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© BR/radioWelt/Giordano, Anna
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Kirchliche Beratungsstellen befürchten: Die schlimmsten Folgen der Lockdowns stehen noch bevor.

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Kirchliche Beratung: Mehr Jugendliche mit psychischen Problemen

Laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung stieg der Anteil von Jugendlichen mit depressiven Symptomen im ersten Lockdown 2020 von zehn auf rund 25 Prozent. Mitarbeiter in kirchlichen Beratungsstellen machen sich auf noch Schlimmeres gefasst.

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Von
  • Anna Giordano

Die Nachricht eines 15-jährigen Jugendlichen sei ihm besonders nahegegangen, erinnert sich Christoph Burger: "Nachts um vier schrieb er mir eine Email: Er sitzt jetzt mit der zweiten Flasche Gin vor dem Computer, er weiß nicht mit wem er reden soll, er schreibt jetzt mal mir und hofft, dass ich ihm bald antworte."

Die Hilferufe von Jugendlichen sind teils dramatisch

Burger ist evangelischer Pfarrer in Augsburg und betreut die Online-Hilfe der Internetseite "konfiweb.de". An ihn können sich Jugendliche, egal ob religiös oder nicht, anonym per Kontaktformular wenden. Seit dem zweiten Lockdown wird das fast doppelt so oft genutzt wie vorher, erzählt Burger. Einigen von ihnen kann er weiterhelfen, so wie dem 15-jährigen Jungen. Der habe sich nach zwei Wochen intensiven Email-Kontakts bereiterklärt, in eine Suchtberatung zu gehen, erzählt Burger. "Er ist jetzt in einer Akutbehandlung für alkoholabhängige Jugendliche."

Caritas Rosenheim: Dreimal mehr Hilfegesuche als vor Corona

Dass das geklappt hat, war Glück. Denn der Seelsorger erfährt immer häufiger: Es gibt nicht mehr genügend Plätze bei Psychotherapeuten und in Kliniken. Die Wartezeit beträgt zum Teil ein Jahr oder länger. Ähnlich erlebt das Monika Bacher. Sie ist Beraterin bei der Kinder- Jugend- und Familienhilfe der Caritas in Rosenheim. Dort seien die Anmeldezahlen momentan rund dreimal höher als vor der Pandemie, erklärt sie. "Wir haben viele Jugendliche, wo die Eltern erzählen, die liegen nur noch im Bett, die ziehen sich nicht mehr an, die sind kaum ansprechbar und zeigen eigentlich depressive Züge."

Häufung von Selbstverletzungen, große Verunsicherung

Außerdem beobachtet Monika Bacher eine Häufung von Selbstverletzungen: "Das sogenannte Ritzen hat zugenommen, um sich selbst zu spüren. Die Jugendlichen, die ich jetzt hier bei mir in der Beratung habe mit solchen Symptomen, die erzählen, dass sie sich gar nicht mehr lebendig fühlen."

In Rosenheim waren die Inzidenzen in diesem Winter über lange Zeiträume hoch, der Lockdown war länger und härter als in anderen Landkreisen Bayerns. Monika Bacher sieht deshalb einen direkten Zusammenhang zwischen psychischen Krankheiten und den Pandemie-Maßnahmen: "Entgegen den Meldungen, dass die Jugend sich nicht an die Regeln hält, habe ich eigentlich erlebt, dass sich sehr viele Jugendliche sehr, sehr stark an die Regeln halten und eine große Verunsicherung spüren: Darf ich das oder darf ich das nicht. Oder bevor ich einen Fehler mache, treffe ich lieber niemanden."

Studie: Ein Viertel aller Jugendlichen depressiv

Ein Jahr fast ohne soziales Leben, das sei für viele Kinder und Jugendliche eine zu lange Zeit. Schon seit Monaten weisen Fachleute auf die verheerenden Folgen der Corona-Hygiene-Auflagen für Kinder und Jugendliche hin. Am Mittwoch hatte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung eine Studie veröffentlicht: Darin hat ein Viertel der befragten Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren angegeben, nach dem ersten Lockdown unter depressiven Symptomen zu leiden. Vor Corona war es nur ein Zehntel.

Sport- und Freizeitaktivitäten als wichtiger Ausgleich

Monika Bacher von der Caritas-Beratungsstelle in Rosenheim vermutet, dass die Zahlen aktuell noch viel höher liegen. Sie ist überzeugt: Einen weiteren langen Lockdown, das würden viele junge Seelen nicht verkraften: "Ich glaube, dass durch den Wegfall von allem, auch Sport- und Freizeitaktivitäten, die einen Ausgleich darstellen, dass man in all diesen Bereichen versucht die Öffnungen beizubehalten und notfalls eben täglich testen muss."

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