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Katholische Bischöfe ringen mit Rolle im Zweiten Weltkrieg | BR24

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Vielerorts erinnern Politiker und Kirchenvertreter an den Beginn des Zweiten Weltkriegs, mahnen zum Frieden. Das war nicht immer so: 1939 befürworteten viele Geistliche den Kriegsbeginn. Die Bischöfe ringen bis heute mit dieser schwierigen Rolle.

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Katholische Bischöfe ringen mit Rolle im Zweiten Weltkrieg

Vielerorts erinnern Politiker und Kirchenvertreter an den Beginn des Zweiten Weltkriegs, mahnen zum Frieden. Das war nicht immer so: 1939 befürworteten viele Geistliche den Kriegsbeginn. Die Bischöfe ringen bis heute mit dieser schwierigen Rolle.

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Vor 80 Jahren, am 1. September, fand der Überfall des Deutschen Reichs auf Polen statt – der Auftakt des Zweiten Weltkriegs, an den heute vielerorts Politiker und auch Kirchenvertreter erinnern und zum Frieden ermahnen. Das haben die Kirchen nicht immer getan: Auch wenn viele Kirchenvertreter im Widerstand aktiv waren, 1939 haben auch katholische und evangelische Geistliche den Kriegsbeginn nämlich durchaus begeistert befürwortet.

Protestanten haben Mitschuld schon 1945 eingeräumt

Die Protestanten haben diese Mitschuld nach dem Krieg im sogenannten "Stuttgarter Schuldbekenntnis" bereits 1945 eingeräumt. Die katholischen Bischöfe in Deutschland ringen bis heute mit der schwierigen Rolle ihrer Kirche im Zweiten Weltkrieg. Denn auch wenn die katholische Kirche anfangs skeptisch gegenüber dem Hitler-Regime war, 1939 unterstützten auch katholische Geistliche den Angriffskrieg gegen Polen und riefen ihre Schäfchen zu den Waffen.

"Offensichtlich haben viele damalige Bischöfe diesen Krieg nicht als Angriffskrieg verstanden, sondern wenn man mal deren Texte, auch Hirtenworte und Predigten liest, als 'Selbstverteidigung' des deutschen Volkes und Reiches, das von Feinden von allen Seiten bedroht wurde", erklärte sich der inzwischen verstorbene katholische Theologe und Pax Christi-Friedensaktivist, Heinrich Missalla, das Verhalten vieler Geistlicher in einem Interview 1999. Anders "wäre nicht zu erklären, dass sie, bis auf eine Ausnahme, den Bischof von Berlin, Bischof Preysing, allesamt ihre Gläubigen aufgefordert haben zu Treue, Gehorsam gegenüber der Führung."

Polnische Bischöfe machen 1965 Versöhnungsangebot

Bis heute haben die deutschen katholischen Bischöfe diese Mitschuld zu Kriegsbeginn nicht umfassend eingestanden, auch wenn viele unter anderem Heinrich Missalla, dies immer wieder gefordert haben. Umso größer war 1965 die Überraschung über einen offenen Brief der katholischen Bischöfe in Polen an die deutschen Glaubensbrüder, in dem die Polen Versöhnung anboten und forderten:

"Wir vergeben und bitten um Vergebung." Die polnischen Bischöfe 1965

Die Replik der deutschen Bischöfe fiel damals eher verhalten aus. Nun will die Deutsche Bischofskonferenz zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September an den damaligen Briefwechsel anknüpfen – mit einer gemeinsamen Erklärung zusammen mit den polnischen Bischöfen.

Pazifist Missalla forderte von Kirche "Mut zur Ehrlichkeit"

"Wir erinnern an den Überfall der Nazis auf Polen. Und wir erinnern natürlich daran, um auch deutlich zu machen: So etwas darf nie wieder passieren. Wir müssen allen Tendenzen, die wiederum Krieg schüren und die auf Missverständnisse und Konfrontation hinwirken begegnen und das im Keim ersticken", sagt der Beauftragte für die Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick.

Am 3. Oktober 2018, kurz vor seinem Tod, hatte Missalla noch einen Brief an die deutschen Bischöfe geschrieben und gefordert:

"Haben Sie zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs endlich den Mut zur Ehrlichkeit und zum Aussprechen der Wahrheit." Theologe Heinrich Missalla

Auch 80 Jahre Nach Kriegsbeginn kein Schuldeingeständnis

Zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns sei Missallas Brief ein Anstoß, neu "über das Verhalten der verantwortlichen Bischöfe damals" nachzudenken, urteilte denn auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx über das Schreiben. Ein spätes Schuldbekenntnis, wie von Missalla und anderen gefordert, sei die jetzige gemeinsame Erklärung der deutschen und polnischen Bischöfe allerdings nicht, betont Erzbischof Schick.

Bischöfe verfassen Appell an gespaltenes Europa

Ihre gemeinsame Erklärung mit den polnischen Glaubensbrüdern verstehen die Bischöfe nach den Worten Ludwig Schicks eher als politischen Appell in einem aktuell gespaltenen Europa, in dem radikale politische Kräfte neu an Stärke gewinnen.

"Der Krieg am 1. September '39, der kam ja nicht aus dem Nichts. Und etliche Kirchen haben nicht genügend für den Frieden geworben und die Gefahren der Nazi-Zeit beim Namen genannt." Erzbischof Ludwig Schick