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Ärztin im Patientengespräch
© pa/dpa/Joachim Tack

Autoren

Arno Trümper
© pa/dpa/Joachim Tack

Ärztin im Patientengespräch

Wenn Kinder krank sind, müssen Eltern schon ab dem ersten Tag ein Attest vom Arzt bringen, damit sie daheim bleiben und das Kind betreuen dürfen. Wenn sie selber krank sind, brauchen sie das Attest dagegen erst ab dem vierten Tag. Ungerecht?

Alltagssituation: Kind hat Fieber

Eltern kennen die Szene: Papa Richard kommt morgens ins Kinderzimmer. Die zweijährige Mia schlägt die Augen auf. Sie wirken leicht glasig. Kurz die Hand auf die Stirn bestätigt den Verdacht: Fieber!

Das ist eigentlich nichts Besorgniserregendes. Viele Kinder haben mal Fieber. Ein Tag zuhause, viel Kuscheln mit Mama oder Papa und am nächsten Tag ist wieder alles bestens. Kein Problem, wenn Mama und Papa nicht zur Arbeit müssten!

Eltern dürfen pro Kind 20 Tage daheim bleiben

Juristisch ist die Lage klar: Jedes Elternteil hat das Recht, pro Kind im Jahr zehn Tage Zuhause zu bleiben. Das heißt, bei einer Familie mit Vater, Mutter und zwei Kindern wären das 20 Tage pro Elternteil, also insgesamt 40 Tage im Jahr. Bei Alleinerziehenden könnte der oder die Alleinerziehende die gesamten 40 Tage in Anspruch nehmen.

Die maximale Anzahl an Tagen, die in Anspruch genommen werden können, sind 25 pro Elternteil oder 50 bei Alleinerziehenden. Also: Wenn ich drei Kinder habe, dann schöpfe ich das Kontingent von 25 Tagen pro Elternteil voll aus. Bei mehr Kindern werden es trotzdem nicht mehr Tage.

Höchstens 103,25 Euro Kinderkrankengeld pro Tag

An diesen Tagen hat jeder Arbeitnehmer das Recht auf Kinderkrankengeld. Das zahlt die Krankenkasse, und es beträgt üblicherweise 90 Prozent des Nettolohns, ist aber auf 103,25 Euro/Tag gedeckelt. Davon werden dann noch die Beiträge zur Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung abgezogen.

Das klingt doch gut, findet Richard. Mit seiner Frau Inge beschließt er, dass heute Papa mit Mia Zuhause bleibt. Ein kurzer Anruf beim Arbeitsgeber, dann die Ernüchterung. Der Chef sagt: "Wenn Sie Zuhause bleiben wollen, dann brauchen Sie ein Attest vom Arzt!" Richard versucht noch zu argumentieren, dass es sich nur um ein leichtes Fieber handele, ein Tag zuhause, und morgen könne Mia wieder in die Kinderkrippe. Er kenne das, alles völlig problemlos. Der Arbeitgeber bleibt aber hart: "Kinderkrankengeld und den Tag daheim bleiben - nur mit Krankschreibung!"

Lästiger Besuch beim Arzt nur fürs Attest

Für Papa Richard ist das ärgerlich: Jetzt muss er die kranke Mia ins kalte Auto packen, im Wartezimmer der Kinderarztpraxis warten, wo sie den Viren anderer Kinder ausgesetzt ist, sich womöglich ansteckt und erst recht krank wird.

Richard will es jetzt genau wissen. Er ist Gewerkschaftsmitglied und ruft bei der Rechtsberatung an. Wieder wird er enttäuscht. Dr. Till Bender erklärt ihm: "Kinderkrankengeld gibt es nur, wenn ein ärztliches Attest vorliegt. Beim Krankengeld für Erwachsene ist das auch nicht anders."

Da stutzt Richard: "Wenn ich krank bin, dann kann ich ohne Probleme einen Tag Zuhause bleiben. Ich muss nur in der Arbeit Bescheid geben und bekomme trotzdem meinen Lohn weiter gezahlt."

"Blau" machen soll verhindert werden

Hier liegt laut Bender ein häufiges Missverständnis vor: Der Arbeitnehmer erhält bei einem Krankentag vom Arbeitgeber die "Lohnfortzahlung im Krankheitsfall". Wenn der Arbeitnehmer wegen eines Kindes nicht in der Arbeit erscheint, dann erhält er Kinderkrankengeld von der Krankenkasse. Also einmal zahlt der Arbeitgeber, und einmal die Krankenkasse.

"Der Gesetzgeber hat das so festgelegt: Kinderkrankengeld wird nur dann gezahlt, wenn eine Krankheitsbescheinigung vorliegt, also auch ab dem ersten Tag. So soll Blaumachen verhindert werden. Ob der Arbeitgeber eine Krankschreibung verlangt, bleibt ihm überlassen. Üblich ist es nach drei Tagen. Es gibt aber auch Arbeitgeber, die die Krankschreibung auch schon am ersten Tag verlangen,“ sagt Bender.

Es gehe sogar noch weiter, so der Rechtsexperte vom Deutschen Gewerkschaftsbund: "Der Arzt muss streng genommen auch überprüfen, ob nicht eine alternative Betreuungsmöglichkeit besteht, etwa eine Oma, die in der Nachbarschaft lebt. Nur wenn er bescheinigt, dass das nicht so ist, darf der Arbeitnehmer tatsächlich zuhause bleiben. Das mag etwas praxisfern sein, aber so ist das Gesetz!"

Manche Arbeitgeber geben ihren Mitarbeitern aber auch unbezahlten Urlaub, wenn das Kind krank ist.