Verschiedene Tabletten und Medikamente liegen auf einem Tisch (Symbolbild)
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Verschiedene Tabletten und Medikamente liegen auf einem Tisch (Symbolbild)

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Lauterbach zu Arzneikrise: "Ökonomie zu weit getrieben"

Viele Medikamente wie Fiebersäfte und Blutdruckmittel sind derzeit nur schwer zu bekommen. Die Bundesregierung will jetzt verstärkt gegen die Lieferengpässe vorgehen. Was Gesundheitsminister Lauterbach plant.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will Lieferengpässe bei Medikamenten unter anderem durch eine Veränderung des EU-Vergaberechts und durch ein deutsches Gesetz für die Einkaufspraxis bekämpfen. In der Arzneimittelversorgung sei die "Ökonomie zu weit getrieben" worden, sagte Lauterbach am Dienstag in Berlin. Kleinste Unterschiede beim Einkaufspreis führten dazu, dass ein Anbieter laut Gesetz bevorzugt werden müsse, selbst wenn dann später ein Lieferengpass befürchtet würde.

Weil man selbst beim kleinsten Unterschied den billigsten Anbieter nehmen müsse, habe dies zu einer Konzentration der Hersteller geführt. Er wolle Eckpunkte für eine Reform noch vor den Weihnachtsferien vorgelegen, so der Minister. Lauterbach will kurzfristig im Gesetz regeln, dass Krankenkassen nicht länger gezwungen sind, den billigsten Anbieter zu bevorzugen. Die Liefersicherheit müsse mitbedacht und der ökonomische Druck von den Kassen genommen werden.

Initiative auch auf europäischer Ebene

Darüber hinaus plant das Bundesgesundheitsministerium zusammen mit dem Wirtschaftsministerium auf europäischer Ebene eine Regelung zur Änderung des Ausschreibe- und Vergaberechts. Die Lieferketten sollen danach ungeachtet der Preisunterschiede bei den Anbietern breiter angelegt werden. Die Versorgung mit Arzneimitteln sei "Teil der Grundversorgung", betonte Lauterbach.

Zuletzt hatte es unter anderem Engpässe bei bestimmten Schmerz- und Fiebermitteln für Kinder sowie bei Medikamenten zur Behandlung von Brustkrebs oder Bluthochdruck gegeben. "Das sind Lieferengpässe, die wir nicht dulden können", sagte der Gesundheitsminister.

Als Ursache der Engpässe sehen Apotheken und Gewerkschaften die Globalisierung. Rund 68 Prozent der Produktionsorte von Wirkstoffen, die für Europa bestimmt sind, liegen im kostengünstigeren Asien, heißt es in der Studie des Pharmaverbands vfa. Kommt es dort zu Fertigungsproblemen, Verunreinigungen oder zum Produktionsstillstand, kann das auch Deutschland treffen.

Bayern fordert Konzept für eigene Arzneimittelproduktion

Bayern fordert vom Bund ein Konzept für eigene Arzneimittelproduktion. "Es ist kein Geheimnis, dass Deutschland und die gesamte EU bei Arzneimitteln zu sehr auf China oder auch Indien angewiesen sind", sagte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) vergangene Woche der Deutschen Presse-Agentur in München. Die Bundesregierung müsse "endlich nachhaltig" gegen die Abhängigkeit von China bei Arzneimitteln vorgehen.

Es brauche dringend eine Förderung der EU-Produktion, auch der Pharmastandort Deutschland müsse weiter gestärkt werden. "Deshalb muss die Bundesregierung rasch eine vernünftige Förderung auflegen."

Dramatische Entwicklung bei Antibiotika befürchtet

Die Abhängigkeit von China habe noch weitere Konsequenzen, warnte Holetschek. "Werden beispielsweise Antibiotika fast nur noch in Ländern mit niedrigeren Produktionsstandards hergestellt, dann fördert das die Entstehung von Resistenzen gegen diese Antibiotika." Hintergrund dafür seien Antibiotika, die in jenen Ländern bei der Produktion ins Abwasser gelangen. Dadurch könnten Bakterien Abwehrstrategien dagegen entwickeln, also resistent werden.

"Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, dann fallen wir wieder zurück in Zeiten, in denen viele Infektionen lebensbedrohlich sein können. Das können - neben anderen Faktoren - gute Produktionsstandards verhindern", sagte Holetschek. Daher müsse die Antibiotika-Produktion und Forschung in der EU schnell angekurbelt werden. "Deutschland sollte die Pharmaunternehmen fördern, die ihre Produktion in Deutschland ausbauen."

18 Prozent der Bundesbürger von Arzneimittel-Knappheit betroffen

Laut einer Umfrage des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller haben bereits 18 Prozent der Bundesbürger Schwierigkeiten oder Knappheit bei Medikamenten erlebt.

Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte listet auf, welche Produkte es derzeit betrifft. In Deutschland gelten aktuell rund 300 Mittel als nicht lieferfähig. Vor fünf Jahren waren es nicht einmal halb so viele. Für Apotheken sind die Engpässe ein Ärgernis, da sie für Patienten Alternativen zu Medikamenten finden oder teilweise selbst herstellen müssen - das ist aufwendig und teuer.

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