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Kinder im Visier der Verschwörungsbewegung | BR24

© picture alliance/dpa

Archiv: Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Dresden

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    Kinder im Visier der Verschwörungsbewegung

    Bei Kundgebungen der Querdenker- und Verschwörungsszene treten immer häufiger Minderjährige als Redner auf. Angeworben werden sie etwa vor Schulen - oder durch einen eigens für Kinder und Jugendliche eingerichteten Telegram-Kanal.

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    Der Nachwuchs der Querdenkerszene hat es nicht leicht, wenn es darum geht, die einschlägigen Thesen der Pandemieleugner "unters Volk zu bringen". Amy, nach eigenen Angaben vierzehn Jahre alt, wird einfach nicht geglaubt, wenn sie "mit Fakten, Studien und Zahlen" ihre Mitmenschen über Corona aufklären möchte. Doch immerhin sei dies auch "nicht böse gemeint" - sondern ein Fall von "kognitiver Dissonanz", meint die Jugendliche auf einer Kundgebung des "Bürgerforums Schwaben".

    Deutlich härter geht Isabell, 17, mit ihren Mitmenschen bei einer Veranstaltung der Querdenkerbewegung in Karlsruhe ins Gericht, denn für sie gibt es die vielen an Covid-Erkrankten einfach nicht: "Wenn doch irgendwie eine Diskussion zustande kommt, wird immer angeführt, dass der Diskussionspartner jemanden kennt, der Corona hatte und mit dem Tod kämpfte. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass sie alle ein- und dieselbe Person kennen". Und: "Aufgrund einer Person werden unsere Rechte immer weiter eingeschränkt? Aufgrund einer Person werden wir Kinder und Jugendliche unterdrückt?"

    Die Menge applaudiert den Aussagen der Jugendlichen. Szenen wie diese häufen sich inzwischen auf Demonstrationen der Protestbewegung, denn immer öfter sprechen hier Minderjährige und verbreiten - häufig mit kindlicher Naivität - die Thesen der Pandemieleugner.

    Experte: Szene radikalisiert sich zunehmend

    Eine Szene, die nach Ansicht vieler Beobachter in der Wahl ihrer Mittel immer extremer wird. Thomas Laschyk ist Literaturwissenschaftler und Gründer des "Volksverpetzer-Blogs", der seit vielen Jahren Anhänger von Verschwörungstheorien beobachtet und deren Falschmeldungen aufdeckt.

    Für ihre Arbeit wurde die Gruppe letztes Jahr mit dem "Goldenen Blogger"-Preis ausgezeichnet. Im Juli gewannen sie zudem den Augsburger Medienpreis. "Man merkt das ganz deutlich, dass die ganze Szene sich immer mehr radikalisiert, dass sie sich immer mehr der Gewaltbefürwortung zuwendet und auch dem Terrorismus", so Laschyk. "Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung."

    Aktionen wie etwa Anschläge auf die Leibnitz-Gemeinschaft in Berlin oder das Robert Koch-Institut, die in einschlägigen Foren mit tausenden von Mitgliedern bejubelt werden, aber auch Morddrohungen gegen Politiker, Wissenschaftler und Journalisten machen deutlich: Die Corona-Leugner sind ein ernst zunehmendes Problem für die innere Sicherheit geworden. Doch während die einen mit Bedrohung und Gewalt für Aufmerksamkeit sorgen, instrumentalisieren andere ein besonders sensibles und emotional besetztes Thema für ihre Sache: Kinder.

    Mythen um tote und gefolterte Kinder

    Kinder spielen von jeher bei Verschwörungserzählungen eine wichtige Rolle. So bildet der Mythos von entführten und in unterirdischen Verließen gefangenen Kindern eines der Fundamente der sogenannten QAnon-Verschwörung. Aus ihrem Blut soll ein wundersames Verjüngungsmittel für eine reiche, die Welt beherrschende Elite gewonnen werden.

    Im Sommer verbreiteten in Deutschland führende Sprecher der "Querdenker"-Szene das Gerücht, mehrere junge Menschen seien an den Folgen des Tragens einer Atemschutzmaske gestorben - doch nachweislich ist kein einziges Kind hierzulande dadurch ums Leben gekommen.

    Gerücht über "Masken-Tod" eines Mädchens verbreitet

    Wie tief sich solche Behauptungen trotz aller offensichtlichen Widersprüche in den Köpfen festsetzen, mussten Anfang Oktober die Beamtinnen und Beamten der Polizei Unterfranken feststellen. Masken-Kritiker verbreiteten das Gerücht, in Schweinfurt sei ein junges Mädchen wegen Sauerstoffmangels in einem Bus kollabiert und später im Krankenhaus verstorben.

    Auf ihrem Twitterkanal dementiert die zuständige Polizeibehörde wieder und wieder diese Behauptung - einen derartigen Vorfall habe es nie gegeben. Doch vergeblich. Selbst nach einer Woche und unzähligen Wiederholungen wurden die Beamten und Beamtinnen immer noch mit Falschinformationen bombardiert und zur Richtigstellung aufgefordert.

    Jugendliche werden über Telegram angeworben

    Doch inzwischen beginnt die Szene zunehmend auch Kinder aktiv für Handlungen zu instrumentalisieren. Laschyk und die "Volksverpetzer" dokumentieren in ihrem Blog inzwischen Szenen, wie sich Pandemieleugner vor Schulen aufstellen, den Unterricht mit Megafonen stören, und Kinder oder junge Menschen auf dem Schulweg gezielt abfangen. "Sie sprechen die Kinder an: Warum tragt ihr Maske? Ihr wisst doch, dass die gefährlich sind", erzählt Laschyk. "Sie versuchen, den Kindern einzureden, dass sie Kopfschmerzen bekommen, dass es gefährlich wäre".

    Zwar weniger aggressiv, aber ebenfalls nicht harmlos sind die Anwerbeversuche von Samuel Eckert, einem führenden Kopf der Querdenker-Szene. Der inzwischen von seiner Freikirche mit einem Auftrittsverbot belegte Prediger bewirbt im Netz die "Youngsters", einen eigens für Kinder und Jugendliche eingerichteten Telegram-Kanal. Hier sollen sich junge Menschen ungestört über ihre Erfahrungen und Themen wie "Maskenwahnsinn im Unterricht" austauschen können und erfahren, wie man sich "einbringen kann".

    Dass es sich dabei nicht nur um eine Art "Selbsthilfegruppe" handelt, legen Eckerts Äußerungen aus einem öffentlich zugänglichen Interview mit der Betreuerin "Chrissi" nahe: "Wir haben Juristen und Psychologen, wenn es um ganz harte Fälle geht." Das Konzept scheint auf Interesse zu stoßen: Nach eigen Angaben der Administratoren hat die Gruppe inzwischen mehr als 200 Mitglieder. Dass es oft nicht bei einem Meinungsaustausch bleibt, zeigen die Videos der Demonstrationen: Es sind die "Youngsters", die hier auftreten.

    Freie Meinungsäußerung oder ideologisch indoktriniert?

    Natürlich haben auch Kinder und Jugendliche ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Dass ihre Reden jedoch ihr "alleiniges Werk" sind, bezweifeln viele Beobachter. Die Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götz hat mehrere Auftritte der jungen Rednerinnen und Redner analysiert: "Was auffällt ist, dass die Reden eine sehr ähnliche Dramaturgie haben. Sie gehen von Alltagserfahrungen aus, dann kommen einige Argumente, es kommen Beschuldigungen rein, und am Ende wird eine große Utopie aufgerissen. Da liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass sie gezielt geschult wurden, ebenso eine Rede zu schreiben, das lernen sie so im Unterricht im Normalfall nicht."

    Junge Menschen können Folgen nicht richtig abschätzen

    Keinen Zweifel indes hat sie zum Nutzen, den die jungen Rednerinnen und Redner für die Bewegung von Samuel Eckert haben. Kinder sind zum einen sehr viel glaubhafter, weil wir davon ausgehen, dass sie keine bösen Absichten haben", sagt Götz. "Sie sind natürlich auch die authentischen Zeugen und Zeuginnen dafür, was gerade in Schulen abgeht."

    Doch die Wissenschaftlerin sieht auch Gefahren für die jungen Leute, wenn sie sich öffentlich zum Sprachrohr der Bewegung machen: "Sie begeben [sich] in eine Öffentlichkeit mit Argumenten, die sie selber nicht richtig abschätzen können. Sie benutzen Worte und Konzepte, die sie selber nicht abschätzen können. Das heißt: Dauerhaft kann es sein, dass ihnen das ganz fürchterlich leid tut [..] dass sie sich im Nachhinein ausgenutzt fühlen." So bleibt zu hoffen, dass für die jungen Leute ein "Erwachen vom Erwachen" keine bleibenden Spuren hinterlässt.

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