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Kommentar: Das Gift wirkt - aus bösen Worten werden böse Taten | BR24

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Kommentar: Das Gift wirkt. Aus bösen Worten werden böse Taten

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Kommentar: Das Gift wirkt - aus bösen Worten werden böse Taten

Bei dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle sind gestern zwei Menschen gestorben und zwei schwer verletzt worden. Dieser Anschlag trifft alle. Denn in Halle haben Staat und Gesellschaft versagt, meint BR-Redakteur Tilmann Kleinjung.

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Vor einigen Monaten hat Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Juden in Deutschland davor gewarnt, "jederzeit überall die Kippa zu tragen". Durch diese Kopfbedeckung outet sich ein Mann als Jude und setzt sich so einem erhöhten Risiko aus, beschimpft, bespuckt oder angegriffen zu werden. Klein begründete seine Warnung mit einer "zunehmenden Enthemmung und Verrohung". Was für ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

Ausreichender Polizeischutz: Fehlanzeige!

Nun in Halle der Offenbarungseid: Ein Staat, der jedes drittklassige Fußballspiel mit einem enormen Polizeiaufgebot begleitet, schafft es nicht, eine kleine jüdische Gemeinde an ihrem höchsten Feiertag zu schützen. Zwei Menschen sterben durch die Hand eines verblendeten Attentäters. Unsere Behörden konnten diesen Anschlag nicht verhindern. Aus Lethargie, Desinteresse oder falsch verstandener Sparsamkeit?

Auf die Warnrufe von Felix Klein oder von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, antwortete die Politik stets mit dem Mantra "Nie wieder!" und mit der Selbstverpflichtung, gegen Antisemitismus vorzugehen. An die einfachste und effektivste Form des Schutzes jüdischen Lebens in Deutschland dachte offenbar bislang niemand. Viele kleinere Gemeinden haben selbst an hohen Feiertagen keinen Polizeischutz. Das ist ein fahrlässiges Versäumnis der Politik.

Politische Zündler tragen Mitverantwortung

Mindestens genauso beunruhigend ist das gesellschaftliche Klima, in dem so eine Gewalttat gedeihen konnte. Potenziert durch die Echokammern der sozialen Netzwerke verbreitet sich der Hass. Das Gift wirkt. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München macht die AfD für den Anschlag mitverantwortlich, die "solchen Exzessen mit ihrer Unkultur von Hass und Aufhetzung den Boden bereitet" habe. Das ist richtig. Auf böse Worte folgen böse Taten. Verschwörungstheoretiker und Waffenhändler haben Konjunktur.

Freiheit der Religionsausübung ist in Gefahr

Ziel des Hasses sind die, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen. Gestern waren es Juden, morgen können es Muslime sein. Der Antisemitismus und der Hass auf den Islam gehen Hand in Hand. Auch Moscheen in Deutschland wurden bereits zum Ziel von Anschlägen. Eines der wichtigsten Grundrechte, die Freiheit der Religionsausübung, ist in Gefahr. Und das beginnt bereits dort, wo Religion (welche auch immer) bekämpft wird, wo religiöse Menschen verächtlich gemacht werden.

Dieser Anschlag trifft alle

Die Gläubigen der verschiedensten Religionsgemeinschaften in Deutschland tun gut daran, wenn sie sich nun zusammenschließen. Dieser Anschlag trifft alle. Natürlich: Hardliner gibt es in jeder Religion: die, die keinen Dialog wollen, die den Hass verbreiten. In muslimischen Kreisen wächst der Antisemitismus. Und am ganz rechten Rand der Kirchen sympathisieren Christen mit den Positionen der AfD und wollen das christliche Abendland retten. Spätestens jetzt ist der richtige Zeitpunkt, solche Tendenzen zu bekämpfen.

Ein Kommentar von BR-Redakteur Tilmann Kleinjung

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Vor der Synagoge in München sprechen am Abend Angehörige aller Weltreligionen ein Friedensgebet. Die Verunsicherung in der jüdischen Gemeinde ist groß - auch auch die Anteilnahme und die Solidarität.