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Eisstrukturen am Strand von Langeoog
© pa/dpa/Erhard Nerger

Autoren

Chris Köhler
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Eisstrukturen am Strand von Langeoog

Der Anstieg der Meeresspiegel - seit 1950 auf Norderney bereits um 26 Zentimeter - bedroht ebenso wie die immer früher und häufiger im Jahr auftretenden Sturmfluten auch auf Langeoog die Lebensgrundlage der Bewohner, sagt Michael Recktenwald, Gastronom auf der Nordseeinsel.

Auch eine Familie auf Langeoog klagt gegen die EU

Der 53-Jährige betreibt auf Langeoog mit seiner Familie eine Bio-Bäckerei sowie ein Biohotel. Wenn sich das Klima weiter verändert, könne das Kriege auslösen, so Recktenwalds Sorge. Denn der Klimawandel sei ja kein deutsches oder europäisches, sondern ein weltweites Problem. Die Flüchtlingsströme stünden ja bereits vor der Tür, und schon in 50 Jahren hätten große Landstriche rund um den Äquator durchgehende Temperaturen von über 50 Grad und würden damit unbewohnbar, verweist der Langeooger Gastronom auf Professor Schellenhuber vom Potsdam Institut.

Das Wohl aller Menschen weltweit, aber natürlich vor allem das seiner eigenen Kinder hat Michael Recktenwald dazu bewogen, sich dem sogenannten People's Climate Case als Kläger anzuschließen - genauso wie beispielsweise Familien aus Rumänien, Südfrankreich, Portugal und Kenia, die sich durch klimawandelbedingte Hitzewellen und Dürreperioden bis hin zu großen Waldbränden an Leib und Leben konkret gefährdet sehen; genauso wie beispielsweise die Jugendorganisation der Samen in Schweden, die wegen der wärmeren Winter und Sommer um die traditionelle Rentierhaltung und damit um ihr kulturelles Erbe bangt.

Klimaklage innerhalb der EU noch Neuland

Die Kläger fordern keinen Schadensersatz. Ihr Klageziel ist rein politischer Natur: Unter anderem sollen der europäische Emissionshandel reformiert und die bislang unbeachteten Treibhausgas-Emissionen aus Verkehr, Land- und Forstwirtschaft mit einbezogen werden.

Das fordern übrigens auch drei deutsche Landwirte-Familien, die jetzt gemeinsam mit der Umweltorganisation Greenpeace gegen die Bundesregierung auf Einhaltung der selbst gesteckten Grenzwerte von Treibhausgasemissionen bis 2020 klagen. Alles in allem Premieren in Deutschland und in der EU, während zum Beispiel in den USA oder der Schweiz schon mehrere solcher Bürger-Klima-Klagen auf eine ehrgeizigere Klimapolitik der Regierenden abzielen.

In Sachen People's Climate Case haben die zehn Klägerfamilien, die von Umweltorganisationen, Anwälten und Wissenschaftlern unterstützt werden, übrigens unlängst die ablehnende Gegenvorstellung der Beklagten, sprich der Europäischen Kommission und des Parlaments, erhalten. Wie es weitergeht, das liegt nach wie vor im Ermessen des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg. Aber die Bundesbürger müssen derweil nicht untätig abwarten – sagt Jörg Rohwedder.

Internetplattform unterstützt Klage

Er ist Senior Campaigner von WeMove.EU, einer europaweiten Bürgerbewegung, die sich unter anderem mit Online-Petitionen für mehr ökologische Nachhaltigkeit in Europa einsetzt. Auf der Online-Plattform WeMove.EU können Bürger unter anderem die Kläger des People's Climate Case unterstützen.

Jörg Rohwedder: "Wir haben lange überlegt, ob wir direkt an das Gericht appellieren, diese Klage zuzulassen, weil das der erste wichtige Schritt ist, haben uns dann aber entschieden: Die beste Art, diese Klage von zehn Familien zu unterstützen, ist ein Solidaritätsbrief. Wir sehen, dass ihr das für die Menschen auf der Welt macht – es geht darum, den Klimawandel aufzuhalten - und darin wollen wir Euch unterstützen. Jede Unterschrift wird mitgezählt und kommt bei den Klägern als Rückenstärkung an."

Mehr als 176.000 solidarische Erklärungen sind so bereits zusammengekommen; dazu noch einige Tausend persönliche Kommentare in unterschiedlichen Sprachen, die die Kläger ebenfalls erhalten haben. Es gebe keine Deadline, betont Rohwedder, man bleibe solidarisch bis zum Ende des Prozesses.

Betroffene als Beigeladene vor Gericht

Um daran besser mitwirken zu können, hat WeMove.EU Antrag gestellt, als sogenannter Streithelfer beitreten zu können. Als solcher dürfe man Argumente einbringen und stehe damit dichter an der Seite der Klägerinnen und Kläger. Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hat sich entschieden, dem Prozess als Streithelfer beizutreten.

Dadurch erhalten die Klägerfamilien auch vor Gericht Rückenwind durch weite Teile der Öffentlichkeit, die ebenfalls die drei klagenden Landwirte unterstützen kann: Mittels Online-Unterschriften auf der Klimaklage-Webseite von Greenpeace oder sogar als "Beigeladener" bei Gericht, was aber voraussetzt, dass man tatsächlich und unmittelbar von den Folgen der Erderwärmung betroffen ist – wie zum Beispiel Familie Blohm, die im Alten Land in Niedersachsen einen Bio-Obsthof betreibt.

Im Jahr 2016 musste dort zum Beispiel auf einer Fläche von circa vier Hektar der Kirschbaumbestand gefällt werden; wegen Befalls durch die Kirschfruchtfliege – ein Insekt, das ursprünglich viel weiter südlich heimisch war. Bis zum heutigen Zeitpunkt muss der Familienbetrieb zudem auch durch extremere Niederschläge, Hagel, Sturm und die nun vorherrschende Dürre verursachte weitere Einbußen verkraften.