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Katerstimmung statt Sektlaune: 20 Jahre Putin | BR24

© dpa-Bildfunk/Alexei Druzhinin

Katerstimmung statt Sektlaune: 20 Jahre Putin

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    Katerstimmung statt Sektlaune: 20 Jahre Putin

    Heute vor 20 Jahren fand die erste "Krönungszeremonie" für Wladimir Putin statt: Er wurde ins Präsidentenamt eingeführt, das er zuvor übergangsweise inne hatte. Damals ahnte niemand, dass dies der Beginn einer Ära sein würde - doch der Lack bröckelt.

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    Von
    • Christina Nagel

    Es hätte eine Festwoche werden sollen! Erst das Amtsjubiläum. Dann die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland.

    Die Corona-Krise aber, die das Land weiter fest im Griff hält, macht alle Pläne zunichte. Statt zu feiern und sich bejubeln zu lassen, sitzt der russische Präsident eingebunkert in seiner Residenz vor den Toren Moskaus und übt sich per Video-Schalte im viralen Krisenmanagement:

    "Wie ich schon sagte, sollte man in einigen Regionen die harten Einschränkungen beibehalten und sogar verschärfen. In anderen aber muss man bereits Lockerungen vorplanen." Wladimir Putin, Präsident Russlands

    Der Durchregierer irritiert seine Gefolgschaft

    Wer was wie plant, das überlässt der Präsident den Gouverneuren. Wladimir Putin hat sie mit Sonderrechten ausgestattet. Ein Schritt, der dem straffen Hierarchie-Denken, der vertikalen Machtstruktur, die das System Putin eigentlich ausmacht, zuwider läuft.

    Entsprechend irritiert sind viele Russen, die das Durchregieren von oben nach unten gewohnt sind. Die Wladimir Putin in den vergangenen 20 Jahren als Kümmerer und erfolgreichen Krisenmanager wahrgenommen haben. Und die schlicht Führung vermissen. Sein Rating sinkt.

    Vieles ist ins Wanken geraten

    Erschwerend kommt hinzu, dass auch jene Stabilität, für die Putin seit seinen frühen Amtsjahren steht, ins Wanken geraten ist. Die Menschen, sagt der Direktor des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum, Lew Gudkow, hätten wieder Angst um ihren Arbeitsplatz, um ihre Zukunft.

    "Die Wirtschaft wächst nicht. (…) Die Realeinkommen sind nach unterschiedlichen Einschätzungen um bis zu 13 Prozent gesunken. Und in diesem Jahr wird der Rückgang weit größer sein." Lew Gudkow, Meinungsforscher

    Der Ölpreis, von dem Russland nach wie vor stark abhängig ist, schwächelt, der Rubel ist auf Talfahrt, viele Betriebe sind seit Wochen zwangsweise geschlossen. Die Zahl der Arbeitslosen, befürchten Experten, werde sprunghaft ansteigen. Und so trifft die Corona-Krise den russischen Präsidenten gleich doppelt.

    Der Präsident beschwört Russlands Größe

    Gelder aus den Reservefonds, die für soziale Projekte ausgegeben werden sollten, werden nun auch anderweitig gebraucht. Ein Gau - ausgerechnet im Jubiläumsjahr. In dem Putin auf dem Höhepunkt der Macht angekommen schien. Russland, betonte der er noch vor einigen Monaten, sei nicht nur wieder hergestellt und stark in allen Bereichen:

    "… sondern es hat auch wieder einen festen Platz unter den führenden, einflussreichen, verantwortungstragenden Großmächten auf dem Planeten." Wladimir Putin, Präsident Russlands

    Vorbei die Zeiten, als von einer Regionalmacht gesprochen wurde.

    Ein Erlöser für die Volksseele

    Alle Fortschritte, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten gemacht habe, schwärmte seine langjährige politische Weggefährtin, Valentina Matwijenko, seien ihm zu verdanken - Wladimir Putin:

    "Sie haben das Land von den Knien geholt. Sie haben Russland, dem das Schicksal der Sowjetunion drohte, bewahrt. Das Wichtigste aber ist, dass sie den Menschen den Glauben und die Würde wieder zurückgegeben haben." Walentina Matwijenko

    Und zwar nach den chaotischen 90er-Jahren, als Wirtschaft und Sozialwesen am Boden lagen. Und das Land auf Hilfe von außen angewiesen war.

    Putin habe in dieser Situation, als er überraschend von Boris Jelzin zum Nachfolger gekürt wurde, nicht nur Bereitschaft und Entschlossenheit gezeigt, sagt Lew Gudkow:

    "… sondern auch, dass er einer aus dem Volk ist. Das war sehr wichtig, denn die verlorene, desorientierte Volksseele brauchte einen positiv wirkenden Anführer, sie wartete auf einen Erlöser." Lew Gudkow

    Weitere Amtszeiten nicht ausgeschlossen

    Putin selbst gab sich beim Amtsantritt vor 20 Jahren bescheiden:

    "Ich habe nie ein solches Amt angestrebt. (…) Ich war einfach an einem Ort, an dem zu der Zeit Probleme auftauchten, die gelöst werden mussten." Wladimir Putin bei seinem Amtsantritt

    Probleme gibt es auch heute noch. Weitere Amtszeiten Putins sind daher nicht ausgeschlossen. Die Verfassungsreform, die nur aufgrund der Corona-Krise noch nicht auf den Weg gebracht werden konnte, soll es möglich machen.

    Putin selbst spricht übrigens mittlerweile nicht mehr von einem Amt. Sondern von Schicksal.

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