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Kanada und Cannabis: Ein Land ringt mit der Droge | BR24

© BR / Kai Clement

Was hat die Cannabis-Legalisierung gebracht?

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Kanada und Cannabis: Ein Land ringt mit der Droge

Seit einem halben Jahr ist Cannabis in Kanada legal. Die Produktion läuft, die Nachfrage ist groß. Fans haben das Ahornblatt in der Nationalflagge schon durch das Hanfblatt ersetzt. Aber sind die Ziele der Regierung wirklich erreicht?

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Die Regierung unter Premierminister Justin Trudeau wollte mit der Legalisierung unter anderem den Schwarzmarkt austrocknen, doch die legalen Vorräte waren schnell ausverkauft. Eltern machen sich weiter Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. Erst recht, da in einem halben Jahr im nächsten Schritt die sogenannten "Edibles" auf den Markt kommen – Cannabis in Lebensmitteln.

Vom Drogen-Bekämpfer zum Kontrolleur

Kanadas Hauptstadt Ottawa, Confederation Building, nur ein paar Schritte vom Parlament entfernt, das sich mächtig Mühe gibt, Big Ben zu imitieren: William Blair begrüßt in seinem großzügigen Büro im Erdgeschoss. Er ist nicht nur Minister für Grenzschutz und Kampf gegen organisierte Kriminalität. Der liberale Premier hat ihn auch zum Cannabis-Minister gemacht: Besteuerung, Kontrolle der Anbauer, Drogen am Steuer, Schutz von Kindern - all das fällt in Blairs Ressort. Für ihn ein gewaltiger Rollenwechsel: Früher hat Blair als Polizeichef der Großstadt Toronto gegen Cannabis gekämpft, nun kontrolliert er das Geschäft damit.

"100% des Cannabis-Marktes waren in der Hand der organisierten Kriminalität. Ohne jede Regel. Der Schwarzmarkt hat kein Interesse an der Gesundheit unserer Kinder oder der Sicherheit unserer Gemeinden. Ihn zu verdrängen ist ein wichtiges Ziel unsere Politik. Seit der Legalisierung vor einem halben Jahr findet inzwischen ein Drittel aller Einkäufe von Erwachsenen auf legalem Weg statt." Minister William Blair

Trotz Legalisierung – Die Diskussion um Cannabis reißt nicht ab

Für Minderjährige bleibt Cannabis nach den Vorgaben der Regierung weiterhin tabu. Studien warnen vor Schäden für das sich entwickelnde Gehirn. Allerdings gibt fast ein Drittel der kanadischen Teenager an, im vergangenen Vierteljahr Marihuana geraucht zu haben. Erklärtes Ziel der Regierung ist es, den Schwarzmarkt so zu beschädigen, dass Kinder letztlich kaum noch Drogendealer finden.

"Wir haben zudem immer noch alle Optionen von Ermittlung bis Strafverfolgung, um mit den Kriminellen umzugehen, die unsere Kinder in Gefahr bringen. An diesen Gesetzen hat sich nichts geändert." William Blair

Gegner sind für die Rückkehr zur Prohibition

Pamela McColl ist die vielleicht schärfste Kritikerin der Cannabis-Freigabe in einem Land, das sonst recht unaufgeregt damit umzugehen scheint. Kanada und die Droge - das war schon so lange angekündigt, ein Wahlversprechen Justin Trudeaus. Dann der Start auch noch verzögert. Als es am 17. Oktober schließlich so weit war, schienen die Gefechte von Gegnern und Befürwortern bereits geschlagen.

"Das Problem ist doch: es gibt einfach zu viele Lobbyisten in der Marihuana-Industrie. Auch die amerikanische Lobby hat nun tief Wurzeln hier in Kanada geschlagen. Die Regierung hat Hof gehalten mit all den Mitwirkenden der Marihuana-Industrie. Ihr geht es vor allem ums Geld, um Jobs, um Steuern. Und sehr wenig um gesundheitliche Aufklärung." Cannabis-Gegnerin Pamela McColl

Acht Milliarden kanadische Dollar schwer sei das Geschäft, das bislang der Schwarzmarkt gemacht habe, sagt die Regierung. Pamela McColl spricht für mehrere Gruppen, die die Legalisierung ablehnen. Vor die Wahl gestellt zwischen Verbot oder der jetzt praktizierten Schadensbegrenzung mittels eines kontrollierten Marktes ist sie klar für die Rückkehr zur Prohibition. Aber selbst die konservative Opposition will die Legalisierung lediglich "überprüfen", sollte sie sich bei den Wahlen im Herbst gegen die regierenden kanadischen Liberalen unter Trudeau durchsetzen.

Sorge vor der Fortpflanzung

"Das größte Risiko gilt meiner Meinung nach Fragen der Fortpflanzung. Unsere eigene Gesundheitsbehörde 'Health Canada' erklärt gleich auf ihrer Webseite, dass Männer nicht Marihuana nehmen sollten, wenn sie Kinder haben wollen. Die wissenschaftlichen Daten zu Erbgutschäden und zur Veränderung von Spermien sind gravierend. Ich glaube nicht, dass viele kanadische Männer diese Risiken verstehen." Pamela McColl

Das Google des Cannabis-Marktes

Das 9.000-Einwohner Örtchen Smiths Falls, eine knappe Autostunde von der Hauptstadt Ottawa entfernt. Hier ist das Unternehmen Canopy Growth ansässig. Kanadas größter Produzent für legales Marihuana. Hier wachsen die so genannten Mutterpflanzen, die zur Massenvermehrung dienen und die Sortenreinheit gewährleisten sollen. Hier sind Labore zur Überprüfung der Produkte und zur Entwicklung neuer.

Den Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens nennt das Manager-Magazin bissig einen Drogenboss. Da lacht Bruce Linton nur. Hauptsache, sie würden darüber nicht seinen oder gar den Firmennamen vergessen. Bruce Linton ist lebendes Marketing - und scheint seine Energie und seine übersprudelnden Ideen kaum zügeln zu können. Von hier aus will Canopy Growth nicht weniger als ein Google des Cannabis-Marktes werden. Schon jetzt ist die Firma der größte legale Hersteller der Welt. Die Mitarbeiterzahl ist binnen eines Jahres von 700 auf 2.700 gestiegen. Für das erste Quartal seit der Legalisierung hat Linton eine Umsatzexplosion um fast 300 Prozent verzeichnet.

"Die Welt wacht auf. Cannabis ist doch nichts Neues. Regierungen haben die Wahl: sie können es ignorieren, dann kümmern sich Kriminelle darum. Oder: sie regulieren es, verdienen Geld damit und klären die Gesellschaft auf." Bruce Linton, Cannabis-Unternehmer

Cannabis 2.0 - auch in Lebensmitteln und Getränken

Die Rechnung ist einfach: Kanada erlaubt Cannabis für jeden Erwachsenen, ob mit oder ohne Rezept. Aber: in dem zweitgrößten Flächenland der Welt leben nur etwa 37 Millionen Menschen. Allein in Deutschland ist die Bevölkerung mehr als doppelt so groß, sprich: ist der Markt damit auch mehr als doppelt so groß, wenn auch vorerst auf medizinischen Einsatz begrenzt. Zugleich bereitet sich Canopy Growth auf Cannabis 2.0 vor - die kanadische Cannabis-Freigabe auch für Lebensmittel und Getränke. Die soll im Oktober dieses Jahres folgen.

"Auf der anderen Straßenseite ist ein recht großes Gebäude - dort werden wir mit Cannabis versetzte Getränke herstellen. Dieses Produkt gibt es natürlich auf dem illegalen Markt auch nicht. Wir schaffen hier ein globales Unternehmen. Eine Firma hat uns gerade vier Milliarden US-Dollar für 17 Prozent unserer Firma gegeben." Bruce Linton

Obergrenze für Cannabis

Das erinnert an den Hype um Tech-Unternehmen. Wo aber die Erwartungen explodieren, ist vielleicht auch die Finanz-Blase nicht mehr weit. Zwischen 25 und 55 kanadischen Dollar hat die Canopy Growth-Aktie schon viel Auf und Ab gesehen. Noch schreibt das Unternehmen rote Zahlen - aber nur wegen des aggressiven Expansionskurses, so sieht es Geschäftsführer Linton. Er ist überzeugt von Cannabis 2.0. Ein riesiger, lukrativer neuer Markt - von Gummibärchen über Gebäck bis hin zu Bier. Auch wenn Cannabis Minister William Blair noch auf die Bremse tritt: "Wir wissen, dass es nennenswerte zusätzliche gesundheitliche und soziale Risiken gibt für Lebensmittel, Extrakte und Produkte zur äußeren Anwendung. Deshalb haben wir uns dafür ein weiteres Jahr Zeit genommen. Wir wollen die richtigen Obergrenzen. So dass kanadische Erwachsene genau wissen, welche Stärke die Produkte haben und was sie auslösen können."