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Kinderarbeit bei Grabsteinen: Gemeinden zögern bei Zertifikaten | BR24

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Die Welt war auf einem guten Weg, immer mehr Kinder aus prekärer Arbeit zu befreien und sie stattdessen in die Schule zu schicken. Die Corona-Pandemie könnte 20 Jahre Fortschritte bei der Reduzierung von Kinder-Arbeit zunichte machen.

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Kinderarbeit bei Grabsteinen: Gemeinden zögern bei Zertifikaten

Kinderarbeit in der Produktion von Grabsteinen ist weltweit ein großes Problem. Einzelne bayerische Gemeinden erlauben auf ihren Friedhöfen deshalb nur noch zertifizierte Steine. Experten fordern noch mehr Gemeinden zu diesem Schritt auf.

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Noch immer müssten Kinder in Indien Steine schleppen und Sprengladungen an Granitblöcken befestigen, kritisiert der Kinderrechtler Benjamin Pütter. Er arbeitet für das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" und hat in den vergangenen Jahren etliche Steinbrüche in Indien besucht. Seit die Problematik bekannt ist, schotten sich die Hersteller immer mehr ab. Einblicke geben die Hersteller nur selten.

"Andere, die es probiert haben, sind erschossen worden oder bei lebendigem Leibe im Steinbruch verbrannt worden: Das heißt, es ist einfach gefährlich nachzuschauen. Und das ist das Problem: Warum lassen Händler nicht unangekündigte Kontrolleure rein?" Benjamin Pütter, Kinderrechtler

Bestattungsgesetz gibt Gemeinden Spielraum

Um Kinderarbeit zu bekämpfen, setzen Hilfsorganisationen auf Siegel für fair produzierte Grabsteine. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen erlauben nur noch den Einsatz von solchen zertifizieren Steinen. In Bayern räumt eine Novelle des Bestattungsgesetzes von 2016 den Kommunen die Möglichkeit ein, einen Nachweis für die faire Produktion der Steine vom Hersteller zu verlangen.

"Ich hoffe, dass viele Gemeinden in Bayern diese Entscheidung treffen und sagen 'Wir lassen auf unseren Friedhöfen keine Grabsteine zu, die nicht gesiegelt sind, wenn sie aus unsicheren Herkunftsländern wie Indien, China, Vietnam kommen.'" Benjamin Pütter, Kinderrechtler

Nur wenige Gemeinden schreiben Grabstein-Zertifikate vor

Leider ist diese Hoffnung bisher noch vergebens: Denn in Bayern haben bislang nur etwas mehr als 300 von insgesamt 2.000 Gemeinden und Städten ihre Satzungen entsprechend geändert. Das zeigte eine Anfrage der Landtags-SPD vor einem halben Jahr. Viele Kommunen halten die Grabstein-Zertifikate nur für unnötige Bürokratie. Damit sind sie einer Meinung mit den Steinmetzen, auch sie glauben nicht daran, dass ein solcher Nachweis Sicherheit geben kann, ob der importierte Stein nicht doch von einer Kinderhand bearbeitet wurde. Zudem seien es die Kunden, die günstige Steine aus dem Ausland gegenüber den heimischen bevorzugten.

Die Stadt Freising hat ihre Friedhofssatzung trotzdem geändert. Hier dürfen nur noch zertifizierte Steine auf den Waldfriedhof, sagt Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher:

"Wir wollen einfach nicht unterstützen, dass woanders auf der Welt solche Rahmenbedingungen für die Erstellung von Steinen oder in Steinbrüchen vorherrschen. Und ich glaube, so können wir zumindest ein kleines Zeichen setzen." Tobias Eschenbacher, Oberbürgermeister Freising

Fair gehandelte Produkte als Lösung

Auch das katholische Hilfswerk Misereor setzt im Kampf gegen Kinderarbeit auf aufgeklärte deutsche Verbraucher. Misereor-Geschäftsführer Thomas Antkowiak ist sich sicher: Fair gehandelte Produkte könnten zu einer Abschaffung der Kinderarbeit beitragen. Er sieht dabei vor allem deutsche Unternehmen in der Pflicht, durch Vertragsbeziehungen und Einkaufspreise ihren Einfluss im Ausland geltend zu machen.

Zum Welttag gegen Kinderarbeit, der 2002 von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO eingeführt wurde, solidarisiert sich auch Papst Franziskus mit dem Anliegen: Während der Corona-Pandemie seien Kinder und Jugendliche vielerorts gezwungen, "eine ihrem Alter unangemessene Arbeit anzunehmen, um ihren Familien in extremer Armut zu helfen". Jeder sei deshalb mit dafür verantwortlich, "Wachstum, Gesundheit und Unbeschwertheit" von Kindern zu fördern.

Kinderarbeit könnte wegen Corona steigen

Rund 152 Millionen der fünf- bis 17-Jährigen sind weltweit Opfer ausbeuterischer Kinderarbeit, so die Schätzungen von Hilfswerken. Und das, obwohl Kinderarbeit nach dem Willen der Vereinten Nationen bis 2021 abgeschafft sein sollte. Durch Corona könnte Kinderarbeit zunehmen, warnt die Organisation Kindernothilfe: Viele mühsam errungene Fortschritte auf dem Weg zur Reduzierung von Armut drohten nun zu verpuffen und Millionen von Kindern und ihre Familien könnten in ausbeuterische Verhältnisse geraten.

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