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Klimabilanz: Knapp neun Prozent weniger CO2-Emissionen als 2019 | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld

2020 hat Deutschland seine Klimaziele erreicht. Das geht aus der Klimabilanz hervor, die von Bundesumweltministerin Schulze heute in Berlin vorgestellt wurde. Der Bericht zeigt aber auch: Ohne die Corona-Pandemie wäre dies wohl nicht möglich gewesen.

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Klimabilanz: Knapp neun Prozent weniger CO2-Emissionen als 2019

2020 hat Deutschland seine Klimaziele erreicht. Das geht aus der Klimabilanz hervor, die von Bundesumweltministerin Schulze heute in Berlin vorgestellt wurde. Der Bericht zeigt aber auch: Ohne die Corona-Pandemie wäre dies wohl nicht möglich gewesen.

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Von
  • Markus Wolf

Bis 2030 soll der CO2-Ausstoß in Deutschland - verglichen mit dem Jahr 1990 - um mindestens 55 Prozent sinken. So steht es im Klimaschutzgesetz. Und die Deutschen sind scheinbar auf einem guten Weg dahin: Bereits im vergangenen Jahr lagen die CO2-Emissionen schon um 40,8 Prozent unter dem Stand von 1990. Sieht man sich den Verbrauch von 2019 an, so gingen die Emissionen in 2020 um 8,7 Prozent zurück. Das geht aus der Klimabilanz hervor, die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Vormittag gemeinsam mit dem Umweltbundesamt (UBA) vorstellte.

Corona-Krise hatte starken Einfluss

Dem Klimabericht zufolge, der erstmals nach den Vorgaben des Klimaschutzgesetzes erfolgte, wurden in Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt rund 739 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt. Das sind rund 70 Millionen Tonnen weniger als 2019.

Ob so in den nächsten zehn Jahren auch noch die übrigen 14 Prozent eingespart werden können und damit die Klimaziele, die die Bundesregierung so auch der EU versprochen hat, eingehalten werden, ist allerdings fraglich. Denn nach Schätzungen des UBA ist etwa ein Drittel des Emissionsrückgangs auf die Corona-Pandemie und deren Folgen zurückzuführen, weil zum Beispiel weniger Menschen mit dem Auto zur Arbeit gefahren sind. Zwar hätte es in den Bereichen Energie und Verkehr auch ohne Corona eine deutliche Minderung gegeben, aber nicht genug, um die Klimaziele zu erreichen, so der Präsident dem Umweltbundesamtes Dirk Messner.

Besonders große Minderungseffekte bei Energie und Verkehr

Mit einem Minus von etwa 38 Millionen Tonnen CO2 gab es den größten Emissionsrückgang in der Energiewirtschaft. Das entspricht einem Rückgang um 14,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allein bei der Braunkohleverstromung gab es eine Emissionsminderung um 23 Millionen Tonnen CO2, bei der Steinkohle trotz der Inbetriebnahme des umstrittenen Kohle-Kraftwerks Datteln 4 um 13 Millionen Tonnen CO2. Auch in den Bereichen Verkehr und Industrie gab es einen Rückgang des CO2-Ausstoßes.

Der einzige Sektor, der trotz Corona die Emissionsvorgaben des Klimaschutzgesetzes verfehlt, ist der Gebäudebereich. Hier wurde der zulässige Höchstwert von 120 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten trotz eines Rückgangs um 2,8 Prozent leicht überschritten. Dagegen wurden im Verkehrssektor, wo in den vergangenen Jahren kaum Fortschritte erzielt worden waren, mit einem Minus um 11,4 Prozent 2020 die Emissionsvorgaben eingehalten.

Schulze: "Krisen ersetzen keine Klimapolitik"

Bundesumweltministerin Schulze lobte die Ergebnisse der deutschen Klimapolitik. Dies sei der größte jährliche Rückgang seit dem Jahr der deutschen Einheit, so die SPD-Politikerin. Vor der Pandemie war die Regierung nicht davon ausgegangen, dass das 40-Prozent-Ziel für 2020 noch erreicht werden kann. Nun wurden die Erwartungen sogar noch leicht übertroffen.

Schulze betonte zwar, dass es einen Corona-Effekt gegeben habe. Gleichzeitig zeige die Bilanz aber auch, dass die Vorgaben des Klimaschutzgesetzes greifen würden. Und das sei besonders wichtig, denn "Krisen könnten Klimapolitik nicht ersetzen", so die Ministerin.

Lob und Tadel vom Klimaforscher

Auch Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel zeigte sich zufrieden. Der Klimaforscher sagte im BR-Interview, in den letzten Jahren sei tatsächlich etwas Bewegung in den Klimaschutz gekommen. Man stehe heute schon gut da, so Latif. "Wichtig ist es aber auch, die Ziele ähnlich wie die Europäische Union immer wieder nachzuschärfen. Es wäre vernünftig, wenn Deutschland ein ambitioniertes Ziel auf den Tisch legen würde", betonte der Experte. Eine der Verringerung der CO2-Emissionen um bis zu 70 Prozent sei möglich, so Latif.

Hilfreich sei zudem die seit Anfang des Jahres eingeführte CO2-Steuer. Latif hätte sich auf der anderen Seite aber eine dazu passende soziale Komponente gewünscht. "Beispielsweise wenn Menschen das Auto stehen lassen sollen, dann muss man ihnen auch Angebote machen", so der Klimaforscher. Er spricht sich deshalb dafür aus, die Preise im öffentlichen Nahverkehr zu senken. Das würde die Akzeptanz der Menschen erhöhen, meint Latif.

Grüne äußerten bereits im Vorfeld Kritik

Nicht weit genug gehen die Resultate den Grünen. Die hatten bereits im Vorfeld der Vorstellung der deutschen Klimabilanz mehr Ehrgeiz bei der Verringerung des CO2-Ausstoßes gefordert. "Wir brauchen jetzt einen massiven Ausbau von Ökostrom, eine klimaneutrale Industrie und E-Autos auf allen Straßen", verlangte die Grünen-Klimaexpertin Lisa Badum. Bisher gebe es beim Klimaschutz nur "winzige Trippelschritte, dabei müssten wir schon längst Marathon laufen".

Badum kritisierte die deutschen Ziele selbst als "veraltet und weder mit dem EU-Klimaziel noch dem Pariser Klimaabkommen vereinbar". Das Klimaschutzgesetz müsse daher dringend nachgebessert werden.

Einzelne Ministerien sind nun am Zug

Das Klimaschutzgesetz sieht vor, dass bis Mitte April der Klimarat der Regierung die Zahlen des UBA prüft und auf Defizite beim Klimaschutz in den einzelnen Sektoren hinweist. Die zuständigen Ministerien haben dann drei Monate Zeit, um zusätzliche Maßnahmen vorzuschlagen. Umweltministerin Schulze sieht dabei allen voran den Gebäude-Sektor in der Pflicht. Hier müsse Bundesbauminister Horst Seehofer (CSU) nun nachsteuern und ein Programm zur Minderung der Emissionen vorlegen, so Schulze.

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