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Jetzt auch Anästhesiemittel von Engpass betroffen | BR24

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Ein Thema, das uns seit langem beschäftigt ist der Lieferengpass bei Medikamenten. Waren es vom bisher vor allem Schmerzmittel, die in den Apotheken fehlten, so gibt es nun mittlerweile auch im Anästhesiebereich Lieferausfälle.

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Jetzt auch Anästhesiemittel von Engpass betroffen

Ob Schmerzmittel, Blutdrucksenker oder Antiepileptika: Der Medikamentenengpass betrifft immer mehr Arzneimittel. Seit einigen Wochen ist auch Propofol knapp. Das Anästhesie-Medikament ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Narkosemittel.

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Der Lieferengpass bei Medikamenten nimmt seit Monaten immer mehr zu. Betroffen davon sind viele chronisch Erkrankte, wie Epileptiker, Rheumapatienten oder auch Menschen, die unter Bluthochdruck leiden. Jetzt klagen auch Anästhesisten über den Medikamentenmangel in ihrem Bereich: Ihnen fehlt Propofol, ein gängiges Mittel für Sedierung oder Narkose.

Propofol: Versorgungsrelevantes Medikament

"Es ist von der WHO als unverzichtbares Medikament eingestuft und von daher ist kaum vorstellbar, wie man moderne Anästhesie heutzutage ohne Propofol realisieren kann", sagt Prof. Jürgen Schüttler, Anästhesiologe am Uniklinikum Erlangen. Doch die beiden Hersteller des Mittels haben seit Wochen extreme Schwierigkeiten mit der Produktion.

"Die Situation ist durchaus angespannt. Wir haben ja in Deutschland bei diesem wichtigen intravenösen Anästhetikum nur zwei Lieferanten. Beide haben Qualitätsprobleme. Einer ist mit einer besonderen Darreichungsform komplett ausgefallen. Der andere Lieferant kann noch liefern. Die bayerischen Klinika sind kontingentiert. Das heißt, sie bekommen nicht die vollen Mengen an diesem Anästhetikum, die sie eigentlich bräuchten, 70 Prozent der Verbrauchsmengen werden uns sozusagen zugeliefert." Prof. Frank Dörje, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker.

Propofol wird vielseitig eingesetzt

Propofol wird bei vielen Behandlungen eingesetzt, sei es bei operativen Eingriffen wie Spiegelungen als Sedierung (einschläfernd), bei einer Endoskopie als Beruhigung, aber vor allem zur Einleitung und Aufrechterhaltung der Narkose. Es wird intravenös angewendet und ist sehr gut verträglich. Deshalb kann es bereits auch bei Neugeborenen ab dem 31. Lebenstag eingesetzt werden.

"Momentan kann ich die Propofol-Situation hier bei uns mit 'Alarmbereitschaft' beschreiben. Wir haben mit viel Engagement und Einzelaufwand in den vergangenen Wochen hinzugekauft, was wir bekommen konnten." Dr. Annette Sattler, Leitung Klinikumsapotheke Nürnberg

Annette Sattler von der Klinikumsapotheke Nürnberg berichtet weiter, man habe zwischenzeitlich nicht sicher sein können, genügend Ware zu bekommen. Sie hätten Anwender kontaktiert und informiert, damit sie sicherheitshalber bei jedem Patienten prüfen, ob nicht ein anderes Anästhesieverfahren mit anderen Medikamenten möglich ist, und so Propofol 'einsparen' können. Das sei aber nur selten möglich gewesen, denn um die optimale Patientensicherheit zu gewährleisten, gebe es standardisierte Verfahren für eine Narkose. Ein Präparatewechsel zu einem anderen Wirkstoff bedeute die Umstellung auf ein anderes Narkoseverfahren.

Lieferengpass bei Medikamenten sind Dauerthema

Bereits 2018 kam es schon einmal zu einem Engpass bei Propofol und 2017 gab es Lieferschwierigkeiten bei Remifentanil, das ebenfalls in der Anästhesie bei ambulanten Operationen und im Kinderbereich angewandt wird. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfarM, soll eigentlich eine Übersicht zu aktuellen Lieferengpässen für Medikamente auflisten, doch bis jetzt können, aber müssen die Pharmahersteller keine Angaben machen. Propofol steht bis heute nicht auf dieser Liste.

"Auf der BfArM-Seite sehe ich weiterhin keinen Hinweis auf den Propofol-Lieferengpass, denn eine kontingentierte Belieferung gilt ja aus Sicht der Behörden offenbar nicht als Engpass. Mit Preiserhöhungen müssen wir natürlich auch rechnen. Was besonders knapp ist, kann natürlich auch teurer verkauft werden." Dr. Annette Sattler, Leitung Klinikumsapotheke Nürnberg

Pro Tag werden nach Angaben des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten in deutschen Krankenhäusern schätzungsweise mehr als 40.000 Narkosen durchgeführt. Hinzu kommen mehrere tausend Narkosen bei ambulanten Operationen in Arztpraxen und Medizinischen Versorgungszentren sowie im Rettungsdienst.

Bundesgesundheitsminister Spahn legt Gesetzesinitiativen vor

Patienten sollten nicht mehr auf Arzneimittel warten müssen, so heißt es auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums. In mehreren Gesetzesinitiativen fordert Jens Spahn unter anderem eine Meldepflicht. Pharmafirmen und Großhändlern soll vorgeschrieben werden, Behörden über Lagerbestände und drohende Lieferengpässe bei versorgungsrelevanten Medikamenten zu informieren. Propofol gehört zur letzteren Gruppe.

"Deshalb werden wir alles tun, um Lieferengpässe von Medikamenten künftig zu vermeiden. Deswegen wird der Bund bei der Verteilung von Medikamenten stärker eingreifen als bisher. Und wir werden auf internationaler Ebene nach Lösungen suchen, damit wieder Arzneimittel in Europa hergestellt werden." Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Mögliche Produktion in Europa würde teurer werden

Die Forderung nach einer Meldepflicht wird vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller, vfa, unterstützt. Doch eine Verlagerung der Produktion nach Europa oder gar zurück nach Deutschland, gehe nicht ohne Preiserhöhungen der Medikamente, so Han Steutel, Präsident des vfa.

"Wenn wir über Lieferengpässe reden, dann geht es generell eigentlich um generische Medikamente. Wir wissen, dass da der Preisdruck enorm hoch ist und das hat dazu geführt, dass auch die Produktion ins Ausland ausgelagert wurde." Han Steutel, Präsident des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller e.V.

Wenn man wolle, dass in Europa oder Deutschland produziert wird, könne das dazu führen, dass die Preise hierzulande höher werden, warnte Steutel.

Spahn will nur Änderungen bei Rabattverträgen

Der Bundesgesundheitsminister will dem Wunsch nach einer Produktionsverlagerung so nicht nachkommen. Lediglich ein kleines Entgegenkommen bei Rabattverträgen sieht er vor.

"Heute verpflichten Rabattverträge die Apotheken, besonders preisgünstige Medikamente abzugeben. Sollten diese rabattierten Medikamente in der Apotheke nicht zur Verfügung stehen, sollen Apotheker künftig nach Ablauf von 24 Stunden auch alternative Arzneimittel abgeben dürfen." Bundesgesundheitsministerium

Exklusivverträge zwischen Kassen und Herstellern führen zu Engpass

Erstmals untersuchte eine Studie des IGES-Forschungsinstituts den Zusammenhang zwischen dem Rabattvertragsmodell und den Lieferproblemen von Medikamenten. Ergebnis: Rabattverträge mit einem einzigen Hersteller führen öfter zu versorgungskritischen Situationen als solche, die mit mehreren Unternehmen geschlossen werden. 60 Prozent der Verordnungen, die vom Apotheker mit dem Hinweis auf eine Lieferunfähigkeit abgegeben wurden, stammten ursprünglich aus Rabattverträgen mit nur einem Hersteller.

Solche Rabattverträge werden von den einzelnen Krankenkassen abgeschlossen. Sie bestimmen auch, mit welchen und mit wie vielen Unternehmen. Meistens wählen die Kassen das Exklusivmodell, da noch höhere Rabatte möglich sind.

Mehrere Gesetzesinitiativen sind geplant

Jens Spahn hat als einen weiteren Punkt vor, dass Bundesbehörden auch Pharmaunternehmen Vorgaben zur Lagerhaltung machen dürfen, wenn es sich um versorgungsrelevante Arzneimittel handelt. Doch diese Forderung sieht die Arzneimittelindustrie als nicht umsetzbar an.

"Wir haben in Deutschland ungefähr 70.000 unterschiedliche Arzneimittel, verschiedene Packungen, mit verschiedenen Größen, und im Moment haben wir ungefähr 270 Lieferengpässe. Sie können sich vorstellen, wenn dann für alle einzelnen Packungen eine größere Vorratshaltung getroffen werden sollte, dass das eine riesige Unruhe des Marktes bedeutet." Han Steutel, Präsident des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller e.V.

Auch Apotheken und Ärzte machen Druck

Vor wenigen Tagen hat die ABDA, die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, einen Acht-Punkte-Katalog zur Bekämpfung von Lieferengpässen erarbeitet. Unter anderem wird darin gefordert, dass Exporte von versorgungsrelevanten Arzneimitteln bei Lieferengpässen beschränkt werden sollen.

"Wir fordern die Politik auf, die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen zügig so zu verändern, dass wir wieder Versorgungssicherheit bekommen. Nicht alles kann sofort passieren, aber es muss endlich ein Anfang gemacht werden." Friedemann Schmidt, ABDA-Präsident
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Eine Spritze mit dem Narkosemittel Propofol