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Leere Betten in einem Krankenhaus (Symbolbild)

Bildrechte: pa / dpa / Soeren Stache
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Klinik-Schließungen: Kommt nach Corona die Versorgungskrise?

Wäre die Gesundheitsversorgung in Deutschland besser, wenn es weniger, dafür aber größere Krankenhäuser gäbe? Schon vor der Corona-Pandemie gab es intensive Diskussionen über diese Frage - und die Debatte wird intensiv weiter geführt, auch in Bayern.

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Nikolaus  NützelNikolaus Nützel
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Ein Verstoß gegen das Grundrecht der Bürger "auf Leben und körperliche Unversehrtheit" nach Artikel 2 des Grundgesetzes: Nichts Geringeres sieht Klaus Emmerich vom "Bündnis Klinikrettung" in der geplanten Schließung des Krankenhauses im oberpfälzischen Roding. Denn die Klinik mit 90 Betten sei offiziell als "versorgungsrelevant" eingestuft, sagt Emmerich. Wenn sie dicht gemacht wird, könne der Weg für Notfall-Patienten so weit werden, dass ihr Leben in Gefahr gerät, warnt er.

Klinik-Schließungen während der Corona-Pandemie, die nicht hätten geschehen dürfen, beklagt die Bürgerinitiative auch in Vohenstrauß, Fürth und Marktheidenfeld. Und sie kritisiert Schließungs- oder Umbaupläne in Schongau ebenso wie in Eichstätt. Sie sind nach Ansicht von Klaus Emmerich ein "Anschlag auf die Gesundheit der Bevölkerung".

Bessere Medizin in weniger Krankenhäusern

Widerspruch gegen die Warnungen vor Klinikschließungen bekommt das "Bündnis Klinikrettung" unter anderem von vielen Gesundheitsökonomen, etwa von Prof. Boris Augurzky vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Es gebe klare wissenschaftliche Belege dafür, dass Krankenhäuser in vielen Bereichen um so besser arbeiten, je öfter sie einen Eingriff vornehmen, erklärt Augurzky.

Er war als Beirat an einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Berliner IGES-Instituts beteiligt, die 2019 zu dem Ergebnis kam: Die Gesundheitsversorgung wäre besser, wenn die Zahl der etwa 1.700 Kliniken, die es derzeit Deutschland gibt, um rund die Hälfte gesenkt würde. Die verbleibenden Kliniken sollten gleichzeitig deutlich ausgebaut und besser ausgestattet werden, heißt es in der Studie.

Augurzky selbst hält eine so radikale Ausdünnung der Kliniklandschaft nicht für gut umsetzbar. Wenn aber etwa ein Sechstel der Standorte wegfiele, wäre das schon ein großer Schritt in die richtige Richtung, sagt er. Auch die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass Patienten, die etwa eine Beatmung brauchen, am besten in Kliniken behandelt werden, die sich mit solchen Verfahren gut auskennen, betont der Gesundheitsökonom: "Sodass ich die Aussage, dass wir noch stärker konzentrieren können, die ich vor der Pandemie gemacht habe, auch nach der Pandemie nicht ändern würde."

Für kleine Standorte fehlt das Personal

Und selbst wer nicht akzeptiert, dass die Behandlung in weniger, aber dafür größeren Krankenhäusern besser und kostengünstiger sei, sollte eigentlich ein anderes Argument akzeptieren, findet Augurzky: Für Krankenhäuser mit 80 oder 90 Betten lasse sich kaum noch geeignetes neues Personal finden.

Früher habe in solchen Klein-Kliniken eine Art "Allround-Chirurg" gestanden, der vom Blinddarm über den Abszess bis zur Hüfte alles Mögliche operierte. Inzwischen aber habe sich die Medizin von Jahr zu Jahr immer breiter aufgefächert: "So jemanden, der sagt, ich kann in der Chirurgie alles, werden Sie beim Nachwuchs nicht finden."

Umbau-Erfahrungen im Landkreis Ansbach

Diese Einschätzung des Gesundheitsökonomen Boris Augurzky kann der Vorstand des kommunalen Klinik-Verbundes AN Regiomed, Gerhard Sontheimer, bestätigen. Er weiß, dass es Menschen gibt, die etwa dem Krankenhaus in Feuchtwangen nachtrauern. Das frühere 80-Betten-Haus wurde schon vor über zehn Jahren in eine sogenannte Praxisklinik umgewandelt, die der Klinikverbund des Landkreises Ansbach betreibt.

"Ein Krankenhaus dieser Größe können Sie nicht mehr sinnvoll betreiben", betont Sontheimer. Jetzt ist unter anderem eine Kurzzeitpflege mit 24 Betten in den ehemaligen Krankenhaus-Räumen untergebracht. In diesem Frühjahr wurde allerdings ein wochenlanger Aufnahmestopp bekannt gegeben, wegen Personalmangel. Außer der Kurzzeitpflege haben auch zwei Arztpraxen und ein Fußpflege-Studio Räume in der früheren Klinik.

Die verbleibenden drei Krankenhaus-Standorte seines kommunalen Krankenhausverbundes will Sontheimer zukunftsfähig machen, indem er ihnen verschiedene Schwerpunkte zuordnet. Ansbach ist die Zentrale mit einem breit gefächerten Angebot. Dinkelsbühl hat seine Geburtsabteilung geschlossen, und soll sich nun auf orthopädische Behandlungen spezialisieren. Rothenburg ob der Tauber soll besondere Expertise bei Herzerkrankungen vorhalten. Alles überall in bester Qualität anzubieten, sei unmöglich, sagt Sontheimer. Deshalb gehe es immer um eine Frage: "Welche Versorgung wo?"

Defizite bei Grundversorgern

Initiativen wie das "Bündnis Klinikrettung" sieht der Krankenhausvorstand mit Skepsis. Er habe schon mehrmals die Erfahrung gemacht, dass nach dem Beginn von Öffentlichkeitskampagnen zum Erhalt eines Krankenhaus-Standortes die Zahl der Patienten gesunken sei. Eine Klinik, von der es heißt, sie werde bald geschlossen, verliere sofort Vertrauen: "Man kann auch einen Standort kaputt schreiben", ärgert sich Sontheimer.

In einem ist er sich aber mit dem Sprecher des Klinikrettungs-Bündnisses, Klaus Emmerich, einig: Das System, nach dem die Krankenhäuser ihr Geld bekommen, müsse dringend überarbeitet werden. Denn das sogenannte Fallpauschalen-System sei ein wesentlicher Grund dafür, dass viele Krankenhäuser Verluste machen. Nach Daten des Deutschen Krankenhausinstituts hatten im Jahr 2020 knapp 30 Prozent der Kliniken ein Defizit in der Bilanz. Für das zurückliegende Jahr erwarten 60 Prozent einen Verlust, also doppelt so viele.

Der Hauptgrund für die Verluste liegt nach Sontheimers Einschätzung darin, dass Krankenhäuser vor allem nach der Zahl der Eingriffe und Untersuchungen bezahlt werden, die sie vornehmen. Davon profitieren Fachkliniken, die sich auf einige wenige Eingriffe spezialisieren.

Wer aber ein breites Angebot auch für verschiedene Notfälle vorhält, gerate leicht in finanzielle Probleme, sagt Sontheimer und nennt Verbrennungs-Opfer als Beispiel: "Wenn Sie spezielle Betten für Verbrennungs-Patienten bereithalten, haben Sie die ganzen Vorhaltekosten, egal, ob jetzt verbrannte Patienten kommen oder nicht. Sie können aber nur abrechnen, wenn es verbrannte Patienten gibt." Daran sehe man, "dass ein System, das Vorhaltekosten nicht finanziert, sondern nur getrieben ist von der Zahl der Patienten, nicht wirklich zu hundert Prozent sinnvoll ist".

Dauerbaustelle in Berlin

Auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hält die Krankenhausfinanzierung für reformbedürftig. Die grundlegenden Entscheidungen dafür werden auf Bundesebene getroffen. Für die Planung, wo es Krankenhäuser geben soll und wo nicht, sind wiederum die Bundesländer zuständig.

Die Berliner Regierungsparteien SPD, Grüne und FDP haben sich in ihrem Koalitionsvertrag eine Neugestaltung der Krankenhausfinanzierung vorgenommen. Und es gibt auch eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe. Die müsse eine zentrale Frage beantworten, sagt Holetschek: "Was heißt denn gute Versorgung in einer Region?" Eine Frage, die einfach klingt, bei der die Antwort aber alles andere als einfach ist.

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