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Junge Menschen haben im Lockdown besonders zu kämpfen

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    Jugend ohne Jugend: Erwachsenwerden im Corona-Lockdown

    Junge Erwachsene zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg wurden im Lockdown um ein prägendes Jahr in ihrem Lebens gebracht. Doch die 18- bis 24-jährigen spielen in Talkshows und Krisensitzungen keine Rolle. Was macht das mit einer Generation?

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    Von
    • Gregor Schmalzried
    • Clara Eder

    Die Bundestagskandidatin Noreen Thiel von der FDP könnte im Herbst einen ganz neuen Rekord knacken: Sie könnte die erste Bundestagsabgeordnete werden, die in ihrem Leben nie einen Nachtclub betreten durfte.

    Als die Clubs im Frühling 2020 schließen mussten, war Noreen Thiel noch 16 Jahre alt. Seitdem hat sie zweimal Geburtstag gefeiert - und die Clubs sind immer noch zu. "Ich glaube, es wird immer irgendwas fehlen", sagt sie im Interview mit dem BR. "In dem Zeitraum ist etwas passiert und du kannst das, was passiert ist, nicht irgendwie ausblenden oder ungeschehen machen."

    Erwachsenwerden im Lockdown

    Noreen Thiel hat keinen Alltagsberuf - sie arbeitet für eine Fraktion im Bundestag und kandidiert nun auch für einen Sitz im Parlament. Doch ihre Erfahrungen seit dem vergangenen Frühjahr gleichen denen von vielen jungen Erwachsenen: "Ich hab meine Uni tatsächlich noch nie von innen gesehen. Also ich kenne das Gebäude von außen, aber ich kenne die Lehrräume nicht. Dabei studiere ich jetzt im zweiten Semester." Viele ihrer Freunde und Kollegen kennt sie nur digital, ohne je im selben Raum mit ihnen gewesen zu sein.

    Diese Zeit ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen: "Weil ich schon recht am Anfang vom Lockdown gemerkt habe, dass es für mich sehr belastend ist. Und in den letzten Monaten hat sich das ja wirklich herauskristallisiert, dass da auch ganz viele andere Menschen sind, die vielleicht nicht vorbelastet waren, jetzt aber durch Lockdown-Situationen Anzeichen psychischer Erkrankungen zeigen. Wobei man nochmal einen besonderen Fokus auf junge Leute setzen kann."

    Auf Social Media gehört Noreen Thiel zu einer losen Gruppe von jungen Politikerinnen und Politikern, die seit einem Jahr immer wieder auf die besondere Situation von jungen Erwachsenen im Corona-Lockdown aufmerksam machen. "Leute, die jetzt anfangen zu studieren, die ihr Abi machen, die kriegen ihren Abiball nicht zurück", sagt sie. "Die kriegen ihre Motto-Woche nicht zurück, ihre Reisen nicht wieder. Du fühlst dich irgendwie verloren in all dem. Wir verzichten gerade ordentlich und werden dafür eigentlich so gut wie gar nicht beachtet."

    Junge Menschen leiden mehr als andere Altersgruppen

    Seit Beginn der Corona-Pandemie zeigt sich ein Bild, das auf den ersten Blick paradox erscheint. Junge Menschen haben das geringste gesundheitliche Risiko, die wenigsten schweren Krankheitsverläufe, die niedrigsten Todeszahlen. Trotzdem zeigen zahlreiche Statistiken: Unter den Erwachsenen leiden junge Erwachsene mehr als jede andere Altersgruppe.

    Die gemeinnützige Organisation Sapien Labs hat weltweit die Lage der psychischen Gesundheit 2020 untersucht. Ihr Ergebnis: 44 Prozent der 18- bis 24-Jährigen litten unter psychischen Beschwerden - je älter die Altersgruppe, desto niedriger ist diese Zahl.

    In Deutschland ergibt sich ein ähnliches Bild: Umfragen des Deutschen Volkshochschul-Verbands und der AOK Baden-Württemberg zeigen, dass junge Erwachsene und Studierende stärker als andere Gruppen mit psychischen Belastungen in der Corona-Zeit zu kämpfen haben.

    Keine öffentliche Debatte

    In der öffentlichen Debatte kommt diese Generation jedoch kaum zu Wort. Zwar wird häufig über die Situation an den Schulen diskutiert, aber kaum über die Öffnung von Universitäten und Hochschulen. Bei der Impf-Kampagne werden gesonderte Impfaktionen für Kinder und Jugendliche gefordert - nicht aber für die Generation zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg.

    Ein Blick in die Alterszusammensetzung des Bundestags gibt schnell einen Einblick, warum das so sein könnte: Noreen Thiel ist mit ihren 18 Jahren ein ziemlicher Ausreißer im Parlament. Aktuell sind nur zwei von insgesamt 709 Bundestagsabgeordneten unter 30.

    Wie groß ist der Druck?

    "Also, ich möchte jetzt auch nicht so auf die Mitleidsschiene tun, weil da sind Leute da draußen, die sterben an der Pandemie", sagt Valentina, eine 21-jährige Studentin. "Aber ist halt trotzdem irgendwie Scheiße. Du wirst halt einfach früher erwachsen, irgendwie. Du wirst du dazu gezwungen. Und du hast auch keine Wahl, weil du nichts anderes machen kannst."

    Valentina musste im vergangenen Jahr, wie viele Menschen in ihrem Alter, ihr soziales Leben fast komplett abbrechen. Nun lebt sie wieder bei ihren Eltern. "Ich habe so das Gefühl, ich kann gar nicht mehr so das machen, was jemand in meinem Alter macht", sagt sie. "Feiern und saufen und Bier Pong spielen und, keine Ahnung, verrückte Sachen gemeinsam machen."

    Die Folgen bleiben oft verborgen

    In den Augen mancher klingt das schnell nach Luxusproblem. Aber dahinter steckt viel mehr: "Weil gerade für junge Menschen sind soziale Kontakte viel wichtiger, viel identitätsstiftender als für ältere Menschen", sagt die Psychologin Nadine Mavi. Sie bietet psychologische Beratung in Videocalls an. Gerade die Zeit zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg sei für viele junge Menschen wichtig, um essentielle Erfahrungen machen.

    "Viele haben das Gefühl, ihr Leben steckt in einer Warteschleife", sagt Mavi. "Und da habe ich schon das Gefühl, dass die mehr leiden als die älteren Klienten, die vielleicht an ihren Wohnort gebunden sind oder an ihre Familie. Die sagen eigentlich, für die hat sich nicht groß was verändert."

    Die jüngere Generation spürt die Einschränkungen aber jeden Tag - und erst allmählich werden die Corona-Maßnahmen gelockert. Trotzdem scheuen sich viele junge Menschen davor, sich öffentlich über ihre Lage zu beschweren. Das könnte laut Mavi auch an der Berichterstattung der Medien liegen, die sich primär auf Todesfälle und andere Schicksale konzentriere. "Es wird weniger von Menschen berichtet, die darunter leiden, dass sie keine Dates haben können oder dass ihnen Körperkontakt fehlt", sagt sie.

    Mavi erlebt das als weltweites Phänomen, denn ihre psychologische Beratung per Videocall nutzen Menschen aus verschiedensten Ländern. "Interessanterweise habe ich auch Klienten in Amerika und da geht's ja impfmäßig schon total schnell voran", erzählt sie. "Und eine Klientin hat dann zu mir gemeint: Ja, sie hätte jetzt eigentlich viel mehr Freiheiten. Aber wenn sie so in die Welt schaut, dann bekommt sie so ein schlechtes Gewissen, weil sie jetzt schon geimpft ist und es in so vielen Ländern der Welt noch so schlecht aussieht. Und sie hat jetzt das Gefühl, es darf ihr gar nicht gut gehen."

    Wird es endlich besser?

    Aktuell scheint die Lage sich wieder zu verbessern. Die Inzidenzen sinken, der Sommer könnte ein guter werden. Doch Impfstoff ist weiterhin knapp. Eigentlich soll ab heute, dem 7. Juni, auch für junge Menschen ein Impfangebot gemacht werden können - doch die meisten jungen Erwachsenen sind von einer Impfung noch weit entfernt. Sie könnten nicht nur die sein, die am meisten im Lockdown gelitten haben. Sondern auch die, die am spätesten wieder aus ihm herauskommen.

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