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ARCHIV - 10.05.2019, Berlin: Eine alte Frau greift nach einem Glas Wasser.

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    Keine Auszeit, keine Lobby: Pflegende Angehörige in der Pandemie

    Mehr als 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, meist kümmern sich die Angehörigen. Eine Auszeit ist in Coronazeiten fast unmöglich. Die Diakonie fordert deshalb gesetzlich geregelte Auszeiten für pflegende Angehörige.

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    Von
    • Barbara Weiß
    • Veronika Wawatschek

    Erst kann der Partner nicht mehr allein zum Arzt. Dann muss man ihm beim Anziehen helfen, an Medikamente erinnern. Kommt eine Demenz dazu, sind die Angehörigen 24 Stunden verantwortlich und das an 365 Tagen im Jahr. Auch wenn ambulante Pflegedienste helfen, arbeiten Angehörige, die zu Hause pflegen, rund um die Uhr.

    Viele Pflegende sind selbst schon alt

    Oft sind sie selbst schon alt und sind am Ende, so wie Helga etwa: "Ich kenne durch die Selbsthilfegruppe viele Frauen, die sind fix und fertig. Die sagen, uns wird nicht geholfen. "Seit 16 Jahren pflegt die Nürnbergerin ihren Mann, der an Parkinson leidet und dement ist. Davor hat sie sich um ihre Mutter gekümmert.

    Weite Entfernungen machen eine Aufgabenteilung oft unmöglich

    Pflegen über Jahrzehnte ist heute kein Einzelfall. Und da Kinder, Eltern und Großeltern im 21. Jahrhundert zum Großteil weit voneinander entfernt wohnen, kann die Pflege für einen Angehörigen oft nicht unter verschiedenen Personen aufgeteilt werden, weiß Diakoniewissenschaftler Günther Bauer. Oftmals bleibe die Pflege an einer Person hängen, die selbst schon alt sei. Die Gesellschaft dürfe pflegende Angehörige nicht allein mit dieser Aufgabe lassen, fordert Bauer: "Das Gebot, sich um die Gesundheit zu kümmern, gilt nicht nur für die zu Pflegenden, sondern auch für die Pflegenden."

    Pflegekräfte haben Zeitausgleich, pflegende Angehörige nicht

    Pflegen bis zur Selbstaufgabe ist nicht gesund. Für professionelle Pflegekräfte in Alten- und Pflegeheimen macht der Staat Vorgaben:

    "Alle professionellen Pflegekräfte haben Anspruch auf Wochenarbeitszeit und Urlaub. Das alles ist nicht so bei pflegenden Angehörigen. Und darum müssen die auch ihre Pausen bekommen, im Interesse der zu Pflegenden, aber auch im eigenen Interesse, dass sie nicht Burnout bekommen oder komplexe Krankheiten." Günther Bauer

    Das letzte Jahr war hart für alle, aber besonders für die pflegenden Angehörigen. Aus Angst vor Ansteckung haben viele Angehörige die Kontakte reduziert, sind noch einsamer geworden und haben noch mehr Aufgaben übernommen. Auch viele Hilfsangebote für pflegende Angehörige sind weggebrochen wie der Besuchsdienst der Malteser beispielsweise oder Altennachmittage in den Pfarreien. Aber auch staatliche Angebote wie Tagespflege, berichtet Sandra Schuhmann von der Diakonie Bayern: Tagespflege dürfe nach wie vor nur mit reduzierter Besucherzahl öffnen. Der Wegfall solcher Entlastungsangebote habe die Situation für pflegende Angehörige nochmals verschärft.

    Pflegende Angehörige als Bittsteller

    Helga kann nachts oft nur zweieinhalb Stunden am Stück schlafen, weil ihr Mann dement ist. Und das seit Jahren. Eine dreiwöchige Kur für pflegende Angehörige wurde ihr sofort vom Müttergenesungswerk genehmigt. Aber wohin mit ihrem Mann? Einen Platz zu finden, wo sie ihren Mann in Kurzzeitpflege unterbringen konnte, wurde zum Problem: "Ich hab bei vielen angerufen, und manche haben nur gesagt, nein, es war so frustrierend, wir pflegende Angehörige werden zum Bittsteller hier in Deutschland und das haben wir nicht verdient."

    Mithilfe von Ärzten, die über den Gesundheitszustand der 68-Jährigen besorgt waren, hat es dann irgendwann geklappt mit der Kurzzeitpflege und somit mit einer Kur für sie in der Klinik Hohes Licht in Oberstdorf. Wie Helga kommen hier alle ausgebrannt und erschöpft an, sagt Elke Hüttenrauch, Leiterin der Klinik. Schuld seien die Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft:

    "Wenn wir über Rente mit 67 diskutieren, ist es erstaunlich, wie hoch unsere Bereitschaft ist zu ignorieren, wie viele Männer und Frauen jenseits der 67 bis über 80 einen harten Job machen, um ihren Partner zuhause aus dem Leben zu begleiten, und dieser ganze Bereich wird nicht wahrgenommen." Elke Hüttenrauch

    Viel Arbeit. Wenig Aufmerksamkeit. Sie funktionieren aus Liebe, aus Pflichtgefühl. Und weil sie sich für ihre Angehörigen verantwortlich fühlen. Die Politik müsse sich für die Pflegenden wiederum verantwortlich fühlen, fordert Sandra Schuhmann von der Diakonie Bayern: "Sie sind absolut systemrelevant und was würde passieren, wenn dem professionellen Pflegedienst diese 80 Prozent wegfallen würden, dann hätten wir in Bayern ein großes Problem."

    Diakonie fordert gesetzlich geregelte Auszeiten für Pflegende

    Die Diakonie fordert niederschwellige wohnortnahe Beratungsangebote für die Pflegenden, den Ausbau von Selbsthilfegruppen und den gesetzlichen Anspruch von Auszeiten, von Kuren, gekoppelt an die Bedingung, dass für die Kurzeiten Betreuungsplätze für die Pflegebedürftigen zur Verfügung gestellt werden. Denn nur so können pflegende Angehörige wirklich durchschnaufen.

    "Was wir brauchen ist ein politisches Bekenntnis, dass das Thema wichtig ist und dass wir da auch eine Refinanzierung bekommen. Wir können auch nur Angebote machen, wenn wir sie finanziert bekommen und deshalb braucht es ein politisches Bekenntnis, pflegende Angehörige noch mehr in den Blick zu nehmen und hier passende Angebote zu gestalten."

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