Frau in Somalia kocht über offenem Feuer
Bildrechte: picture alliance / AA | Arif Hudachverdi Yaman

Welchen Blick auf die Südhalbkugel vermitteln kirchliche Hilfswerke?

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Koloniale Klischees? Hilfswerke bedienen fragwürdige Bilder

Spendenaufrufe kirchlicher Hilfswerke appellieren häufig ans Mitleid, etwa mit Bildern unterernährter afrikanischer Kinder. Sie reproduzieren damit ein negativ gefärbtes Klischeebild des globalen Südens. Ist das kolonialistisch? Oder gar rassistisch?

Über dieses Thema berichtet: BR24 im Radio am .

Das afrikanische Kind blickt ernst, sein Kopf scheint riesig, seine Beine dünn wie Streichhölzer. Mit diesem Bild hat das katholische Hilfswerk "Misereor" 1971 für Hilfsprojekte in Afrika geworben - für die Theologin Sarah Vecera ein Stein des Anstoßes. Sie kritisiert, dass People of Colour von den Kirchen oft nur als Hilfsbedürftige gesehen werden, bis heute. Das sei eine Folge des Kolonialismus.

Überall dort, wo die Kirchen Ende des 19. Jahrhunderts ihre Missionare hinschickten, hätten sie maßgeblich dazu beigetragen, die Rassenideologie zu legitimieren, so Sarah Vecera etwa auf dem Evangelischen Kirchentag. Kirchen hätten sich zur Legitimation auch auf die Bibel berufen.

Kirchen legitimierten Rassismus mit der Bibel

Tatsächlich interpretierten manche Theologen die Nachkommen Hams, eines der Söhne Noahs aus dem Alten Testament, als schwarz. Der biblischen Erzählung nach sind die Nachkommen Hams verflucht, was Theologen vor allem in den calvinistisch geprägten USA bisweilen als Rechtfertigung für Sklavenhaltung und Begründung für rassistische Theorien über eine Unterlegenheit von People of Colour nutzten.

"Steht ja schon in der Bibel: Schwarz ist schlecht und weiß ist gut", so Vecera im BR-Interview. "Dass damit keine Hautfarben gemeint waren, das stand auf einem anderen Blatt Papier", sagt die Theologin. Damit hätten allerdings die Kirchen maßgeblich dazu beigetragen, dass rassistische Ideologie geistlich und moralisch untermauert hochgehalten wurde.

Arme schwarz, Helfer weiß - ein hartnäckiges Narrativ

Die Armen sind schwarz, die Helfer sind weiß: Dieses Narrativ halte sich aber bis heute, beobachtet Vecera. Für sie ist das Rassismus, der im Deckmantel der Nächstenliebe daherkomme.

Dass die Kirchen im Kolonialismus eine problematische Rolle gespielt haben, wissen natürlich kirchliche Hilfswerke. Aber welche untergründig weiterwirkenden Narrative damit bis heute einhergehen, kommt erst nach und nach ins Bewusstsein. Beate Schneiderwind leitet die Abteilung Kommunikation bei "Misereor". In den letzten Jahren habe sich das katholische Hilfswerk intensiv mit dem Thema Dekolonialisierung auseinandergesetzt und Konsequenzen gezogen.

Kirchliche Hilfswerke hinterfragen heute ihre Bildsprache

"Früher wurden die Menschen tatsächlich oft auch in ihrer Opferrolle gezeigt: Opfer von Kriegen, Hunger, Dürren und von Unterdrückung", so Schneiderwind. "Das zeigen wir nicht mehr. Wir zeigen jetzt Menschen aus diesen Gegenden, die genau dagegen ankämpfen."

Die Arbeit der kirchlichen Hilfswerke stehe nicht mehr unter dem Motto "Entwicklungshilfe", sondern verstehe sich als Partnerschaft. Diesen Perspektivwechsel spiegelten auch die Plakate, die für Spenden werben: 2023 zeigt "Misereor" eine stolze Kleinbäuerin aus Madagaskar im bunten Kleid.

Menschen als Veränderer inszeniert, nicht als Opfer

Auch das evangelische Hilfswerk "Brot für die Welt" setzt sich mit kolonialistischen Stereotypen auseinander, wie Anne Dreyer, Leiterin Kommunikation und Fundraising, versichert. Nicht umsonst habe sich die Bildsprache der Spendenkampagnen in den vergangenen Jahren sehr verändert. Man wolle Menschen stärker "als Veränderer, als Aktivisten" darstellen, "mit ihrer ganzen Stärke und eben auch ihre Lebensbedingungen in der Komplexität schildern, wie sie existieren."

Gerade wegen ihres kirchlichen Hintergrunds und der teils kolonialistischen christlichen Missionsgeschichte sehen es Hilfswerke wie "Brot für die Welt" und "Misereor" als ihre Aufgabe, rassistische Stereotype zu entlarven: etwa dass alle People of Colour von den Weißen Hilfe bräuchten oder dass Kirchen im Süden vom Norden missioniert werden müssten. Nur so könne Dekolonialisierung langfristig gelingen.

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