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Bildrechte: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | ANNEGRET HILSE

Die Grünen gehen mit Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin ins Rennen für die Bundestagswahl im September. Zum ersten Mal präsentieren die Grünen damit eine Kanzlerkandidatin.

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K-Frage bei den Grünen: Warum die Entscheidung für Baerbock fiel

Während der Union die Spaltung in der K-Frage droht, stellen die Grünen in demonstrativer Geschlossenheit ihre Kandidatin vor. Baerbock zieht als Kanzlerkandidatin in den Wahlkampf. Warum die Grünen mit ihr und nicht Habeck ins Rennen gehen.

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Von
  • Sophie von der Tann

Robert Habeck (zum Porträt) betritt als erster die Bühne. Der 51-jährige Norddeutsche im hochgekrempelten schwarzen Hemd, mit verwuschelten Haaren - wie man ihn kennt, wie viele ihn mögen. Er wirkt sichtlich emotional. Auch er wollte Kanzlerkandidat werden.

Doch Habeck bereitet an diesem Montagvormittag seiner Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock die Bühne. Er bezeichnet sie als "kämpferische, fokussierte, willensstarke Frau", die genau wisse, was sie wolle.

Baerbock überholt Habeck in Umfragen

Als Frau hätte Annalena Baerbock (zum Porträt) in ihrer Partei den Erstzugriff auf die Kanzlerkandidatur gehabt, das war von Anfang an klar. Doch von diesem Recht wollte die 40-jährige Mutter von zwei Kindern keinen Gebrauch machen. Sie hatte bekräftigt, das Geschlecht könne nur ein Kriterium sein. Wäre es nach der Beliebtheit in den Umfragen gegangen, standen die Chancen lange besser für Habeck. Er gibt sich nahbar, sensibel, auch mal fehlbar. Das macht ihn für viele sympathisch.

Diese emotionale Nähe kann Baerbock schwer aufbauen, sie wirkt im Vergleich zum unkonventionellen Habeck eher wie die klassische Profipolitikerin. Doch Baerbock hat kräftig aufgeholt, sie befreite sich aus dem Schatten des Publikumslieblings Habeck und überholte ihn in jüngsten Umfragen. Unter Grünen-Anhängern lag sie sogar deutlich vor ihrem Kontrahenten.

Kompetent, strukturiert, durchsetzungsfähig

Geholfen hat Baerbock dabei sicherlich ihr Ruf als kompetente, strukturierte und durchsetzungsfähige Fachpolitikerin. Während der Autor und Philosoph Habeck eher der Mann für die großen politischen Linien ist, ist die studierte Völkerrechtlerin bekannt dafür, sich gründlich einzuarbeiten, sattelfest in Details zu sein.

Deshalb wirkt sie wohl auch als die verlässlichere, die solidere Kandidatin fürs Kanzleramt. Eine Rolle, in der sie unter starker Beobachtung stehen wird, sich keine Fehler erlauben darf. So wie Habeck, der in einem Interview zum Beispiel nicht genau wusste, wie die Pendlerpauschale funktioniert. Baerbock passieren solche Patzer selten.

Fehlende Regierungserfahrung ein Manko?

Die Grünen wollen regieren, die Umfragewerte geben ihnen Hoffnung darauf. Aktuell sind sie die zweitstärkste Partei in den Umfragen. Eine Beteiligung als Juniorpartner in einer Koalition scheint möglich, für eine Ampelkoalition unter grüner Führung reicht es aktuell nicht. Doch Umfragen können sich ändern und die Grünen haben klare Ziele. Baerbock wird sich aber wappnen müssen, man wird ihr sicherlich die mangelnde Regierungserfahrung als Manko vorhalten.

Habeck hat als Agrarminister in Schleswig-Holstein und Vize-Ministerpräsident mitregiert, Baerbock ist Bundestagsabgeordnete und Co-Grünen-Chefin. Baerbock geht mit ihrer mangelnden Regierungserfahrung offen um, sie stehe stattdessen für Erneuerung, einen Neuanfang. Auch Habeck geht darauf ein, bekräftigt, dass die beiden ja nach wie vor im Team den Wahlkampf bestreiten wollen, er sie mit seiner Regierungserfahrung unterstützen will.

Die neue Geschlossenheit der Grünen

Es ist bemerkenswert, mit welcher Geschlossenheit die Grünen diese Entscheidung präsentieren. Die Partei, die lange belächelt wurde für ihre chaotischen Auseinandersetzungen, sich verhedderte in Flügelkämpfen zwischen Realos und Fundis. Es heißt, diese Befriedung sei besonders Annalena Baerbock zu verdanken. Sie gilt als sehr gut vernetzt in der Partei. Robert Habeck spricht von den Grünen als "ruhendem Pol" in der aktuellen Situation.

Nun sind es ausgerechnet die Grünen, die im viel beschworenen "Hinterzimmer" die Kandidatur unter sich ausmachen, die Basis wurde nicht einbezogen, darf beim Parteitag im Juni das Ergebnis bestätigen. So läuft das normalerweise bei der Union, die sonst als "Kanzlerwahlverein" bezeichnet wird, wie keine andere Partei für Geschlossenheit steht, sich jetzt aber in Machtkämpfen um die Kanzlerkandidatur selbst zerfleischt.

Es scheint ein bisschen wie eine verkehrte Welt. Das macht auch deutlich, wie sich die Grünen als Partei verändert haben (zum Partei-Portrait). Sie sind pragmatischer, machtbewusster geworden. Da kann man sich Streit nicht leisten. Die größte Herausforderung wird allerdings für Annalena Baerbock sein, tatsächlich "die Breite der Gesellschaft" anzusprechen, die Stahlarbeiter und Handwerker, die Menschen in der Stadt und auf dem Land, die Industrie und die Klimabewegung, wie es die Partei im Wahlprogramm anstrebt. Für die Grünen ist es ein Spagat, wenn sie regieren wollen, und für die erste grüne Kanzlerkandidatin eine Herausforderung, der sie sich nun stellen muss.

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Die Grünen ziehen mit Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf. Der Parteivorstand nominierte die 40-Jährige am Vormittag als Bewerberin fürs Kanzleramt.

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