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Kinderschutz in der Corona-Krise: Gewalt bleibt zu oft unerkannt | BR24

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Etwa jedes zehnte Kind hat während der Kontaktbeschränkungen Gewalt erfahren müssen, ergab eine Studie der TU München. Oft blieb diese Gewalt offenbar unerkannt.

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Kinderschutz in der Corona-Krise: Gewalt bleibt zu oft unerkannt

Etwa jedes zehnte Kind hat während der Kontaktbeschränkungen Gewalt erfahren müssen, ergab eine repräsentative Befragung der TU München. Experten befürchten, dass diese Gewalt oft unerkannt bleibt. Hilfsangebote waren lange eingeschränkt.

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Kein Kindergarten, keine Schule – die Corona-Krise ist für viele Familien eine harte Zeit. Ganz besonders gilt das für Eltern, die vorbelastet sind, wie zum Beispiel die alleinerziehende Mutter Jasmin (34) aus Mittelfranken.

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Die Mutter von drei Söhnen zwischen vier und acht Jahren hat schon länger mit Depressionen zu kämpfen. Während der Ausgangsbeschränkungen hatte sie Angst, wieder "in ein tiefes Loch zu fallen" – und die Kinder zu vernachlässigen. Die Familie lebt in einer engen Drei-Zimmer-Wohnung. Das hat alle überfordert.

"Meine drei, die treiben es oft auf die Spitze. Alles reden hilft nichts. Und dann wird man irgendwann laut, man schreit einfach. Wo ich am liebsten mal so die Hand ausgeholt hätte. Man steht selber unter Druck und Stress und die Kinder aber auch, wo sich alles aufstaut." Jasmin, alleinerziehende Mutter

Strategien gegen die Gewalt

Als Kind musste Jasmin zu Hause Gewalt erleiden. Bei den eigenen Kindern will sie es besser machen. Zum Beispiel, indem sie nach draußen geht und durchatmet, wenn eine Situation zu eskalieren droht. Sobald sich alle wieder beruhigt haben, versucht sie mit den Kindern darüber zu sprechen.

Solche Strategien hat sich Jasmin mit Hilfe der Familientherapeutin Andrea Pfahler von der Kinder- und Jugendhilfe Bezzelhaus in Gunzenhausen erarbeitet. Schon länger unterstützt sie die alleinerziehende Mutter mit Hausbesuchen. Während der Ausgangsbeschränkungen ging das erst einmal nur noch am Telefon. Das sei allerdings ganz anders gewesen als ein Hausbesuch, bei dem sie vor Ort in Stresssituationen auch eingreifen könne, sagt Andrea Pfahler.

Hilfsangebote während Corona-Krise eingeschränkt

Zu Beginn der Corona-Krise haben Jugendämter in ganz Deutschland die Hilfsangebote für Familien heruntergefahren. In der Regel gab es nur noch Telefon-, E-Mail oder Videochat-Kontakte statt der sonst üblichen Hausbesuche.

Nach wie vor sind viele Jugendämter nicht zum „Normalbetrieb“ zurückgekehrt. Das ergab eine Umfrage des Bayerischen Rundfunks unter rund 20 bayerischen Jugendämtern. Beispielweise finden die Hausbesuche in Regensburg noch „sehr eingeschränkt“ statt, in Augsburg gibt es sie nach wie vor nur bei akuter Kindeswohlgefährdung. Viele Sozialarbeiterinnen behelfen sich mit Treffen im Freien, zum Beispiel am Spielplatz, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten.

Rückgang von Gefährdungsmeldungen im Shutdown

Eine aktuelle Erhebung des Deutschen Jugendinstituts, an der sich rund 370 Jugendämter bundesweit beteiligt haben, kommt zum Ergebnis: 25 Prozent der Jugendämter haben im April und Mai weniger Kindeswohl-Gefährdungsmeldungen bekommen als sonst. Etwa die Hälfte gibt an, dass die Meldungen durchschnittlich hoch seien und es hier immer Schwankungen gebe.

Auch bei der Befragung des Bayerischen Rundfunks schreiben einige Jugendämter, dass die Anzahl der Meldungen teils stark gesunken sei, zum Beispiel im Landkreis Ansbach.

"Das ist natürlich ein sehr ungutes Gefühl, das Jugendamt ist ja dafür da, Kinder und Jugendliche zu unterstützen und sie vor Gefahren zu bewahren. Und diese Hauptaufgabe war in der Corona-Zeit äußerst schwierig und da bleibt eine gewisse Unsicherheit und eine gewisse Angst, dass wir Fälle von Kindeswohlgefährdung, von Missbrauch, Vernachlässigung nicht entdeckt haben." Elisabeth Sonntag, Leiterin des Jugendamts im Landkreis Ansbach

Gewalt gegen Kinder: "Selten war es so einfach"

Kinderschutz-Experten gehen davon aus, dass in nächster Zeit viele Fälle von Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch an Kindern aufgedeckt werden. Denn zuvor hatten Erzieherinnen, Lehrkräfte und Ärzte wenig Kontakt zu Kindern und konnten so auch weniger Anzeichen für Gewalt an ihnen entdecken.

"Selten war es so einfach, verdeckt Kinder sexuell zu missbrauchen wie jetzt in dieser Corona-Krise. Und insofern sind wir - sag ich mal - selten so blind gewesen im Kinderschutz wie jetzt in den letzten Wochen und Monaten." Professorin Kathinka Beckmann, Hochschule Koblenz

Kindeswohl in Gefahr: Hunger, Durst und Vernachlässigung

Seit Schulen und Kindergärten wieder öffnen, steigen auch die Kindeswohl-Gefährdungsmeldungen wieder, ergab die Umfrage des Bayerischen Rundfunks unter 20 Jugendämtern im Freistaat. Sozialarbeiterinnen berichten dem BR von Kindern, die vernachlässigt wurden - die teils wochenlang nicht an die frische Luft durften und Hunger und Durst leiden mussten.

Das Bayerische Familienministerium schreibt auf BR-Anfrage, dass sich die Jugendhilfe aktuell darauf vorbereitet, in nächster Zeit Familien mehr zu unterstützen. Dazu gehört auch, Verdachtsfällen von Misshandlungen nachzugehen und im besten Fall, weitere Gewalt zu verhindern.

Mehr Arbeit für die Jugendhilfe also, aber sind die Jugendämter und die freien Jugendhilfeeinrichtungen dafür gerüstet?

System Jugendhilfe offenbar angeschlagen

Die Kinderschutz-Expertin Professorin Kathinka Beckmann von der Hochschule Koblenz gibt zu bedenken, dass die Jugendhilfe in Deutschland schon vor Corona "kaputt gespart" worden sei. Die Folgen: massiver Personalmangel, schlechte technische Ausstattung – zumindest bei einem Teil der Jugendämter. Sie befürchtet, dass "die gar nicht nachkommen werden", wenn jetzt nach dem Shutdown viel mehr aufgedeckt wird.

Dazu kommt: Das System Jugendhilfe ist durch die Coronakrise angeschlagen. Freie Träger, die normalerweise im Auftrag der Jugendämter Sozialarbeiter in die Familien schicken, kämpfen ums Überleben. Einige von ihnen werden – als Folge des Shutdowns und der weggebrochenen Hausbesuche - geringer vergütet, weil sie weniger Arbeitsstunden leisten.

Freie Träger klagen über Finanznöte

Am Telefon berichten mehrere Träger dem BR von wirtschaftlichen Nöten; teils stehen sie vor dem Ruin, denn als gemeinnützige Träger haben sie keine Rücklagen. Teils sind Mitarbeiter in Kurzarbeit, selbst bei großen Organisationen wie Caritas und Diakonie.

Kerstin Becher-Schröder, Gesamtleiterin der Kinder- und Jugendhilfe Bezzelhaus in Gunzenhausen, sagt, man sei wohl fürs erste mit einem blauen Auge davon gekommen. Der Träger betreibt unter anderem heilpädagogische Tagesstätten und Wohngruppen und bietet aufsuchende Familientherapie an.

Bei einer zweiten Pandemiewelle könnte es aber wirtschaftlich düster aussehen für das Bezzelhaus, sagt sie und appelliert an die Kommunen: "Familien und Kinder brauchen Hilfe und Unterstützung!" Es dürfe nicht passieren, dass hier jetzt der Rotstift angesetzt werde, weil Jugendhilfe viel Geld kostet.

Sexueller Missbrauch – Wie können wir unsere Kinder schützen? Darüber diskutiert am Mittwoch, 17.06., um 20:15 Uhr die Münchner Runde live im BR Fernsehen und hier bei BR24.

Wo Kinder, Jugendliche und Eltern Hilfe bekommen

Die "Nummer gegen Kummer" bietet Telefon- und Onlineberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter 116 111 zu erreichen – von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr. Erreichbar auch im Internet unter: https://www.nummergegenkummer.de

Das Elterntelefon wendet sich an Mütter und Väter, die sich unkompliziert und anonym konkrete Tipps geben lassen möchten. Die Rufnummer lautet 0800 111 0550, zu erreichen montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr und dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr.

Daneben gibt es auch eine bundesweite Hilfetelefonnummer: 08000 116 016.

Hier können sich Betroffene anonym, kostenfrei und in 17 verschiedenen Sprachen beraten lassen. Dieses Hilfetelefon ist auch online zu finden: https://www.hilfetelefon.de.

Die Nürnberger Kinderschutz-Hotline unter 0911/231-3333 ist 24 Stunden und sieben Tage die Woche besetzt.

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