BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Kommentar: Die Geduld der Missbrauchsopfer ist endlich | BR24

© BR/Tilmann Kleinjung

Kommentar von Tilmann Kleinjung

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Kommentar: Die Geduld der Missbrauchsopfer ist endlich

Vor zehn Jahren wurden die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich. Die Bischöfe bitten jetzt um Verständnis, dass sie für deren Aufarbeitung mehr Zeit brauchen. Doch den Opfern geht langsam die Geduld aus, meint Tilmann Kleinjung.

Per Mail sharen

Vor zehn Jahren fassten sich drei ehemalige Schüler des Berliner Canisius-Kollegs ein Herz und informierten den damaligen Rektor der Jesuiten-Schule über den Missbrauch, den sie in den 1970er und 80er Jahren dort erlebt hatten. Mit ihrer Anzeige lösten sie etwas aus, was die katholische Kirche bis heute unter der Überschrift "Missbrauchsskandal" erschüttert.

Es war der Schneeball, der, wenn er einmal ins Rollen kommt, eine Lawine auslöst: das Kloster Ettal, die Regensburger Domspatzen und zahlreiche andere katholische Institutionen haben eine Missbrauchsgeschichte: Geistliche wurden zu Tätern, Minderjährige zu Opfern. Und in viel zu vielen Fällen haben die Verantwortlichen weggeschaut, die Täter gedeckt oder an Orte versetzt, wo sie sich dann erneut an Kindern vergehen konnten. So war das auch mit den Patres am Berliner Canisius-Kolleg.

Kirche bittet erneut um Geduld

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, eigentlich mehr als genug, um die Lehren aus einem solchen Skandal zu ziehen. Doch die katholische Bischofskonferenz bittet heute erneut um Geduld. "Diese komplexen Themen benötigen viel Zeit für ihre Bearbeitung", heißt es in einer Pressemitteilung. Offenbar können sich die Bischöfe nicht darauf einigen, wie sie die Opfer entschädigen. Juristen, Politiker und Betroffene haben im Auftrag der Bischofskonferenz Entschädigungsmodelle erarbeitet, die - je nach Fall - zwischen 300.000 und 400.000 Euro vorsehen.

Das wäre hochgerechnet eine Milliarde für die gesamte katholische Kirche. Eine starke Geste der Versöhnung, eine ungewöhnlich hohe Summe, die aber von der reichen deutschen Kirche, die in den letzten Jahren ständig steigende Kirchensteuereinnahmen verzeichnen durfte, durchaus zu stemmen wäre. Vielen Betroffenen, die oft ein ganzes Leben lang an den Folgen des erlittenen Leids tragen, bleibt nicht mehr viel Zeit. Ihnen gegenüber wirkt die Bitte um Verständnis zynisch.

Ist Ansehen der Amtsträger wichtiger als Aufklärung?

Unklar ist auch, wie es mit der Aufarbeitung des Skandals weitergeht. Wer hat außer den Tätern Verantwortung? Die Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz und der Bundesregierung hatten sich auf eine Untersuchung der kirchlichen Akten durch unabhängige Experten geeinigt. Damit klar wird, welcher Bischof, welcher Personalreferent hat Taten vertuscht, Täter versetzt. Doch auch hier bitten die Bischöfe noch um Geduld. Und so entsteht der Eindruck, dass manchen Oberhirten das Ansehen der Institution und die Reputation der Amtsträger immer noch wichtiger sind als schonungslose Aufklärung.

Natürlich hat die katholische Kirche in diesen zehn Jahren auch etwas verändert. Die Präventionsangebote werden allgemein als vorbildlich gelobt. Die systemischen Ursachen des Missbrauchsskandals wollen die Bischöfe gemeinsam mit Vertretern der Kirchenbasis in einem "Synodalen Weg" aufarbeiten: die ungleiche Machtverteilung, die untergeordnete Rolle von Frauen und vieles mehr, was den Missbrauchsskandal überhaupt erst möglich gemacht hat. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx hat davor gewarnt, zu schnelle Ergebnisse beim "Synodalen Weg" zu erwarten. Das mag angesichts von 2.000 Jahren Kirchengeschichte durchaus realistisch sein. Doch den Betroffenen von Missbrauch, den Mitgliedern und den Mitarbeitern der Kirche geht langsam die Geduld aus.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, Redaktion Religion und Orientierung