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Keine Beschönigungen: Die Tötung einer Frau ist ein Femizid | BR24

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Beziehungstat, Familiendrama oder Mord? Bei Tötungsdelikten an Frauen - begangen von ihren Männern oder früheren Partnern - wird die Verantwortung der Täter häufig begrifflich verschleiert.

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Keine Beschönigungen: Die Tötung einer Frau ist ein Femizid

"Beziehungstat", "Familiendrama" oder "Tragödie"? Bei Tötungsdelikten an Frauen - begangen von ihren Männern oder früheren Partnern - wird die Verantwortung der Täter häufig mit Worten verschleiert.

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Bayern 2-radioWelt: Wenn man sich die sich Kriminalstatistik anschaut, dann ist für Frauen die Gefahr, ermordet zu werden, offenbar nirgendwo größer als in der eigenen Partnerschaft. Warum?

Christina Clemm, Fachanwältin für Straf- und Familienrecht: Das ist leider immer noch so. Dieser alte Spruch, die größten Gefahren für Frauen sind in ihrem eigenen Zuhause, der stimmt leider noch. Trennungstötungen oder Tötungen im sozialen Nahraum sind immer noch sehr häufig. Es kommen die vielen, vielen versuchten Tötungsdelikte hinzu gegen Ex-Partnerinnen - und das ist jeden Tag in Deutschland der Fall.

Was motiviert die Täter, bis zum Äußersten zu gehen?

Das ist der unbedingte Besitzanspruch der Männer über Frauen. Das ist ein strukturelles Problem. Das gibt es umgekehrt im Geschlechterverhältnis nicht. Es ist der Wille, dass wenn die Frau mich verlässt, dann soll sie auch nicht mehr leben. Das ist das Motiv. Das ist ein tiefsitzender Frauenhass. Deswegen sprechen wir auch auf gar keinen Fall von "Beziehungstaten", sondern von "Femiziden", das heißt von Tötungen einer anderen Person aufgrund ihres weiblichen Geschlechts.

"Beziehungstat", "Beziehungsdrama" - das liest und hört man immer wieder. Sie verwenden den Begriff "Femizid" - was sind die Unterschiede juristisch und gesellschaftlich, wenn man diesen Begriff verwendet?

"Beziehungstat" klingt verharmlosend. So, als sei die Beziehung schuld. Das Problem ist aber das strukturelle Geschlechterverhältnis, und das muss man anerkennen. Es gibt eine große Diskussion darum, ob man einen eigenen Straftatbestand braucht. Ich bin der Meinung, dass eigentlich der Straftatbestand des Totschlags oder Mordes ausreichend ist. Man muss aber erkennen, dass es ein strukturelles Problem ist, dass Männer diesen Besitzanspruch auf Frauen haben und diesen dann verwirklichen in der extremsten Form, indem sie ihre Partnerin töten. Im Moment sieht es in der Rechtsprechung eher noch aus, dass man sagt: Naja, Eifersucht, das ist ein Motiv, das wir verstehen können - da gehen wir eher von Totschlag aus als von Mord. Und genau diese Sichtweise muss sich ändern. Und das Zweite: Wenn man Femizide als Begriff einführt, auch statistisch einführt, dann kann man sehr viel besser diese Strukturen erkennen und analysieren.

Im Fall von Obergünzburg waren Täter und Opfer afghanische Staatsangehörige. Wenn Sie sich partnerschaftliche Gewaltdelikte in Deutschland anschauen, was lässt sich über den Hintergrund der Täter sagen?

Da lässt sich gar nichts sagen. Gewalt gegen Frauen kommt in jeder sozialen Herkunft vor, es gibt keine besonderen Gruppen. Es gibt auch keine kulturelle Neigung zu Tötungsdelikten. Das Problem ist die patriarchale Struktur und nicht die Herkunft.

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