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Erkältete Kinder dürfen nur mit einem negativen Corona-Test in die Kita

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    Kitas: Corona-Tests bei Rotznase sinnlos oder hilfreich?

    Eine chaotische Woche für Kinder, Eltern und Erzieher geht zu Ende: Kinder mit leichten Erkältungssymptomen dürfen nur mit einem negativen Corona-Test in die Kita. Das Sozialministerium hat zwar nachgesteuert, doch das schaffte noch mehr Verwirrung.

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    Von
    • Katrin Bohlmann

    Der fünfjährige Caspar hat leichten Schnupfen. Seine Mutter Laura Schieferle steht mit ihm am Morgen in München vor dem Corona-Testzentrum im Hackerhaus in der Sendlinger Straße. Sie muss bei ihrem Sohn einen Schnelltest machen lassen, damit sie dem Kindergarten vorweisen kann, dass er kein Corona hat. Mutter Laura hat damit kein Problem. "Mir ist es lieber, dass viel getestet wird. Für uns als Familie ist das am Morgen natürlich unangenehm, aber trotzdem habe ich das Gefühl, es ist der bessere Weg", sagt sie. Noch ahnt Caspar nicht, was auf ihn zukommt. Aber er wirkt hart im Nehmen. Schließlich werden Mutter und Sohn aufgerufen. Sie gehen in das zum Testzentrum umfunktionierte Traditions-Wirtshaus.

    Genervte Eltern, verunsicherte Erzieherinnen, leidende Kinder

    Für Kita-Leiterin Anna Gögelein vom Kinderhaus der Diakonie in München-Riem geht eine anstrengende Woche zu Ende. Täglich mussten sie und ihre Kolleginnen Fieber messen bei den Kindern, mit zum Teil genervten Eltern diskutieren und verunsicherten Erzieherinnen helfen. Die Pädagogin kritisiert die neue Regelung, dass Kinder auch mit leichter Rotznase nur mit einem negativen Corona-Test in die Kita dürfen. "Es ist sehr schwammig für uns und macht unsere Arbeit nicht leichter. Für mich ist es sehr schwierig, zu entscheiden: Ist es eine leichte Erkältung, ist es eine schwere Erkältung, schicke ich die Kinder nach Hause? Verlange ich von den Eltern einen Corona-Test, einen Negativtest? Wie sollen wir damit umgehen?"

    Kritik von Kita-Leitungen in Bayern: Ministerium schiebt Verantwortung weiter

    Kita-Leitungen in Bayern, mit denen der BR gesprochen hat, sind unzufrieden mit dem Vorgehen des zuständigen Sozialministeriums. Im Laufe der Woche kamen immer weitere Nachregelungen. "Klarstellende Erläuterungen" nennt sie das Ministerium. Wie zum Beispiel, dass Kindern nach einer überstandenen leichten Erkältung der Besuch der Kita auch ohne einen negativen Corona-Test möglich ist.

    Hier das Schreiben des Ministeriums an die Kitas:

    "Mit der beigefügten Übersicht möchten wir Ihnen diese Regelungen auch zum Aushang oder zur Weitergabe nochmals auf einen Blick darstellen, um Ihnen die tagtägliche Arbeit zu erleichtern.

    Kranke Kinder dürfen die Kinderbetreuungseinrichtung grundsätzlich nicht besuchen.

    Ein Besuch in der Kindertagesbetreuung ist möglich bei:

    • Schnupfen oder Husten aufgrund einer Allergie,
    • verstopfte Nasenatmung (ohne Fieber),
    • gelegentlichem Husten,
    • Halskratzen oder Räuspern,
    • kurzzeitigem Naselaufen (z. B. beim Wechsel vom Außen- in den Innenbereich).

    Diese Reaktionen lassen nicht auf eine Coronavirus-Infektion schließen.

    Ein Besuch in der Kindertagesbetreuung ist auch möglich bei:

    • leichten Krankheitssymptomen, wenn ein negativer Corona-Test vorgelegt wird.

    Ein Besuch in der Kindertagesbetreuung ist nach einer Erkrankung des Kindes wieder möglich, wenn

    • das Kind nur leichte Symptome hatte und wieder gesund ist, ein Corona-Test ist nicht notwendig;
    • das Kind krank war und wieder gesund ist oder nur noch leichte Krankheitssymptome aufweist. Hier ist ein negativer Corona-Test notwendig."

    Das Sozialministerium schiebe den schwarzen Peter einfach weiter nach unten, schimpft Kitaleiterin Anna Gögelein.

    Eltern zeigen Verständnis für die Regelung, auch wenn es schwierig ist

    Die Folgen sind teilweise skurril, wie auch das Ministerium weiß: So gab es vereinzelt Einrichtungen in Bayern, die Kinder abholen ließen, weil die Nase lief, als die Kleinen vom Außenbereich wieder in die Kita kamen. Die Eltern der Kita-Kinder aus München-Riem sind über die vorgeschriebene Testung bei Schnupfen geteilter Meinung. "Ich verstehe, dass wir gucken müssen, dass die Einrichtungen aufbleiben können und dadurch muss man wahrscheinlich mehr testen und vorsichtiger sein", sagt eine Mutter. "Jetzt bei dem Wetter bekommen die Kinder ja schnell einen Schnupfen - die dann gleich auszuschließen, ist schwierig", meint ein Vater. "Man will ja die anderen Kinder und die Erzieherinnen schützen, aber es ist halt für die Eltern schwierig", so die Meinung einer weiteren Mutter.

    Bayerischer Verband der Kinder- und Jugendärzte unterstützt Vorgehen

    Testen, testen, testen - auch von Kita-Kindern. Das ist der Appell von Dominik Ewald, Vorsitzender des Bayerischen Verbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Der Kinderarzt aus Regensburg unterstützt das Vorgehen der Staatsregierung. Virenschleudern seien Kita-Kinder zwar nicht, so Ewald, aber man wisse auch, dass Kinder unter zwölf Jahren sich wesentlich häufiger anstecken, weil sie ein anderes Sozialverhalten haben. "Sie gehen näher an andere Personen heran und wir wissen, sie haben im Hals eine höhere Viruslast als Erwachsene. Das Problem: Kinder sind häufig asymptomatisch, werden deswegen nicht getestet und fallen deswegen nicht so auf, können aber dennoch andere anstecken", erklärt der BVKJ-Chef.

    Regensburger Kinderarzt Ewald: Testen - und Kitas offen lassen

    Zahlen würden belegen, dass die Covid-19-Fälle in Kitas zunähmen, so Kinderarzt Ewald. Sein dringlichstes Anliegen: Kinder müssten unbedingt weiter in die Kitas gehen. "Wir sehen einfach, was für Defizite die Kinder haben, die jetzt eben nicht in die Schule oder vielmehr in den Kindergarten konnten. Wir brauchen dafür ein gutes Testkonzept. Wir müssen testen." Das habe der Verband der Kinder- und Jugendärzte im übrigen schon vor einem Jahr gefordert, so Ewald.

    Kinderinfektiologe Johannes Hübner: Testung von Kita-Kindern sinnlos

    Ganz anderer Meinung ist dagegen Johannes Hübner, Kinderinfektiologe am Haunerschen Kinderspital in München. Er leitet auch die im Sommer vergangenen Jahres gestartete Studie "COVID Kids Bavaria, die sich mit der pandemischen Situation bei Kindern beschäftigt. "Kinder mit einer leichten Rotznase zu testen, mache keinen Sinn", sagt Johannes Hübner. Kinder steckten sich vor allem zu Hause an und infizierten sich nicht untereinander. "Wir selber machen eine ganze Reihe von Schulstudien, also wir gehen in Schulen und Kitas, zufällig ausgewählt streichen wir dort die Betreuer und die Kinder ab. Und wir sehen das nicht, dass diese Kitas wirklich Virenschleudern sind und dort signifikant Fälle auftreten und vor allem, dass es dort zu Übertragungen kommt", stellt der Kinderinfektiologe fest.

    Außerdem könnten die Kinder durch die vielen Tests traumatisiert werden, sagen andere Ärzte. Das Wichtigste sei jetzt, so Johannes Hübner, dass die Hygienekonzepte in Kitas und Schulen konsequent umgesetzt werden. Dann können die Einrichtungen offen bleiben.

    Wo können Eltern ihre Kinder testen lassen?

    Ist das Kind leicht verschnupft, wissen viele Eltern nicht, wo sie es auf die Schnelle testen lassen können. Im Testzentrum, in der Apotheke oder beim Kinderarzt? Dazu teilt das zuständige bayerische Gesundheitsministerium auf BR-Anfrage mit: "Grundsätzlich werden Kinder mit leichten Krankheitssymptomen im Rahmen einer ärztlichen Behandlung mittels PCR-Test getestet, da nur solche Tests als abrechenbare Leistungen gegenüber der gesetzlichen Krankenkasse gelten."

    Im Klartext: Kinderärzte sollen das Kind testen. Aber: Bei leicht symptomatischen Personen könnten auch Schnelltests sinnvoll und notwendig sein, heißt es weiter. Dies gelte für Kinder mit leichten Infektionssymptomen ("Schnupfen-Nase"), die in Schulen und Kindertagesstätten unterrichtet bzw. betreut werden, in besonderem Maße.

    Viele Apotheken bieten keine Tests für Kinder an

    Seit Anfang März hat das bayerische Ministerium auch Apotheken gebeten, sogenannte PoC-Antigenschnelltests anzubieten. Die könnten aber nur Personen machen lassen, die keine Symptome haben, so eine Ministeriumssprecherin. Allerdings bieten viele Apotheken keine Tests für Kinder unter sechs Jahren an. Da sich Kinder in diesem Alter oft wehrten und die Verletzungsgefahr zu hoch sei, so eine Apotheke gegenüber dem BR.

    Ein Problem erschwert die Sache: Ärzte können aktuell Schnelltests für symptomatische Patienten nicht abrechnen, sondern nur die PCR-Tests. Bayern hat das Bundesgesundheitsministerium jetzt gebeten, die Abrechnungsmöglichkeit dringend und zeitnah zu ändern. "Denn es ist nicht nachvollziehbar, aus welchem Grund symptomatische Personen ausschließlich mittels Labor-gestützter Diagnostik zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) getestet werden können, obwohl in bestimmten Fällen auch eine Testung mittels PoC-Antigen-Tests sinnvoll und notwendig sein kann", teilt das bayerische Gesundheitsministerium mit.

    Übrigens: Der fünfjährige Caspar hat den Schnelltest mit dem langen Stäbchen tief in die Nase gehend gut überstanden. Das Ergebnis: Er ist Corona-negativ.

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