Kämpfer mit einer Fahne des Islamischen Staates: Der terroristischen Vereinigung schlossen sich auch deutsche Frauen an. Teils wurden sie nach Deutschland zurückgebracht und hier verurteilt und inhaftiert. Ihre Kinder werden nun mitunter in Pflegefamilien betreut. Sie haben schreckliche Dinge erlebt, wie Recherchen von BR und SWR zeigen.
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Uncredited

Kämpfer mit einer Fahne des Islamischen Staates: Der terroristischen Vereinigung schlossen sich auch deutsche Frauen an.

  • Artikel mit Audio-Inhalten

Kinder von IS-Rückkehrern: Herausforderung Integration

Flucht, Gewalt, Radikalisierung: All das haben Kinder deutscher IS-Anhänger erleben müssen, wie Recherchen von BR und SWR zeigen. Immer mehr von ihnen sind inzwischen nach Deutschland zurückgeholt worden. Sie zu integrieren ist eine Herausforderung.

Manuela Schultz kann sich noch sehr gut an den Moment erinnern, als sie ihre Enkelsöhne Jamal und Yasha zum ersten Mal sehen konnte: Das war im Oktober 2021, am Frankfurter Flughafen. Die Mutter der beiden – also die Tochter von Manuela Schultz – wurde noch vor Ort verhaftet. Sie hatte sich dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen und ihre Söhne in Syrien zur Welt gebracht. Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland kümmert sich nun Manuela Schultz um die Buben. Die letzten Wochen hätten sie viel Kraft gekostet, sagt sie.

Vor der Landung kannte sie Yasha und Jamal nur aus Video- und Sprachnachrichten. Am Flughafen sei ihr der sechsjährige Jamal dann sofort in die Arme gesprungen. Während sich sein jüngerer Bruder ganz normal entwickle, macht sie sich Sorgen um Jamal. Er habe Playmobil-Männchen an ihrer Wohnzimmerpalme aufgehängt, das Tor einer Spielzeuggarage als Guillotine benutzt, erzählt Manuela Schultz im Interview mit Reportern von BR und SWR: "Er hat nach außen ausgedrückt, dass er etwas gesehen hat, was in die Welt hier nicht hineingepasst hat."

Manuela Schultz ist eine der wenigen Angehörigen von IS-Anhängern, die so etwas offen erzählen. Zu ihrem Schutz besteht sie aber darauf, dass ihr Name geändert wird – genau wie die Namen der Kinder.

Mutter zu Freiheitsstrafe verurteilt

Ihre Tochter konvertierte zum Islam und radikalisierte sich. Sie reiste 2014 nach Syrien und heiratete dort. Bis 2019 lebte sie im von der Terrormiliz ausgerufenen Kalifat, wo sie Jamal zur Welt brachte. Anschließend kam sie gemeinsam mit dem Jungen in ein kurdisches Gefangenenlager. Dort kam ihr zweiter Sohn Yasha zur Welt. Nach der Rückreise wurde sie verhaftet und Anfang Juni dieses Jahres zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Das Oberlandesgericht Celle sah es unter anderem als erwiesen an, dass sie Mitglied einer terroristischen Vereinigung gewesen war.

Mehr als 100 IS-Anhängerinnen in Deutschland

106 IS-Anhängerinnen sind nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt. 121 Kinder unter 14 Jahren hat das BKA nach Deutschland gebracht. In Bayern werden acht Rückkehrerinnen und 15 Kinder gezählt.

Was Kinder beim IS und in kurdischer Lagerhaft aushalten mussten, zeigen Unterlagen zu Ermittlungen, die BR und SWR vorliegen. Ein Kind zum Beispiel soll einer Steinigung beigewohnt haben. In einem weiteren Fall ist von sexuellem Missbrauch die Rede. Im Fall einer IS-Rückkehrerin aus Bayern heißt es, dass ihr ältester Sohn womöglich misshandelt wurde. Davon zeugten kreisrunde Brandmale an den Beinen, die "augenscheinlich vom Ausdrücken brennender Zigaretten stammen".

Herausforderung für die Gesellschaft

Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht in diesen Kindern "Opfer der Ideologie ihrer Eltern", wie es im aktuellsten Bericht des Amtes heißt. Es sei zu vermuten, "dass sie indoktrinierenden Einflüssen ausgesetzt waren, zum Beispiel durch Propaganda des IS und Gewalterfahrungen im Alltag". Die Kinder dürften nicht stigmatisiert werden. Das sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, schreiben die Verfassungsschützer.

Das Bayerische Innenministerium sieht das ähnlich, wie eine Antwort auf eine Anfrage des Bayerischen Rundfunks zeigt. So seien Schulen, Jugendämter und Kindertageseinrichtungen herausgefordert. Und auch Angehörige: Sie sollen den Kindern ein sicheres Umfeld geben.

Dabei stehen diese Kinder hierzulande nach Expertenansicht unter großem Druck: Zum einen müssen sie die Erlebnisse bei der Terrorgruppe verarbeiten. Zum anderen müssen sie sich auf eine neue Realität einstellen: auf eine fremde Sprache, auf ein Umfeld ohne Krieg und Zerstörung sowie auf einen Alltag ohne ihre Mutter als Bezugsperson, da diese in den meisten Fällen im Gefängnis sitzt.

Kaum therapeutische Betreuungsangebote

Für ein sicheres Umfeld spricht sich auch die Psychologin Kerstin Sischka aus. Sischka ist eine der wenigen Psychologinnen in Deutschland, die immer wieder Kontakt zu IS-Rückkehrerinnen und deren Kindern haben. Feste Bezugspersonen seien wichtig, sagt sie. "Brüche", wie etwa der Wechsel von Betreuungseinrichtungen, müssten vermieden werden.

Bedarf sieht Sischka aber vor allem bei therapeutischen Betreuungsangeboten. Nur wenige ihrer Berufskollegen trauten sich zu, die Kinder von IS-Rückkehrerinnen zu behandeln: "Der Hintergrund der Rückkehr aus den IS-Gebieten ist so speziell, dass wir hier eine Sondersituation vorfinden. Das ist aus der Sicht vieler Kollegen zu komplex, zu schwierig", sagt die Psychologin.

Doch auch Experten sind sich uneins, ob die Integration der Kinder gelingen kann. Sie rechnen damit, dass einzelne Kinder dauerhaft traumatisiert sein könnten.

Spuren hat die Zeit unter der IS-Herrschaft auch bei Jamal hinterlassen, dem Enkelsohn von Manuela Schultz. Sie hatte das Glück, den Jungen in therapeutische Behandlung geben zu können. Untersuchungen hätten gezeigt, dass der Sechsjährige den IQ eines Vierjährigen habe, berichtet Manuela Schultz.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!