BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Klöckner und Schulze in Brüssel: Streit um Düngeverordnung | BR24

© BR/Claudia Plaß

Deutschland unternimmt nach Ansicht der EU-Kommission zu wenig gegen Nitrat im Grundwasser. Landwirtschaftsministerin und Umweltministerin sind deswegen in Brüssel, um eine Klage gegen Deutschland abzuwenden.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Klöckner und Schulze in Brüssel: Streit um Düngeverordnung

Deutschland unternimmt nach Ansicht der EU-Kommission zu wenig gegen Nitrat im Grundwasser. Landwirtschaftsministerin und Umweltministerin sind deswegen in Brüssel, um eine Klage gegen Deutschland abzuwenden. Worum geht es bei dem Streit?

Per Mail sharen
Teilen

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kämpfen in Brüssel gegen eine Klage der EU gegen Deutschland. Streitpunkt sind die hohen Nitrat-Werte im deutschen Grundwasser. Hier die drei wichtigsten Fragen zum Thema:

1. Brüssel gegen Berlin – was ist das Problem?

Die EU-Kommission streitet seit Jahren mit der Bundesregierung über den Grundwasser-Schutz. Laut Brüssel bringen die deutschen Bauern viel zu viel Gülle und Dünger auf den Feldern aus. Das führe zu einer zu hohen Nitratbelastung. Erlaubt sind nach einer EU-Richtlinie höchstens 50 Milligramm Nitrat oder Stickstoff pro Liter Grundwasser. Diese Höchstmenge wird nach den Worten von EU-Umweltkommissar Karmenu Vella in vielen Regionen überschritten.

Deutschland hat zwar vor zwei Jahren die Vorgaben für die Landwirte verschärft. Das reicht der EU-Kommission aber nicht aus. Sie droht mit einer Klage. Im Falle einer Verurteilung müsste Deutschland bis zu 850.000 Euro am Tag Strafe zahlen – pro Tag.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) wollen der Kommission nun verschärfte Regeln für die deutschen Bauern unterbreiten: In besonders gefährdeten Gebieten soll es eine Sperrzeit zum Düngen geben, an Hängen und in der Nähe von Gewässern muss der Abstand zum zu düngenden Boden größer werden, so die Vorschläge der beiden Ministerinnen.

2. Nitrat im Grundwasser - wie viel Dünger verträgt der Boden und der Mensch?

Nitrat an sich ist eigentlich nichts Schlimmes. Im Gegenteil: es ist wichtig für das Wachstum der Pflanzen und es schadet dem Menschen erstmal nicht. Auch Salate und Gemüse wie Rucola, Spinat, Kohlrabi, Rote Beete und Rettich können hohe Nitratmengen enthalten. Zu viel Nitrat aber kann vor allem für Babys gesundheitsschädlich sein. Gelangt das Nitrat in den Körper, kann es zu einer Umwandlung in Nitrit kommen. Das führt vor allem bei Säuglingen zu einer Störung des Sauerstofftransports. Es kommt zu einer Blausucht, das Baby kann innerlich ersticken.

Auch Böden können Nitrat eigentlich gut verkraften. Nur wenn es zu viel wird oder der Boden wegen Kälte und Frost gar nicht aufnahmefähig ist, sickert es ins Grundwasser – und kann damit ins Trinkwasser gelangen. Die Reinigung für die örtlichen Wasserbetriebe wird immer aufwändiger. In Bayern sind mehrere Regionen stark belastet, vor allem die Gebiete zwischen Regensburg und Landshut, zwischen Ingolstadt und Augsburg sowie zwischen Bamberg, Würzburg und Ansbach gelten als „rote Gebiete“. Dort müssen Bauern schon jetzt strengere Regeln beim Ausbringen von Gülle beachten als im Rest Bayerns. Zwei Drittel der Fläche in Bayern gilt als „grünes Gebiet“, das Trinkwasser ist nicht über dem Grenzwert belastet.

© BR Grafik

Die Nitratbelastung des Grundwassers in Bayern

3. Flächenland Bayern – wohin mit der ganzen Gülle?

Viele Tiere verursachen viel Mist. Bei einer zu hohen Tierdichte kann der Boden die viele Gülle nicht aufnehmen. Ein Problem für die hohe Nitratbelastung der Böden ist neben zu viel Dünger die Massentierhaltung. Schweinemastbetriebe oder Geflügelzucht mit tausenden Tieren sorgen dafür, dass das Grundwasser in Regionen mit vielen solcher Betriebe stark belastet ist. Weite Teile Niedersachsens haben damit ein gewaltiges Problem. Doch auch in Oberbayern, Niederbayern und Schwaben ist die Dichte an Tieren pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche zu hoch. So hat es der Bund Naturschutz im Fleischatlas 2018 (siehe hier) ausgerechnet.

Die Massentierhaltung führt mittlerweile zu einem regelrechten „Gülletourismus“: Die Jauche wird aus den stark in die weniger belasteten Gebiete gebracht. Für Bayern gibt es keine genauen Zahlen, in Niedersachen und Nordrhein-Westfalen wird dagegen genau erfasst, wer seinen Mist wohin fährt.

Um das Problem bei den Wurzeln zu packen, muss nach Ansicht von Umweltverbänden und den Grünen die Massentierhaltung zurückgehen. Die umweltpolitische Sprecherin der Grünen, Bettina Hoffmann, wirft den Ministerinnen Klöckner und Schulze vor, sie verhinderten ein klares Umdenken in der Agrarpolitik. Der Tierbestand müsse drastisch reduziert werden, so Hoffmann.

Der Bauernverband hält dagegen, die Verschärfung der Düngeverordnung aus dem Jahr 2017 zeige bereits Wirkung. Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte, in Regionen mit hoher Tierdichte sinken die Viehzahlen.