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Kirche und Missbrauch: EKD zieht Bilanz, Betroffene enttäuscht | BR24

© Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Die Hamburger Bischöfin, Kirsten Fehrs, war Sprecherin des "Beauftragtenrates der EKD" und hat das Amt am Montag turnusgemäß abgegeben.

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    Kirche und Missbrauch: EKD zieht Bilanz, Betroffene enttäuscht

    Man habe Instrumente, "um sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche konsequent aufzuarbeiten und zu verhindern", heißt es auf der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), die online tagt. Betroffene sehen das anders.

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    Von
    • Tilmann Kleinjung

    Kirsten Fehrs hatte in den vergangenen beiden Jahren das wohl unbeliebteste Amt in der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Hamburger Bischöfin war Sprecherin des "Beauftragtenrates der EKD". Das ist das Gremium, das sich um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in evangelischen Gemeinden und Einrichtungen kümmert. An diesem Montag hat sie dieses Amt turnusgemäß abgegeben und vor der EKD-Synode, die in diesem Jahr vollständig digital tagt, Bilanz gezogen.

    Demnach habe man Instrumente, "um sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche konsequent aufzuarbeiten und zu verhindern". Betroffene aber sehen das anders. 2018 hatte sich die evangelische Kirche bei der EKD-Synode in Würzburg einen elf-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen verordnet. Damals wurden Präventionsregeln, zentrale Anlaufstellen für Opfer und Studien zur Aufarbeitung auf den Weg gebracht.

    Meldepflicht bei Verdacht ist nicht überall umgesetzt

    Stichwort Prävention: Die Gewaltschutzrichtlinie der EKD, die eine Meldepflicht bei begründetem Missbrauchsverdacht vorsieht, ist noch nicht in allen Landeskirchen umgesetzt, sagt Fehrs. Einige Landessynoden seien coronabedingt ausgefallen - manche Landeskirchen haben deshalb noch nicht den entsprechenden Beschluss fassen können. "Aber ich bin da zuversichtlich, dass die Landeskirchen ganz klar dahinter stehen und diese Gewaltschutzrichtlinien aufnehmen werden."

    Betroffenenrat: "Keine unabhängige Hilfe"

    Seit dem 1. Juli 2019 gibt es die zentrale Anlaufstelle "Help" für Fragen zu Missbrauch und sexualisierter Gewalt. Innerhalb eines Jahres haben sich mehr als 550 Menschen gemeldet, davon waren laut EKD 13 Prozent Betroffene. Ob ihnen bei "Help" wirklich geholfen wurde, da hat Kerstin Claus ihre Zweifel. Die Betroffenen bekommen ihrer Meinung nach keine unabhängige Hilfe.

    Claus ist Mitglied im Betroffenenrat beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Berichte von Betroffenen erwecken laut Claus nicht den Eindruck, dass die Ansprechstellen vor Ort wirklich dazugelernt haben. "Das heißt: Wir sind zwei Jahre nach der Synode in Würzburg, zehn Jahre nach dem Missbrauchsskandal. Ich habe nicht den Eindruck, dass es sich für Betroffene qualitativ gebessert hat."

    Missbrauchsbetroffene nicht zu Synode eingeladen

    Als Jugendliche hat Claus selbst durch einen evangelischen Pfarrer in Bayern Missbrauch erlebt. Gerne hätte auch sie an der Synode teilgenommen, genauso wie die Mitglieder des eben erst gegründeten evangelischen Betroffenenbeirats. Doch sie wurden nicht eingeladen. Synodenpräses Irmgard Schwaetzer begründete das mit der coronabedingt verkürzten Tagesordnung. Auch sei klar gewesen, dass die Frage des sexuellen Missbrauchs nicht im Mittelpunkt dieser Tagung stehen würde. "Sondern im Mittelpunkt steht die Debatte über die Zukunft der evangelischen Kirche", so Schwaetzer.

    Die Beziehungen zwischen Kirche und Betroffenen sind höchst sensibel. Die Betroffenen gehen selbstverständlich davon aus, dass die Aufarbeitung der Missbrauchsgeschichte eine Zukunftsfrage für die Kirche ist. Die Kirchenvertreter ihrerseits reagieren empfindlich, wenn kritische Beobachter wie Claus der Kirche eine Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nicht mehr zutrauen. Eine Aufarbeitung gebe es nicht, sagt sie. "Und das Heft des Handelns aus der Hand zu geben, so wie es der Missbrauchs-Beauftragte der Bundesregierung fordert, fällt der EKD sichtlich schwer."

    Wissenschaftliche Studie soll in drei Jahren fertig sein

    Dabei gibt es auch unumstritten Fortschritte: Die EKD hat eine unabhängige wissenschaftliche Studie ausgeschrieben, die Risikofaktoren für Missbrauch in der evangelischen Kirche und Diakonie identifiziert. Die Studie soll innerhalb von drei Jahren abgeschlossen sein. Was noch fehlt, ist eine Studie, die untersucht, wie viele Menschen von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Bischöfin Fehrs spricht von 880 bekannten Fällen. "Klar ist, dass es ein Dunkelfeld gibt. Das braucht eine größere Forschung, die andere Institutionen miteinbezieht. "

    Die evangelische Kirche setzt da auf den unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Der soll gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Akteuren – Sportvereinen, Schulen – das Dunkelfeld des Missbrauchs in Deutschland beleuchten.

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