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Junge Aktivisten: Mit aller Macht gegen Antisemitismus | BR24

© BR/Henning Pfeifer

Mit Steinen eingeworfene Fenster eines israelischen Restaurants in München. Seit 2015 nimmt die Anzahl antisemitisch motivierter Straftaten zu.

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    Junge Aktivisten: Mit aller Macht gegen Antisemitismus

    Eine jüdische Bildungseinrichtung hat das Projekt "Empowering Jewish Voices" ins Leben gerufen. Dabei werden junge jüdische Aktivisten aus Mittel- und Osteuropa zu Experten in Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus ausgebildet.

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    Philipp Komaromi ist 24 Jahre alt, seit seinem siebten Lebensjahr ist er Teil der jüdischen Gemeinde in Mannheim. Er spürt eine starke Verbundenheit zum Judentum, es ist Teil seiner Identität, seiner Kultur, seiner Herkunft. Mit Sorgen beobachtet er den zunehmenden Rassismus in Deutschland

    "Wir sehen, dass eine Sprache erstarkt in der Öffentlichkeit, die zunehmend roh und hasserfüllt wird, auch gegen andere Minderheiten und auch gegen uns Juden." Philipp Komaromi

    Den Anschlag von Halle vom letzten Jahr sieht er nur als Spitze eines Eisbergs. Umso wichtiger findet er deshalb, dass es nicht nur Fortbildungen, Parteiveranstaltungen und Erinnerungstage gäbe, sondern ein Programm, was jüdische Jugendliche im Kern dazu befähige, dem Antisemitismus entgegenzutreten.

    Um als Multiplikator auftreten zu können, nimmt Philipp Komaromi am Projekt "Empowering Jewish Voices" teil. Hier werden junge jüdische Aktivisten aus Mittel- und Osteuropa zu Experten in Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus ausgebildet. Das europaweit angelegte Projekt hat die "Europäische Janusz Korczak Akademie" ins Leben gerufen - eine jüdische Bildungseinrichtung, die den Menschen die jüdische Religion und Kultur näher bringen will und sich auf Präventionsarbeit konzentriert. Die Seminare finden in Deutschland, Belgien und Österreich statt.

    Konkrete Handlungsanweisungen: Wie reagiere ich auf Antisemitismus?

    Zum ersten Seminar kamen 20 jüdische Studenten und Schüler aus ganz Europa in München zusammen. Es ging um Formen des klassischen und modernen Antisemitismus - in Theorie und Praxis. Die Teilnehmer spielten etwa eine Szene in einem Café nach, in der sie mit einer antisemitischen Äußerung konfrontiert wurden. Max Feldmann ist Pressereferent bei der Janusz Korczak Akademie und leitet das Projekt. Er erklärt: "Es wurde trainiert, wie man sich selbst verhält in der Situation und natürlich, wie man einzelne Argumente von der Person, welche die antisemitischen Narrative verwendet, gezielt angehen kann."

    Alle Teilnehmer kennen solche Situationen, erzählt Max Feldmann. Er selbst auch.

    Wann diskutiere ich - und wann lasse ich es lieber sein?

    Die Seminarteilnehmer lernen die Regeln der Kommunikation: Wann ist es besser zu argumentieren und wann sollte man es lieber lassen, um sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen.

    Philipp Komaromi war vom ersten Zusammentreffen und den praktischen Übungen in München richtig begeistert. Er habe in seiner Schulzeit oft antisemitische Vorfälle erlebt, sagt er.

    "Wenn ich jetzt mein 14-jähriges "Ich" ansprechen könnte, dann wüsste ich eventuell, was ich ihm sagen könnte, was ich besser hätte machen können. Und an wen ich mich hätte wenden können, um nicht alleine irgendwie mit dem fertig werden müssen." Philipp Komaromi

    Die Kursteilnehmer lernen auch verschiedene Facetten des inzwischen sehr verbreiteten auf Israel bezogenen Antisemitismus kennen - um darauf gesellschaftlich wirksam hinweisen zu können. Denn wenn man wenn man mit Menschen spreche, komme man sehr schnell vom Thema "Judentum in Deutschland" zum Thema "Israel“, sagt Komaromi.

    "Da kann ich jetzt mehr auf das Thema lenken und sagen: "Stopp, ich bin Jude in Deutschland. Ich bin nicht Israeli." Philipp Komaromi

    Als ausgebildete Fachreferenten für Antisemitismus können die Teilnehmer später an Schulen oder bei Gericht aktiv werden. Aber auch in den jüdischen Gemeinden können sie mit Rat und Tat den Betroffenen von antisemitischen Vorfällen zur Seite stehen.

    Zahl der antisemitisch motivierten Straftaten in Deutschland steigt

    Seit 2015 steigt in Deutschland die Zahl der antisemitisch motivierten Straftaten. Vor fünf Jahren registrierte die Polizei bundesweit 1.366 antisemitische Delikte, im vergangenen Jahr waren es mehr als 2.000. Vor wenigen Tagen billigte der Bundesrat ein neues Gesetz gegen Hass, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Die deutsche Rechtsprechung hat hiermit antisemitische Motive ausdrücklich als strafverschärfend in das Gesetz aufgenommen – das begrüßt der Projektleiter Max Feldmann, bleibt aber skeptisch:

    "Das Gesetz ist gut und schön. Wie es angewandt wird, ist natürlich eine andere Frage. Und es hat sich ja schon öfters mal gezeigt, das oftmals auch der Justiz nicht immer geläufig ist, was konkret antisemitisch ist, was überhaupt Antisemitismus ist." Max Feldmann, Projektleiter "Empowering Jewish Voices"

    Sensibilität entwickeln: Was ist Antisemitismus?

    Und genau dabei können die Absolventen des Projekts fundiert helfen - als Fachreferenten für Antisemitismus. Philipp Komaromi will künftig in Gemeinden beraten, falls es antisemitische Vorfälle gibt, und will auch eventuell als eine Art Seelsorger zur Seite stehen.

    Er will aber auch in die Gesellschaft hinaustragen, was er und andere Juden als problematisch empfinden.

    "Wo hat die Gesellschaft einen blinden Fleck, wo müsste näher hingeschaut werden? Dieses Programm entwickelt sich schon hervorragend in die richtige Richtung. Und da hoffe ich, dass wir dann mehr Einfluss nehmen können." Philipp Komaromi

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