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Waldarbeiter bei der Aufforstung

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    Klimaschutz: Streit über EU-Waldstrategie

    Wald bindet CO2 und ist wichtig für Klimaschutz und Biodiversität. Die EU will deshalb eine nachhaltige Forstwirtschaft fördern, doch darüber gibt es Streit: Waldbesitzer befürchten eine Gängelung, während Umweltschützer deutlichere Schritte fordern.

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    Von
    • Christine Schneider

    Dass der Zustand des Waldes alarmierend ist, bestreitet niemand. Ebenso wenig die Tatsache, dass Wälder CO2 binden, deshalb wichtig sind für den Klimaschutz und andere Baumarten als die Fichte nötig sind, um dem KIimawandel zu trotzen. Aber sollen Wälder in Zukunft nur grüne Lungen sein oder sollen sie weiterhin genutzt werden und wenn ja wie?

    Holzernte oder mehr Ökologie?

    Gut 40 Prozent der Gesamtfläche aller EU-Staaten sind Waldgebiete. Bisher sind sie vor allem für die Holzwirtschaft wichtig gewesen, aber auch als Erholungsgebiete oder Rückzugsräume für Pflanzen und Tiere. Dieser ökologische Aspekt der Wälder soll nach dem Willen der EU-Kommission in Zukunft stärker in den Fokus rücken. Mit einer europäischen Waldstrategie will Brüssel das fördern.

    Waldgesetze regeln Nutzung

    Schon bisher ist es so: Nicht jeder Waldbesitzer kann in Deutschland in seinem Wald tun und lassen was er will, denn es gibt auf Bundes- und Länderebene Waldgesetze. Die regeln zum Beispiel, dass nach einem Kahlschlag wieder aufgeforstet werden muss. Kahlschläge im Schutzwald sind verboten. Wald darf nicht ohne Erlaubnis gerodet und zu Ackerland oder Wiesen umgewandelt werden. Der Einsatz von Pestiziden im Forst zur Bekämpfung von Schädlingen ist streng reglementiert.

    Drei Milliarden neue Bäume

    Drei Milliarden Bäume will die EU-Kommission bis zum Ende des Jahrzehnts pflanzen lassen, unter Berücksichtigung ökologischer Prinzipien, sagt EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius. Er schlägt einen Fahrplan vor, bei dem Bürger, Nichtregierungsorganisationen und Regierungen mithelfen sollen, damit der richtige Baum am richtigen Ort zum richtigen Zweck gepflanzt wird. Das gehe aber nur zusammen mit den Waldbesitzern.

    Wälder als Kohlenstoffspeicher

    Die letzten Urwälder Europas sollen streng geschützt werden, als Orte der Biodiversität und als Kohlenstoffspeicher. Das ist allerdings nichts Neues, schon jetzt stehen Wälder in Nationalparks unter Schutz wie etwa im Nationalpark Bayerischer Wald oder im Nationalpark Berchtesgaden. Und Waldbesitzer und Forstwirte betonen: CO2-Speicher sind nicht nur unberührte Urwälder, sondern auch Wirtschaftswälder, die forstlich genutzt werden.

    Nachhaltige Waldnutzung

    Die EU-Kommission will in Zukunft gezielt die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern fördern, die Holzernte soll innerhalb der Nachhaltigkeitsgrenzen bleiben. Holz sei keine unbegrenzte Ressource, heißt es aus Brüssel. Eine Erkenntnis, die allerdings schon über 300 Jahre alt ist. Im Jahr 1713 hat der Sachse Hans Carl von Carlowitz den Begriff Nachhaltigkeit sozusagen erfunden: Dem Wald soll nur so viel Holz entnommen werden wie nachwächst.

    EU-Gelder für Umweltleistungen im Wald

    Brüssel verwies bei der Vorstellung der Forststrategie darauf, dass Waldbewirtschaftung Sache der Mitgliedsstaaten ist, die europäischen Zuständigkeiten in diesem Bereich sind begrenzt. Die Kommission schlägt vor, dass die EU-Mitgliedsstaaten Mittel aus dem Agrarhaushalt, zum Beispiel aus dem Topf der Ökoregelungen, auch für die Forstwirtschaft ausgeben. Denkbar sei eine finanzielle Unterstützung für besondere Umweltleistungen.

    Kritik vom Deutschen Forstwirtschaftsrat

    Der Deutsche Forstwirtschaftsrat kritisiert die Pläne der EU und befürchtet spürbare Nutzungseinschränkungen für die Waldbesitzer. Das würde zu Holzknappheit führen, für den Holzbau und für die Energie- und Wärmewende. Georg Schirmbeck, Präsident des Forstwirtschaftsrates: "Wir werden die ambitionierten Ziele des Klimaschutzgesetzes nicht ohne die energetische Holznutzung erreichen."

    Reaktionen von Europa-Parlamentariern

    Freie-Wähler-Europaparlamentarierin Ulrike Müller aus dem Allgäu ist der Meinung, die EU-Kommission überschreite mit ihrer Forststrategie ihre Befugnisse und wolle im Detail den Holzmarkt regulieren: "Die Kommission kann nicht im Namen des Marktes oder der Waldbesitzer über die Verwendung von Holz entscheiden. Es ist gut, in langlebige Holzprodukte zu investieren. Aber die Kommission scheint ein völliges Unverständnis für neue Innovationen in der Bioökonomie zu haben, das heißt für alles, was bereits aus Holznebenprodukten hergestellt wird, wie zum Beispiel Chemikalien, Textilien und Kunststoffersatzstoffe."

    Manfred Weber, CSU-Europaparlamentarier aus Niederbayern und Fraktionsvorsitzender der EVP im Europa-Parlament, sagt dagegen: "Es wäre denkbar, eine Flächenprämie pro Hektar wie in der Landwirtschaft auch im Wald zu zahlen, um der großen Bedeutung der Wälder für den Klimaschutz Rechnung zu tragen."

    Hektarprämien mit Auflagen?

    In sozialen Netzwerken äußern sich Waldbesitzer kritisch zu Flächenprämien für nachhaltige Waldbewirtschaftung. Das würde vor allem Großgrundbesitzern zu Gute kommen, kleine Waldbesitzer hätten nur wenig davon. Andere befürchten, man würde dann bald wie die Landwirte am Subventionstropf hängen, müsse bürokratische Anträge stellen und sich gängeln lassen. Manche befürchten sogar eine Enteignung der Waldbesitzer.

    Umweltschützer: "Weichgespültes Papier"

    Auch Umweltschützer kritisieren die EU-Forststrategie, aber aus anderen Gründen. Alois Vedder von der Naturschutzorganisation WWF nennt die Strategie "enttäuschend". Die EU-Kommission habe sich zu sehr den Interessen der Forstindustrie gebeugt: "Herausgekommen ist ein weichgespültes Papier, das uns kaum voran bringt."

    Der gleichen Meinung ist der Präsident des Naturschutzbundes Nabu, Jörg-Andreas Krüger. Ein guter Entwurf der EU-Kommission sei vor allem durch den Einfluss des deutschen Landwirtschaftsministeriums deutlich abgeschwächt worden.

    Bayern ist Waldland Nummer 1

    Bayern ist das Bundesland mit der größten Waldfläche in Deutschland, rund 5 Milliarden Bäume stehen auf 2,5 Millionen Hektar. Die dominierenden Baumarten sind Fichte, Kiefer und Buche. Rund 30 Prozent der Forstflächen sind Staatswald, über 50 Prozent werden von rund 700.000 Privatwaldbesitzern bewirtschaftet und vor allem die fürchten nun durch die EU-Forststrategie Einschränkungen.

    Holz als Baustoff

    Dass Wald genutzt werden soll und Holz ein wichtiger Baustoff ist, darauf verweist auch Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. Letzte Woche eröffnete sie ein Mehrfamilienhaus in Regensburg, gebaut aus 700 Kubikmeter Holz: "Heimisches Holz ist der umweltfreundlichste aller Baustoffe und zudem ein ausgesprochen wirkungsvoller Klimaspeicher, der das schädliche Kohlendioxid für Jahrzehnte bindet."

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