BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Koloniales Erbe: Verantwortung für Raubkunst | BR24

© picture-alliance / dpa | Stephanie Pilick
Bildrechte: picture-alliance / dpa | Stephanie Pilick

Koloniales Erbe beschäftigt den Bundestag: Bis zu 90 Prozent des afrikanischen Kulturerbes soll in europäischen Museen lagern.

2
Per Mail sharen

    Koloniales Erbe: Verantwortung für Raubkunst

    Wie soll Deutschland mit seiner kolonialen Vergangenheit umgehen? Damit hat sich nun auch der Deutsche Bundestag beschäftigt. Es geht um Verantwortung für Raubkunst. Bis zu 90 Prozent des afrikanischen Kulturerbes soll in europäischen Museen lagern.

    2
    Per Mail sharen
    Von
    • Daniel Schmidthäussler

    Deutschland hat, wie viele andere europäische Länder auch, eine koloniale Vergangenheit. Ein Aspekt dieser europäischen Expansionspolitik war es, "Wertvolles" aus den Kolonien nach Europa zu bringen. Und so kommt es, dass bis heute in zahlreichen Museen Europas Exponate aus Afrika liegen - zu einem großen Teil unrechtmäßig.

    Ein doppelseitig geschnitzter Holzpfosten aus Kamerun, Köpfe, Figuren, Ornamente, verzierte Echsen. Als die Künstler Franz Marc und Wassily Kandinsky vor über einhundert Jahren das Objekt im damaligen Münchner Völkerkundemuseum zum ersten Mal sehen, sind sie beeindruckt. So beeindruckt, dass sie das Kunstwerk 1912 in ihren Almanach aufnehmen: Die Schnitzerei wird als "Der Blaue Reiter"-Pfosten weltbekannt. Er steht noch immer in München. Nur das Museum hat sich umbenannt: Fünf Kontinente heißt es jetzt. Inzwischen ist klar: Bei der Figur handelt es sich wohl um Kriegsbeute. Und: Das Museum besitzt 30.000 solcher Objekte aus Afrika, bei mehr als 80 Prozent ist die Herkunftsgeschichte nicht vollständig geklärt.

    "Moralische Verantwortung"

    Kulturstaatsministerin Monika Grütters macht sich im Bundestag stark für eine "proaktive" Aufarbeitung der Bestände in den Museen: "Es bleibt unsere moralische Verantwortung, Unrecht und Ungerechtigkeit ans Licht zu holen und unsere koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten - nicht zuletzt auch kulturpolitisch."

    Damit könnte auf die Museen eine sehr langfristige Aufgabe zukommen. Die Kunsthistoriker Bénédicte Savoy und Felwine Sarr haben vor gut zwei Jahren einen vielbeachteten Bericht vorgelegt. Der Titel: Die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter. Darin schreiben sie: 90 Prozent des afrikanischen Kulturerbes lagere in europäischen Museen und Archiven. Damals: viel diskutiert. Heute: anerkannte Forschung.

    "Kein Familiengeheimnis"

    "Man redet darüber. Es ist kein Tabu mehr, es ist kein Familiengeheimnis mehr", sagt Savoy kurz nach Veröffentlichung des Berichts: "Als ich vor einigen Monaten sagte, ich möchte wissen, wieviel Blut an den Objekten klebt, haben einige geantwortet, es klebt da gar kein Blut, oder was ist das für eine Übertreibung?"

    Dass an vielen Kunstgegenständen tatsächlich "Blut klebt", bestreitet auch der Deutsche Museumsbund nicht. Wieviel Blut, das ist allerdings unklar. Um einen genaueren Überblick zu bekommen, hat der Museumsbund jetzt einen "Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" herausgegeben. Museen sollen ermutigt werden, ihre eigenen Bestände selbst kritisch zu überprüfen.

    Impulsgeber Leitfaden

    "Es geht nicht um die ethische Beurteilung der damaligen Vorkommnisse. Es geht um heute", sagt Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbunds. "Der Hintergrund dieser ganzen kolonialen Debatte ist ja der, dass man über vergangenes Unrecht spricht und heute zu einem Dialog darüber zusammenfinden muss. Dieser Dialog heute, der muss unter ethischen Prinzipien geführt werden."

    Bis auf die AfD setzen sich alle Bundestagsfraktionen für eine kritische Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus und die Anerkennung des Unrechts gegenüber der Herkunftsgesellschaften ein. Brigitte Freihold von der Linken fordert ein Restitutionsgesetz. Restitution sei eine Konsequenz von Verbrechen und müsse deshalb verrechtlicht werden: "Wir brauchen ein umfassendes Restitutionsgesetz mit verbindlichen Regeln für Museen und auch für private Sammler. Eine unabhängige Kommission ist nötig, ähnlich der beratenden Kommission bei NS-Raub, die bei Streit und Verdachtsfällen als Mediationsstelle fungiert."

    Restitutionsgesetz

    Wiebke Ahrndt leitet die Arbeitsgruppe für den Leitfaden seit 2016. Sie ist auch Direktorin des Überseemuseums in Bremen. Ahrndt sagt: 30 Prozent ihres Sammlungsbestands komme aus kolonialen Kontexten. Rückgabeforderungen seien in Museen jedoch nicht an der Tagesordnung, in den Herkunftsgesellschaften spielten diese nur eine untergeordnete Rolle:

    "Das, was eigentlich die wirklich herausragende Forderung ist: Wir wollen wissen, was ihr in den Sammlungsbeständen habt. Wir wollen auch Einblicke in die Archive, wir wollen wissen, wie die Sachen nach Deutschland gekommen sind. Wir wollen mit euch zusammenarbeiten, in Forschung und in Ausstellung."

    Zentral gebündelte Datenbank

    Die großen ethnologischen Museen haben ihren Bestand in Datenbanken mittlerweile gut erfasst. Sie sollen jetzt zentral gebündelt werden. Für die Online-Stellung heißt es vielerorten, fehlten lediglich noch Bilder. Doch während die großen Häuser feste Provenienz-Forschungsbereiche unterhalten, die Herkunft und Erwerbsumstände ihrer Bestände prüfen, fehlt in den meisten kleinen Museen dafür das Geld. Verantwortung für die eigene Sammlung zu übernehmen, bleibt eine freiwillige Leistung der einzelnen Institutionen. Daran haben auch die insgesamt elf Anträge der Oppositionsparteien im Bundestag nichts geändert. Sie wurden allesamt mit den Stimmen der Großen Koalition abgelehnt.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!