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Kampf gegen Corona-Frust: Was kann ich tun? | BR24

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Bildrechte: picture alliance / Everett Collection | Courtesy Everett Collection

Der Lockdown und die Seele: Claudia Schaffer im Talk mit dem Psychologen Dr. Samy Egli

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Kampf gegen Corona-Frust: Was kann ich tun?

Heute soll die Bund-Länder-Konferenz entscheiden, wie es mit den Corona-Beschränkungen weitergeht. Wie sehr unser Seelenleben darunter leiden kann und was wir dagegen tun können - das erklärt der Psychologe Samy Egli im B5 Thema des Tages.

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Von
  • Fabio Taormina
  • Claudia Schaffer
  • B5 aktuell

Diese Frustration teilen viele im Moment: die Sorgen um Familie, Freunde, die Angst, sich zu infizieren, und gleichzeitig ist man müde und genervt wegen des langen Lockdowns. Eine Perspektive wäre da schon nicht so schlecht. Aber was bedeutet das für unsere Psyche? Experten stellen fest, dass Menschen mit depressiver Vorerkrankung jetzt noch mehr Probleme haben. Und wie sieht es bei denen aus, die eigentlich ganz stabil sind, die also über eine gute Resilienz verfügen? Darüber hat B5 aktuell im Thema des Tages mit dem Psychologen Samy Egli vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München gesprochen.

Herr Dr. Egli, bei vielen schleicht sich ein Gefühl der Hilflosigkeit und Frustration ein. Egal, wie sehr wir uns einschränken und anstrengen: Es reicht nicht. Wie kann man sich da noch motivieren?

Dr. Samy Egli, Leitender Psychologe am Max-Planck-Institut: Wir verzichten auf die Befriedigung von ganz wichtigen Grundbedürfnissen, die wir Menschen alle haben. Wir sehen aber, es dauert immer noch länger und länger. Dann tauchen neue Gefahren mit den Mutationen am Horizont auf, und das macht es für uns ganz schwierig. In der Entstehung der Depressionen gibt es das Modell der gelernten Hilflosigkeit. Das beschreibt eigentlich ganz gut den Mechanismus, der aktuell zeitweise bei uns so stattfinden könnte. Denn egal, was wir tun, es reicht irgendwie nie.

Viele Menschen fühlen sich machtlos, aber haben dennoch den Eindruck, ganz gut zurecht zu kommen. Das klingt erstmal widersprüchlich. Aber ist es nicht eigentlich eine typische Strategie, um nach einem Jahr Corona-Krise klarzukommen?

Ja, das könnte man so sagen. Die Situation stört durch die dauernden Einschränkungen massiv unser Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle. Es kann helfen, dieses Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit als eine zwar unangenehme und belastende, aber als eigentlich ganz gesunde emotionale Reaktion für sich anzuerkennen. Dann weiß man, dass es eben nicht zutrifft, wenn man glaubt "mit mir stimmt etwas nicht", sondern dass diese Reaktion eine sehr normale und gesunde Reaktion auf eine abnormale Strukturierung unserer aktuellen Umgebung ist.

Und dann kommt noch hinzu, dass vieles an der Corona-Pandemie sehr abstrakt ist. Zum Beispiel, dass wir das Virus nicht sehen können und auch so Sachen wie exponentielles Wachstum neuer Corona-Mutanten. Das ist nicht gut zu fassen. Ist die menschliche Wahrnehmung da vielleicht überfordert?

Das könnte man sicher so sagen. Es ist grundsätzlich für uns sehr schwierig, solche komplexen Begebenheiten zu erfassen. Es ist schwierig, auch unser Verhalten an Dingen zu orientieren, die nicht direkt an unser Verhalten gekoppelt sind. Deshalb ist er sicher wichtig, dass in der Kommunikation immer gut darauf geschaut wird, solche Dinge für jeden von uns gut zu erklären. So können wir das dann tatsächlich besser verstehen und uns in dieser Situation wieder ein Stück weit besser orientieren.

Studien zeigen, dass wir im Kontakt mit anderen, also zum Beispiel mit Freunden, mit denen wir uns sehr verbunden fühlen, das Risiko einer Ansteckung eher ausblenden. Übertragen auf die Corona-Pandemie ist das problematisch. Und je länger die Krise dauert, desto schwieriger wird es für viele, das Social Distancing aufrechtzuerhalten. Was sagen Sie dazu?

So wie wir physische Grundbedürfnisse wie schlafen, essen und trinken haben, haben wir auch psychische Grundbedürfnisse. Dazu gehört zum Beispiel, Dinge lustvoll erleben zu können, aber vor allem auch in Verbindung und in Beziehung zu anderen Menschen zu sein. Dieses Bedürfnis haben wir alle, und es lässt sich nur bedingt aufschieben oder kompensieren. Umso wichtiger sind die Alternativen, um im Moment den Kontakt mit anderen Menschen zu halten, zum Beispiel online oder über Telefon. Auch wenn wir nur kurze Sätze austauschen können, ist es wichtig, dass ich mir das in meinen Alltag einbaue, weil es ganz elementar ist für unser psychisches Wohlbefinden.

Heute sind die Beratungen zwischen Kanzlerin Merkel und den Ministerpräsidenten, wie es mit dem Lockdown weitergeht. In Umfragen hört man ein Unbehagen raus, ein Misstrauen gegenüber der Politik. Das war zu Beginn der Pandemie noch anders, als der Kurs der Regierung von vielen noch unterstützt wurde. Was rät der Psychologe, um mit diesem Gefühl umzugehen?

Der wichtigste Schritt ist jetzt aus psychologischer Sicht: dieses Gefühl wahrnehmen, annehmen und es als gesunde, emotionale Reaktion gelten lassen. Es in Beziehung bringen, darüber sprechen, sich austauschen, weil es eine normale emotionale Reaktion auf abnormale Gegebenheiten und abnormale Ereignisse ist. Gleichzeitig können wir versuchen, uns in unserem konkreten Alltag Räume zu schaffen: Dinge, die wir kontrollieren können, wo wir merken, dass wir etwas tun. Dinge mit Resultat, die mir auch Spaß machen. Wenn man etwa gerne kocht, sollte man das ganz bewusst einplanen. Oder ein kleines Workout einplanen, was aktuell ohnehin wichtig ist für die psychische und physische Gesundheit.

Ihr Fazit?

Man sollte versuchen, dem Tag eine Struktur zu geben und Dinge einzuplanen, die einem gut tun und mit denen man sich belohnen kann. Und so kann jeder für sich im Alltag dafür sorgen, dass wir uns weiterhin motivieren können, unseren Alltag wieder besser zu gestalten.

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