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Jungbrunnen gesucht: Chinesen lieben bulgarischen Joghurt | BR24

© picture alliance/dpa

Chinesen lieben bulgarischen Joghurt

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    Jungbrunnen gesucht: Chinesen lieben bulgarischen Joghurt

    Joghurt gilt als gesundes Nahrungsmittel und wird auch in China immer beliebter - es gibt dort einen Joghurt-Boom. Besonders begehrt ist Ware aus dem bulgarischen Dorf Momchilovtsi. Viele Chinesen zieht es jedes Jahr zum dortigen Joghurt-Festival.

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    Fast jeder große Supermarkt in China führt den Trinkjoghurt Momchilovtsi. Momchilovtsi bedeutet für Chinesen Gesundheit und langes Leben. Wissenschaftlich überprüft hat das niemand, aber viele chinesische Joghurtfans glauben daran: "Ich mag die Marke Momchilovtsi sehr. Ich weiß, dass sie aus dem Ort kommt, in dem die Menschen besonders alt werden, da will ich hin. Und das mit dem langen Leben steht auch auf jeder Packung."

    Jungbrunnen aus bulgarischem Bergdorf

    Die meisten Asiaten vertragen keine Milch, sie haben eine Laktoseintoleranz. Joghurt aber ist fast frei von Laktose, deshalb boomt der Joghurtkonsum in China. Im chinesischen Fernsehen wirbt die Staatsmolkerei aus Shanghai mit der lebensverlängernden Wirkung des Joghurts aus dem bulgarischen Bergdorf Momchilovtsi und macht damit mehrere hundert Millionen Dollar Umsatz pro Jahr. Als Folge der Werbeidee fahren nun immer mehr Chinesen wegen des Joghurts nach Bulgarien.

    Chinesisch lernen im Rathaus

    Der Ort Momchilovtsi liegt mitten in den Rhodopen, einer einsamen Bergregion nahe der griechisch-bulgarischen Grenze auf etwa 1.300 Metern Seehöhe und hat nur etwa 1.200 Einwohner, viele davon sind über 90 Jahre alt.

    Fast alle lernen inzwischen Mandarin. Einmal pro Woche gibt es Chinesisch-Unterricht im Rathaus. Bezahlt wird der Kurs vom staatlichen chinesischen Joghurt-Produzenten "Bright Dairy" aus Shanghai. Immer am Donnerstag kommt eine Professorin extra aus der weit entfernten Hauptstadt Sofia und vermittelt den Aufbau der Schriftzeichen und die unterschiedlichen Bedeutungen der Betonung. "Das machen wir alles nur wegen des Joghurt-Festivals", erklärt Gergana Slavova. Die 36-Jährige lernt seit zwei Jahren Mandarin.

    "Die chinesische Staatsmolkerei bezahlt das. Der Hauptgrund für den Kurs ist, dass wir dann mit den Chinesen reden können, wenn sie zum Festival kommen." Gergana Slavova
    © BR / Till Rüger

    Gergana Slavova im Gespräch mit einer chinesischen Bloggerin

    Die Milch machts

    Vor zehn Jahren kam zum ersten Mal eine Delegation aus China, erinnert sich Siika Gadjeva. Die wollte ganz genau wissen, wie die Joghurtherstellung funktioniert. Siika ist die heimliche Joghurtkönigin im Ort. Liebevoll kümmert sie sich jeden Tag um ihre Kuh Milenka. Siika hat ihr eigenes Erfolgsrezept für den Joghurt:

    "Die Qualität steht und fällt mir der Qualität der Milch. Und die hängt im wesentlich vom Futter ab. Ich gebe meiner Kuh nur Gras von den Berghängen." Siika Gadjeva

    Und wenn jemand das Geheimnis des bulgarischen Jogurts kennt, dann Siika. Sie erhielt vergangenes Jahr beim Joghurt-Festival den ersten Preis für den besten Joghurt. Den macht sie ganz traditionell: Die auf 45 Grad erhitzte und wieder abgekühlte Milch wird vermischt mit den lebenden Bakterien der Joghurtkultur Lactobacillus bulgaricus aus einem gereiften Joghurt. Lactobacillus ernährt sich von der Laktose in der Milch. Das Gemisch lässt Siika nun fünf bis sechs Stunden ruhen und fertig ist der echt bulgarische Joghurt.

    Schöne Bilder aus Bulgariens Bergen

    Die Chinesen nahmen bei ihrem ersten Besuch ein paar Gläschen der bulgarischen Joghurtkultur mit, erzählt Siika Gadjeva und produzieren seitdem den Trinkjogurt Momchilovtsi mit chinesischen Kühen und chinesischer Milch in Shanghai. In den drei Tagen des Festivals entsteht nun jedes Jahr das Bild-Material, dass die Chinesen zum Kauf des Joghurts bewegen soll. An die hundert Chinesen kommen allein zum Joghurt-Festival nach Momchilovtsi. Alles kontrolliert vom Unternehmer Zhang Changing, er verkauft Joghurt-Kulturen im Reich der Mitte:

    "Die Guangming-Molkerei ist bei uns in China ein sehr bekanntes Unternehmen. Wir machen so natürlich auch Werbung für Momchilovtsi und Bulgarien. Wir in China profitieren davon, dass das Produkt gut für die Gesundheit ist und Bulgarien profitiert durch die Werbung auch davon und wird noch bekannter. Wir haben alle etwas davon." Zhang Changing

    Deutsche lieben Joghurt mehr als Milch

    Joghurt boomt auch in Deutschland. Der durchschnittliche Joghurt-Verzehr stieg in den vergangenen Jahren auf 16,8 kg pro Kopf und Jahr. Und Joghurt ist inzwischen beliebter als Milch, so eine Umfrage des Milch-Industrieverbandes. Die Deutschen kaufen am liebsten Fruchtjoghurt. Naturjoghurt liegt auf Platz zwei. Etwa 500 Millionen Euro Umsatz machte der Einzelhandel vergangenes Jahr mit Joghurt und Joghurt-Produkten bei uns. Der Lactobacillus bulgaricus ist in Deutschland weniger verbreitet. Viele Molkereien bevorzugen andere Joghurtbakterien, weil diese wenige Säure bilden und der Joghurt dadurch milder schmeckt.

    Laktose-Unverträglichkeit kein Problem

    Der biologische Prozess, der Joghurt entstehen lässt, die Fermentation, passiert in Deutschland meist im Becher. Dabei verspeisen die zugefügten Bakterien Teile der Milch, den Milchzucker, und geben Säure und Aromen ab. Die Milch wird dadurch dicker, haltbarer und bekömmlicher, erklärt Toma Bayatev. Er ist für die Qualitätssicherung bei der bulgarischen, Molkerei Harmonica zuständig:

    "Der Joghurt enthält kaum noch Laktose, also Milchzucker, die Laktose ist im Jogurt quasi vorverdaut und die Bruchstücke können dann auch von Menschen problemlos aufgenommen werden, die eigentlich eine Laktose-Unverträglichkeit haben." Toma Bayatev

    Lactobacillus bulgaricus und seine segensreiche Wirkung

    Svetla Danova ist Professorin am mikrobiologischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Sofia. Sie untersucht seit über 20 Jahren die Wirkung des Lactobacillus bulgaricus. Es gibt viele Theorien, wie Joghurt ursprünglich entstanden ist, sagt sie. Sicher sei nur, dass die Joghurttradition mehrere Tausend Jahre alt ist und Joghurt eigentlich genutzt wurde, um Milch länger haltbar zu machen, die positive Wirkung auf die Gesundheit war damals noch zweitrangig.

    Laut Prof. Svetla Danova ist es kein Zufall, dass unser Verdauungssystem auch als unser zweites Gehirn bezeichnet wird: "Dort werden 70 bis 80 Prozent der menschlichen Immunabwehr gesteuert. Und mit dem Verzehr von Joghurt mit Lactobacillus bulgaricus fördert man direkt das Immunsystem. Das erhöht die Fähigkeit zur Abwehr von Keimen."

    Die Freundschaft zum Bakterium

    Auch in Dresden am Max-Plank-Institut untersuchen Wissenschaftler die Wirkung von Lactobacillus bulgaricus auf unseren Körper. Prof. Teymuras Kurzchalia ist der führende Experte für Wirkstoffe, die das Bakterium im Jogurt produziert:

    "Lactobacillus bulgaricus, finde ich, ist wirklich ein Wunder. Das ist eine lange Freundschaft zwischen uns und diesem Bakterium. Das ist für mich auch eine Art 'neue Welt', die sich eröffnet. Durch diese Substanzen erhöht sich die Fitness der Zellen." Teymuras Kurzchalia

    Fitness für die Mitochondrien

    Das Team um Prof. Kurzchalia hat die Wirkung auf Mitochondrien - also die Kraftwerke der Zelle - erforscht. Die Mitochondrien spielen zum Beispiel eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Krankheiten. Der Verfall von Mitochondrien gilt als eine der Hauptursachen der Parkinson-Krankheit, so Prof. Kurzchalia: "Und wenn man sozusagen die Mitochondrien voll erhält, dann kann man Parkinson und viele andere Krankheiten vorbeugen."

    Die bulgarische Joghurtkultur Lactobacillus bulgaricus produziert d-Lactate und Glycolsäure, die ein Absterben von Mitochondrien in den Nervenzellen bremsen, so die Forscher in Dresden. Ob aus dem bulgarischen Joghurt aber wirklich einmal ein Medikament entsteht, wird sich erst in fünf bis zehn Jahren herausstellen. So lange dauert es, bis die Forschungen abgeschlossen sind.