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Kein Kükentöten mehr: Wann kommen die Alternativen? | BR24

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Hormon-Bestimmung, MRT-Untersuchung oder Lichttest - mit solchen Verfahren zur Geschlechts-Erkennung im Ei soll das milllionenfache Kükentöten gestoppt werden. Welche Methode ist am aussichtsreichsten?

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Kein Kükentöten mehr: Wann kommen die Alternativen?

Vor einem Jahr verkündete Bundesagrarministerin Klöckner: Ab sofort gebe es eine marktreife Lösung für die Geschlechtserkennung im Ei. Ein Ende des millionenfachen Tötens männlicher Küken schien in Greifweite. Doch passiert ist seither wenig.

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Die Brüder der Legehennen sind Ausschuss. Weder legen sie Eier noch setzen sie Fleisch an. Mehr als 40 Millionen männliche Eintagsküken werden deshalb pro Jahr in Deutschland getötet.

Bundesverwaltungsgerichts: Kükentöten übergangsweise zulässig

Geduldet wird das nach einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig aber nur noch so lange, bis es eine praxistaugliche Lösung gibt, mit der das Geschlecht der Küken schon im Ei bestimmt werden kann. Das Töten von männlichen Küken sei vorerst rechtmäßig, hatte das Gericht im Juni erklärt, und dabei auf die Verfahren zur Früherkennung verwiesen. Bruteier mit männlichen Küken müssten dann gar nicht erst ausgebrütet werden. Die Selektion finde ja vorher statt.

Wie weit sind die Verfahren in der Praxis?

Am 8. November 2018 ging Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor die Presse und sagte: "Das Kükentöten kann langfristig beendet werden."

Beispiel: Endokrinologisches Verfahren

Die Ministerin sprach von einem großen Tag für das Tierwohl in Deutschland und erklärte, Deutschland sei mit der Marktreife des endokrinologischen Verfahrens Vorreiter.

Doch was im November 2018 nach der Lösung aller Probleme klang, wird bisher erst in einer einzigen Brüterei in den Niederlanden gemacht, das sogenannte Seleggt-Verfahren. Bei Seleggt schlüpfen pro Jahr insgesamt rund eine Million "Respeggt Küken", wie die Firma sie nennt. Im nächsten Jahr will die niederländische Firma die Zahl der Küken verdoppeln, bei denen das Lebend-Töten der männlichen Brüder so verhindert wurde.

Wäre das eine Lösung für alle über 40 Millionen getöteten Küken in Deutschland? Der Geschäftsführer von Seleggt, Ludger Breloh, winkt ab.

"Die Kapazitäten haben wir gar nicht. Wenn man das will, dann brauchen wir weiterhin Bruderhahn-Mast. Wir sollten versuchen, Zweinutzungshühner immer mehr in die Lieferketten zu bringen. Aber wir brauchen auch andere technologische Verfahren der Geschlechtsbestimmung, um überhaupt im Stande zu sein, 40 Millionen Küken von dem sonst üblichen Kükentöten zu befreien." Ludger Breloh

Damit macht der größte Hoffnungsträger des Landwirtschaftsministeriums deutlich: Das endokrinologische Verfahren - auf das das Seleggt-Verfahren setzt und bei dem das Geschlecht mittels Harnproben sowie biotechnologischer Nachweisverfahren bestimmt wird - kann alleine das Problem nicht lösen.

Beispiel: mit dem MRT ins Ei-Innere schauen

Die Munich School of Bio-Engineering befindet sich auf dem Campus in Garching bei München. Hier arbeitet auch Axel Haase. Der Professor hatte mit Hühnern und Eiern eigentlich nichts am Hut, er ist aber Fachmann in der Magnet-Resonanz-Tomografie.

"Wir haben schon Daten bekommen, die sehr zuverlässig waren." Axel Haase

Das Geschlecht und den Befruchtungsstatus im Ei zu bestimmen, ohne die Schale zu öffnen - das klingt nach einem idealen Verfahren. Viel passiert ist seitdem allerdings nicht.

"Die Resonanz war sehr gut, was uns auch dazu geführt hat, dass wir weitermachen auf dem Gebiet. Aber Wissenschaft dauert lange. Dafür braucht man Zeit und Geld und Kooperationen und letztendlich auch die Messgeräte, die man für diese Untersuchungen braucht." Axel Haase

Im Moment gibt es zur Geschlechtsbestimmung via MRT keinen Prototypen für die neue Technik. Und: Die Fehlerquote liegt im zweistelligen Bereich. Der Garchinger Wissenschaftler rechnet damit, dass man erst in ein oder zwei Jahren sagen kann, ob das Ganze für Millionen Bruteier vor Ort in den Brütereien klappen kann. Außerdem wäre erst noch der Praxis-Transfer an der Reihe, also die endgültige Umsetzung der Methode vor Ort.

Beispiel: das spektroskopische Verfahren

Hoffnung ruht auch auf der spektroskopischen Geschlechtsbestimmung im Ei, der sogenannten "Infrarot-Raman-Spektroskopie". Hier wird das Ei mehrer Tage bebrütet. Dann wird mit einem Laser ein Loch eingeschnitten und ein spezieller Lichtstrahl in das Innere des Eis geschickt. Das Geschlecht wird schließlich durch eine Analyse des reflektierten Lichts bestimmt. Danach wird das Ei wieder verschlossen.

Das spektroskopische Verfahren wurde in Dresden und Leipzig entwickelt. Doch auch dieses Verfahren ist noch nicht in der Praxis angekommen und mit Fehlern behaftet. Für den Chemiker Gerald Steiner, der in der Humanmedizin arbeitet, ist die Forschungsarbeit zum Kükentöten momentan eher Liebhaberei, denn Geld und Stellen dafür gibt es derzeit nicht.

Zum spektroskopischen Verfahren wurden mehrere Patente angemeldet, es laufen Verhandlungen mit der Industrie. Innerhalb eines Jahres könnte ein Gerät gebaut werden. Aber wann die Methode in einer Brüterei tatsächlich zum Einsatz kommt, ist noch völlig offen.