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Kommentar: Der Kampf um und gegen Drosten | BR24

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Jeanne Rubner, Redaktionsleiterin Wissen und Bildung aktuell

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    Kommentar: Der Kampf um und gegen Drosten

    Wenn der Name Christian Drosten fällt, kommt es seit Beginn der Corona-Krise zur Spaltung der Gesellschaft. Zwei Lager und dazu die Medien - das polemisiert wissenschaftliches Arbeiten zunehmend. Ein Kommentar von Jeanne Rubner

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    Virologe Drosten gegen Massenblatt Bild, Virologe Kekule gegen Drosten, Politiker Müller für Drosten. Auf Twitter und Papier tobt ein bizarrer Streit um die virologische Meinungsführerschaft. Was als zugespitzte Boulevardstory begann, hat sich zu einem Frontenkrieg weiterentwickelt. Zuletzt meinte der Berliner Bürgermeister Michael Müller, für den Berliner Forscher Drosten in die Bresche springen zu müssen. Als ob es dabei um Lokalpolitik ginge. Es geht um viel mehr. Nämlich um das Selbstverständnis von Wissenschaft und um deren Rolle in der Politik.

    Agierte Christian Drosten naiv?

    Der unschöne mediale Schlagabtausch zwischen Bild und Christian Drosten ist dabei schon fast ein Nebenkriegsschauplatz. Natürlich ist es journalistisch unanständig, einen Forscher mit inhaltlichen Vorwürfen zu konfrontieren und innerhalb von einer Stunde eine Stellungnahme zu fordern. Und genauso gehört es sich nicht, die Handynummer eines Journalisten zu twittern.

    Der renommierte und zweifelsohne beste Corona-Kenner der Republik scheint da die Nerven verloren zu haben. Dabei sollte einer, der täglich per Podcast die Corona-Gefahr interpretiert und seine Ergebnisse gerne twittert, auch wenn sie noch nicht bewiesen sind, verstehen, wie Medien und öffentliche Meinung funktionieren. Wer bereit ist, der Nation die Pandemie zu erklären und auch wissenschaftliche Ergebnisse für die Politik interpretiert, darf nicht so naiv sein zu glauben, er sei unangreifbar.

    Das Prinzip von Rede und Gegenrede - auch in der Wissenschaft

    Viel wichtiger als die Causa Bild gegen Drosten ist die Frage, wie Wissenschaft funktioniert und welchen Rat sie der Politik in Krisenzeiten wie diesen liefern kann. Wissenschaft ähnelt einem Puzzle, erst viele kleine Teile ergeben ein Bild. Und es kann mal sein, dass ein falsches Teil von einem anderen Puzzle verwendet wird. Deswegen ist es gefährlich, einzelne Studien zu nutzen, um politische Entscheidungen zu rechtfertigen oder auch einzelne Forscher als Kronzeugen zu berufen.

    Ob die Annahme von Christian Drosten, Kinder könnten ebenso ansteckend sein wie Erwachsenen, stimmt oder nicht, ist noch offen. Jedenfalls gibt es Kritik von renommierten Statistikern. Aber so funktioniert Wissenschaft: Man macht Experimente, zieht daraus Schlüsse, andere versuchen, das zu bestätigen oder zu widerlegen. Und so lange es keinen Konsens gibt, dass die Ergebnisse wasserdicht sind, muss man diese Unsicherheit mitberücksichtigen. Alles andere ist ein Missbrauch von Wissenschaft.

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