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1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - Festjahr eröffnet | BR24

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Steinmeier: "Juden haben unsere Geschichte mitgeschrieben".

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1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - Festjahr eröffnet

Seit genau 1.700 Jahren ist jüdisches Leben in Deutschland dokumentiert. Deshalb hat Bundespräsident Steinmeier das Jubiläumsjahr eröffnet. Politiker und Vertreter des Judentums würdigten den Beitrag von Juden zur Geschichte Deutschlands.

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  • tagesschau.de

Mit einer Ansprache in der Synagoge von Köln hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Jubiläumsjahr "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" eröffnet. Steinmeier ist Schirmherr des Veranstaltungsprogramms, das in den kommenden Monaten bundesweit die deutsch-jüdische Geschichte und Gegenwart ins öffentliche Bewusstsein rücken soll. Die Veranstaltungen sollen ausdrücklich auch dem wachsenden Antisemitismus begegnen. Deutschlandweit sind rund 1.000 Veranstaltungen und Projekte geplant.

Zum Aufbruch Deutschlands beigetragen

Steinmeier würdigte in seiner Ansprache den Beitrag von Juden zur deutschen Geschichte. "Ob in der Philosophie, in der Literatur, Malerei und Musik, in der Wissenschaft, der Medizin, in der Wirtschaft, Juden haben unsere Geschichte mitgeschrieben und -geprägt und unsere Kultur leuchten lassen", sagte das Staatsoberhaupt laut Manuskript. Das Judentum habe entscheidend zum Aufbruch Deutschlands in die Moderne beigetragen. Als Beispiel nannte er Moses Mendelssohn (1729-1786), den Wegbereiter der "jüdischen Aufklärung".

Demütigung, Ausgrenzung, Entrechtung

Zugleich erinnerte Steinmeier an jahrhundertelange Ausgrenzung und Verfolgung und forderte einen "ehrlichen Blick" auf 1.700 Jahre jüdische Geschichte. "Nur so können wir Lehren ziehen für die Gegenwart und für die Zukunft. Das ist und das bleibt unsere Verantwortung." Juden seien fast immer als Fremde und Andere gesehen worden. "Die Geschichte der Juden in Deutschland ist eine von Emanzipation und Blüte, sie ist aber auch eine von Demütigung, Ausgrenzung und Entrechtung."

Heute sei jüdisches Leben hierzulande "vielfältig, facettenreich, lebendig, voller Schwung". Dass dies nach der Ermordung von rund sechs Millionen europäischen Juden in der Schoah möglich sei, dafür sei er "zutiefst dankbar", sagte Steinmeier. Dieses Leben sei auch neu aufgeblüht dank der Rückkehrer, der Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion und der jungen Israelis, die es hierhin ziehe: "Welch unermessliches Glück für unser Land."

Viele Juden mit Vorurteilen konfrontiert

Zugleich sei jüdisches Leben angesichts von offenem Antisemitismus und dem Anschlag auf die Synagoge von Halle bedroht. Im Alltag seien viele Juden mit Vorurteilen, Klischees und Unwissen konfrontiert. Es sei notwendig, ihnen entgegenzutreten, mahnte der Bundespräsident. "Die Bundesrepublik Deutschland ist nur vollkommen bei sich, wenn Juden sich hier vollkommen zu Hause fühlen."

Schuster: Mehr Bildung

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, mahnte im Kampf gegen Antisemitismus mehr Bildung an. Mangelndes Wissen vor allem über eine Minderheit führe fast immer zu Vorurteilen, sagte Schuster laut Redemanuskript bei der Eröffnung des Festjahres. "Dieses Phänomen mit all seinen schrecklichen Folgen zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsch-jüdische Geschichte."

Auch heute sei zu beobachten, dass jemand, der noch nie einen Juden getroffen habe und sich für das Judentum auch nicht interessiere, antisemitische Vorurteile kenne, betonte Schuster. "Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben - und sie halten sich umso besser, je weniger man über Juden weiß." Dagegen müsse angegangen werden, vor allem in Schulen. Es müsse nicht nur mehr Wissen über das Judentum vermittelt werden, sondern auch stärker über Antisemitismus aufgeklärt werden.

Das Jubiläumsjahr erinnert an ein Ereignis im Jahr 321: Damals erließ der römische Kaiser Konstantin ein Edikt, das es Juden gestattete, in Köln städtische Ämter zu übernehmen. Die Urkunde gilt als ältester Beleg für die Existenz jüdischen Lebens in Deutschland.

Wegen der Corona-Pandemie fand die Eröffnung des Festjahres ohne Präsenz-Publikum statt.

© BR

Vor 30 Jahren trat im frisch wiedervereinigten Deutschland eine Regelung in Kraft, die Juden aus der Sowjetunion die Einreise nach Deutschland erlaubte: Seitdem sind rund 230.000 Menschen nach Deutschland gekommen, 30.000 davon nach Bayern.

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