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Kommentar: Dilemma der Kirchen - wie den Massenexodus stoppen? | BR24

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Bis 2060 werden Studien zufolge die Kirchen nur noch halb so viele Mitglieder haben wie heute. Der Großteil, der Austritt, hat sich schon längst von der Kirche verabschiedet.

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Kommentar: Dilemma der Kirchen - wie den Massenexodus stoppen?

Mehr als 540.000 Menschen in Deutschland waren im vergangenen Jahr beim Standesamt und haben ihren Austritt aus der Kirche erklärt. Ein Formular, eine Bearbeitungsgebühr, eine Unterschrift - und die Kirche verliert wieder ein Mitglied. Ein Kommentar.

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540.000 Menschen - das entspricht Städten so groß wie Nürnberg, Hannover oder Dresden. Der Massenexodus bei den beiden großen christlichen Kirchen hält an, wird sogar von Jahr zu Jahr größer. Deshalb muss man kein Prophet sein: In Deutschland werden die Christen zur Minderheit. In wenigen Jahren ist es soweit. Das Phänomen, mit dem wir es zu tun haben, heißt Säkularisierung.

Menschen verlieren den Bezug zur angestammten Religion, gehen nicht einmal mehr an Weihnachten in die Kirchen und fragen sich irgendwann beim Blick auf den Gehaltszettel oder nach einem Umzug: Warum bin ich da überhaupt noch Mitglied? Dass die Kirchen durch Missbrauchs- und Finanzskandale in der Vergangenheit das eigene Image nachhaltig beschädigt haben, erleichtert vielen den Beschluss, zu gehen.

Ein "Weiter so" wird nicht mehr lange funktionieren - auch finanziell

Die beiden großen Kirchen in Deutschland müssen auf diese Entwicklung reagieren. Noch viel radikaler als bisher. Denn ein "Weiter so" wird auch finanziell nicht mehr lange funktionieren. Schon im laufenden Jahr rechnen die kirchlichen Finanzexperten wegen der Corona-Krise mit deutlich sinkenden Kirchensteuereinnahmen.

Eine Option: Die Kirche konzentriert sich wieder aufs Kerngeschäft - Gottesdienste feiern, taufen, trauen, bestatten. Klingt verführerisch: Reduktion aufs Wesentliche. Doch der Verzicht auf gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch birgt ein Risiko: Die Kirche verzwergt, würde zur Sekte. Eine Gemeinschaft von Überzeugten für Überzeugte.

Das andere Extrem wäre: Die Kirche und ihre Vertreter engagieren sich noch mehr als bisher für die Schwächsten, ergreifen Partei für Verfolgte und Abgehängte, mischen sich laut in gesellschaftliche Debatten ein. Also ein großer Wohlfahrtsverband mit angeschlossenem Gottesdienstbetrieb. Das ist auch keine zukunftsfähige Lösung.

Kirchen müssen aktiv werden

Wenn die Kirchen langfristig eine Rolle in dieser Gesellschaft spielen wollen, müssen sie aktiv werden. Sie müssen die Menschen überzeugen, um nicht das in Misskredit geratene Wort "missionieren" zu gebrauchen.

Was alles möglich ist, hat die Corona-Krise gezeigt: Pfarrerinnen und Pfarrer, die auf einmal ganz neue Wege zu ihren Gemeindemitgliedern finden. Die nicht erst warten, bis die Menschen wieder in die Kirche dürfen, sondern von sich aus anrufen, Mails schicken, chatten. Und immer wieder Trost spenden: Alten und Kranken, die monatelang isoliert waren. Angehörigen, die einen lieben Menschen verloren haben. Familien, die an der Situation verzweifeln.

Auch das hat die Corona-Krise gezeigt: Ohne die Kirchen wäre diese Gesellschaft ärmer.

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