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Keine Bühne: Die Medien und der Attentäter von Christchurch | BR24

© ARD

Mit einer Verurteilung zu einem Leben hinter Gittern hat die Justiz in Neuseeland am Donnerstag das dunkle Kapitel des Christchurch-Attentats abgeschlossen. Der Rechtsextremist hatte im vergangenen Jahr 51 Gläubige in zwei Moscheen erschossen.

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Keine Bühne: Die Medien und der Attentäter von Christchurch

Im März 2019 tötete der Attentäter von Christchurch 51 Menschen. Damals haben viele Medien berichtet, doch zum Prozessauftakt sind sie sehr zurückhaltend geworden. Eine bewusste Entscheidung, erklärt die zuständige ARD-Korrespondentin im Gespräch.

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Lena Bodewein berichtet aus dem ARD-Studio in Singapur über Südostasien und den pazifischen Raum, sie war im Zusammenhang mit dem Attentat mehrfach in Neuseeland. Sie hat auch den Prozess gegen den Terroristen beobachtet, der diese Woche stattfand und mit einer Verurteilung zu lebenslanger Haft ohne Bewährung zu Ende ging. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie viel Zurückhaltung sich die Medien in Neuseeland auferlegt haben, denn der Attentäter, so Premierministerin Jacinda Ardern, verdiene "Stille auf Lebenszeit".

Jonathan Schulenburg: Wie war die aktuelle Berichterstattung in Neuseeland, wie haben sich die Medien verhalten?

Lena Bodewein: Das war vor allem am Anfang sehr zurückhaltend. Am Montag, als die Anhörung losging, waren Covid-19 und der erneute Lockdown in Aukland die Hauptthemen, die Anhörung vor Gericht kam erst an dritter oder vierter Stelle. Es wurde nicht live gestreamt aus dem Gerichtssaal, sondern wir haben vom Gericht jeden Tag in der Mittagspause und zum Abschluss des Tages Häppchen und Fotos von den Anhörungen bekommen, und es wurde auch gesagt, was man berichten, wessen Namen man nennen darf usw. Also, es war sehr zurückhaltend und sehr vorsichtig gestaltet.

Jonathan Schulenburg: Wie war das im Vorfeld des Prozesses: Haben sich die Medien abgesprochen, dass sie nicht so ausschweifend berichten werden?

Lena Bodewein: Ja, weil viele im Vorfeld Sorge hatten, dass man – wie bei anderen Fällen erlebt – solchen Attentätern, solchen Terroristen eine Bühne bieten würde, und das wollte keines der Medien. Wir wollten auch vorher nicht zu viel über ihn reden und nicht spekulieren. Daher ging es vorab wirklich mehr um die Opfer und um die Hinterbliebenen, um deren Namen und das, was sie durchgemacht haben und wie es ihnen jetzt geht.

Jonathan Schulenburg: Also standen jetzt die Opfer im Vordergrund. Aber nach dem Attentat wurden viele, auch internationale Medien kritisiert, dass sie Ausschnitte aus dem Video gezeigt und die Ideologie des Attentäters verbreitet haben. Wie wurde das damals vor Ort gesehen, vor allem auch von den Hinterbliebenen?

Lena Bodewein: Es wurde damals vor Ort auf jeden Fall sehr, sehr kritisch gesehen, und es wurden auch schwere Strafen verhängt für Leute, die dieses Video weiterverbreitet haben. Manche haben so argumentiert: Man müsse das doch zeigen, um zu wissen, wie fürchterlich es war. Aber dann wurde schnell klar – und das hat auch Premierministerin Jacinda Ardern gesagt: Wir wollen ihm und seinen Taten keinen Ruhm zukommen lassen. Weil ganz deutlich ist, was er will: Er möchte Berühmtheit, er möchte ein Vermächtnis hinterlassen. Und die Medien haben das vor anderthalb Jahren teilweise gezeigt. Und sie haben sich dann auch sehr auf die Opfer, auf die Hinterbliebenen gestürzt. Die waren sehr getroffen und sagten: Wir mussten das im Netz, auch auf Newsseiten mit ansehen, wie meine Tante, mein Vater, meine Mutter, mein Kind dort gestorben sind. Das ist so fürchterlich, das möchte man niemandem zumuten.

Jonathan Schulenburg: Bei uns in den Medien ist aufgefallen, dass viele den Namen des Attentäters jetzt nicht genannt haben, anders als in anderen Fällen. Wie ist das bei Ihnen: Achten Sie auch selber darauf, nicht zu detailliert über seine Ideologie zu berichten, überhaupt seinen Namen zu nennen?

Lena Bodewein: Ich habe tatsächlich seinen Namen seit damals nicht genannt, kein einziges Mal. Ich habe mich auch sehr auf die Opfer konzentriert und versucht, seiner Ideologie so wenig Platz wie möglich einzuräumen. Natürlich, direkt nach der Tat, da haben wir schon alle recherchiert: Wer ist das, was ist sein Vorbild? Beruft er sich auf irgendwen? War er vernetzt, was sind die Hintergründe, stecken da noch mehr dahinter? Aber als klar war, das war ein Einzeltäter, der sich auch auf einen anderen Attentäter, auf Anders Breivik, beruft, da wollten wir genau das verhindern, dass ich so jemanden zu einem Idol hochstilisieren kann.

Jonathan Schulenburg: Sie haben gerade Anders Breivik genannt, den kennt man ebenso in Deutschland wie Anis Amri. Hat es ihrer Einschätzung nach jetzt geklappt, dem Attentäter in Neuseeland keine Plattform zu geben?

Lena Bodewein: Ich denke schon, die meisten Neuseeländer haben sich wirklich daran gehalten. Auch wenn ich mit Bekannten spreche, die wissen meist gar nicht, wie der heißt, sie sagen: dieser Typ da in Neuseeland, dieser verrückte Australier oder so. Aber man kennt den Namen nicht so genau. Und das ist wirklich ein großes Verdienst der Medien. Und eben der Neuseeländer, die da auch gesagt haben: Wir wollen das nicht. Wir wollen wissen, wer gestorben ist, die wollen wir in Ehren halten. Das fand ich damals sehr beeindruckend. Die Zeitungen waren voll von Fotos und Porträts der Opfer, aber eben nicht über ihn. Und so war es auch dieses Mal, am Ende dieses Prozesses. Das, was auch Premierministerin Jacinda Ardern gesagt hat: Man wird ihn vergessen. Er wird nicht mehr ans Tageslicht kommen, und er verdient einfach eine Lebenszeit der Stille. Niemand wird sich mehr an ihn erinnern.

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