BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance / Zoonar | Robert Kneschke
Bildrechte: picture alliance / Zoonar | Robert Kneschke

Symbolfoto: Fruchtsaft Getränkedosen

Per Mail sharen

    Kampf gegen Adipositas: Braucht es eine Limo-Steuer?

    Jedes fünfte Kind in Deutschland ist übergewichtig. Schuld daran sind auch speziell für Kinder beworbene Lebensmittel. Verbraucherschützer fordern deshalb schon länger strenge Werbe-Regeln und nun auch eine "Limo-Steuer".

    Per Mail sharen
    Von
    • Rebekka Preuß

    58 Stück Würfelzucker in einer 600 Gramm-Packung Schoko-Müsli, 80 Stück Würfelzucker in einem 400 Gram-Glas Nuss-Nougat-Creme oder auch vier Stück Würfelzucker in einem sogenannten Quetschie – einem Fruchtmus für Kleinkinder. Dabei entspricht ein Stück Würfelzucker 3g raffiniertem Zucker. Allein in der 100ml Quetschie-Packung stecken also zwölf Gramm Zucker. Dabei sollen schon Erwachsene nicht mehr als 25 Gramm zugesetzten Zucker pro Tag zu sich nehmen – empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation.

    Werbung verführt zu ungesunden Lebensmitteln

    Was steckt wirklich drin in verarbeiteten Lebensmitteln? Darum geht es auch beim Kochkurs an der Fachklinik Gaißach. Für die 14 bis 17- jährigen Teilnehmer ist das ein zentrales Thema. Sie alle leiden an Adipositas - an schwerem Übergewicht und verbringen deshalb mehrere Wochen in der Reha-Klinik. Beim Zucker- und Fett-Check schauen sie sich auch den bei allen beliebten Energy-Drink an - und Diät-Assistentin Elisabeth Schöffmann benennt die bittere Wahrheit: "Elf Stück Würfelzucker stecken in der 250ml Dose. Also 33 Gramm Zucker."

    Den Jugendlichen verschlägt es die Sprache. Das Getränk ist voll im Trend und wird in den sozialen Medien stark beworben, erzählt die 13-jährige Lea. "Ja, also jetzt gerade gibt es eine neue Sorte von Red Bull und da berichten die halt alle auf TikTok, dass es so gut schmeckt und so." Nachfrage: "Und dann kaufst du es auch?" - Lea: "Meistens - ja."

    Werbung beeinflusst unser Essverhalten. Für Lea und die anderen Jugendlichen hier an der Klinik besonders herausfordernd. Wie soll man die Werbung ausblenden? Sie ist ja überall - beschreibt auch die 15-jährige Eda. "Zum Beispiel auf Tiktok, Instagram oder halt allgemein auf Social Media sieht man das. Aber auch im Fernsehen ja. Eigentlich überall."

    Folge-Erkrankungen sind eklatant

    Gerade in für Kinder beworbenen Lebensmitteln stecken häufig mehr Zucker und Fett als in Produkten für Erwachsene. Die medizinische Direktorin der Fachklinik Gaißach, Prof. Edda Weimann, spricht sogar von einer Adipositas-Pandemie. Mit schweren Folge-Erkrankungen für die Jugendlichen wie Diabetes, Fettleber oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Leben. Die Medizinerin hat deshalb eine klare Forderung: "Ich würde mir wünschen, dass diese sogenannten Kinder-Nahrungsmittel ganz verschwinden, weil sie einfach für Kinder und die weitere Entwicklung schädlich sind."

    Jedoch ein Gesetz, das Hersteller zu weniger Zucker und Fett in ihren Produkten zwingt, hält Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner bislang nicht für notwendig.

    Deutscher Werberat beschließt strengere Selbstverpflichtung

    Immerhin: Der Deutsche Werberat hat sich mit Beginn dieses Monats eine neue Selbstverpflichtung auferlegt. Für Kinder-Lebensmittel soll mit bestimmten Eigenschaften soll nicht mehr geworben werden. Konkret geht es dabei um Angaben wie "unter Zusatz wertvoller Vitamine und Mineralstoffe" oder "hoher Vollkornanteil für körperliche Leistungsfähigkeit." Außerdem soll sich Lebensmittelwerbung nur noch an Kinder ab dem 14. Lebensjahr richten.

    Allerdings ist diese Selbstverpflichtung für Lebensmittelhersteller freiwillig. Wer wird sich also daran halten, wenn die Konkurrenz nicht mitmacht? Und: Wie soll die Altersbeschränkung kontrolliert werden

    Vermeintliches Erfolgsmodell "Limo-Steuer"

    Für Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern ist klar, dass eine Selbstverpflichtung gar nichts bringt. Das Bewerben von Kinder-Lebensmitteln muss streng begrenzt und gesetzlich geregelt werden. Außerdem sei es sinnvoll, Hersteller mit einer sogenannten "Limo-Steuer" dazu zu bringen, weniger Zucker in ihren Produkten zu verwenden, so wie es in Großbritannien bereits der Fall ist.

    "Seit der Einführung der Limo-Steuer in Großbritannien haben die Hersteller ihre Produkte wirklich deutlich herunter geschraubt. Die Universität Oxford hat bei einer Marktanalyse festgestellt, dass 2015 noch 4,4 Gramm Zucker in 100ml Limonade enthalten waren. Jetzt sind es im Durchschnitt nur noch 2,9 Gramm. Die deutsche Fanta hat inzwischen doppelt so viel Zucker wie die in Großbritannien." Daniela Krehl, Verbraucherzentrale Bayern e.V.

    Doppelt so viel Zucker und die Werbung für solche Lebensmittel läuft scheinbar ungebremst. "Man geht davon aus, dass Kinder jedes Jahr allein im Internet bis zu 7.800 Online-Marketingmaßnahmen sehen", so Daniela Krehl weiter.

    Unwissen über Nahrungsmittel ist hoch

    Im Kampf gegen Übergewicht hilft also nur eines: Aufklärung. Beim Zucker- und Fett-Check in der Fachklinik Gaißach müssen die Jugendlichen jetzt schätzen, wie viel Zucker und Fett eine 400ml Packung Schoko-Trinkmilch enthält. Es sind 18 Stücke Würfelzucker, also 54 Gramm, und dazu noch 6,5 Gramm Fett. "Mit so viel hätten wir nie gerechnet", sagen die Jugendlichen. "Eigentlich denkt man bei so einem Produkt, dass man einfach Milch trinkt."

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!