy abgestempelt. Die USA sind aber weit mehr als das Weiße Haus. Getragen wird das deutsch-amerikanische Verhältnis auch von Abgeordneten, Senatoren, den Gouverneuren der Bundesstaaten, Bürgermeistern. Auf Wirtschafts- und Wissenschaftskooperation kommt es an, auf Studentenaustausch, Schüleraustausch - das ist die Basis des deutsch-amerikanischen Verhältnisses, die wir pflegen müssen.

    Wo war denn nach der ersten Ankündigung eines Truppenabzugs die breit angelegte diplomatische Initiative von deutscher Seite, das Verhältnis trotz Trump zu verbessern? Also: Donald Trump ist schwer erträglich - aber die Inkonsequenz deutscher und europäischer Politik ist es auch.

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