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Jane Goodall: "Man muss das Herz der Menschen erreichen" | BR24

© BR/Michael Neugebauer

Dr. Jane Goodell mit einem Schimpansen.

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    Jane Goodall: "Man muss das Herz der Menschen erreichen"

    Schon seit Jahrzehnten setzt sich Jane Goodall für Schimpansen und deren Lebensraum ein. Über das Leben der Britin ist nun eine neue Dokumentation erschienen. Die wohl berühmteste Verhaltensforscherin der Welt im BR-Podcast "Woman of the Week".

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    Von
    • Mira-Sophie Potten

    Jane Goodall ist eine der berühmtesten Verhaltensforscherinnen der Welt. Jahrzehntelang lebte sie in Tansania mit Schimpansen, beobachtete sie und veränderte damit fundamental die Sichtweise auf die Tiere. Nun ist eine Dokumentation über das Leben der Britin herausgekommen - 60 Jahre, nachdem Jane Goodall ihre Forschungen im afrikanischen Tansania begonnen hat.

    Die Doku trägt den Titel "Hoffnung". Aus diesem Anlass gab sie Mira-Sophie Potten vom BR-Podcast "Woman of the Week" ein Interview.

    Geburtstag und Naturbeobachtungen daheim in Bornemouth

    Mira-Sophie Potten: Ich habe gesehen, dass Sie vor kurzem erst Geburtstag hatten, Alles Gute nachträglich.

    Jane Goodall: Danke! Ehrlich gesagt hat mir mein Geburtstag richtig viel Arbeit gemacht. Ich habe aus der ganzen Welt Millionen Emails bekommen.

    Mira-Sophie Potten: Wie haben sie denn den Tag verbracht?

    Jane Goodall: Wir hatten eigentlich ein nettes Familienessen geplant – ich, meine Schwester, ihre Tochter und deren Verlobter und zwei erwachsene Enkel, die alle im selben Haus sind. Aber wir haben uns sozusagen etwas voneinander isoliert. Ich und meine Schwester waren in einem Zimmer, ihre Tochter und deren Verlobter in einem anderen und die beiden Jungs wieder in einem anderen Raum. Und so hatten wir mein Geburtstagsessen getrennt voneinander.

    Mira-Sophie Potten: Wo sind Sie denn im Moment?

    Jane Goodall: Im Haus, in dem ich in Bornemouth in England aufgewachsen bin. Es gehörte schon meiner Großmutter. Zur Zeit schaue ich mir all die Bücher an, die mich inspiriert haben, als ich ein Kind war. Ich schaue mir ein Foto von mir als Kind mit meinem Hund Rusty an, der mir so viel über das Verhalten von Tieren beigebracht hat. Ich schaue mir die Bäume an, auf die ich als Kind hochgeklettert bin. Ich schaue auf die Vögel, die ihre Nester bauen und ihre Babys aufziehen. Ich hatte wirklich Glück, dass ich hier war, als das alles passiert ist. Ich hätte ja sonst wo in Europa oder in Abu Dhabi feststecken können.

    "Das Herz des Gegenüber mit Geschichten erreichen"

    Mira-Sophie Potten: Klingt nach einem schönen Ort, die Isolation zu verbringen. Wir haben in unserem Podcast die Rubrik "Lifecoach". Ich würde Sie gerne nach einem Ratschlag für unsere Hörerinnen fragen. In ihrer Karriere haben Sie viele Leute von ihrer Sache überzeugt: Präsidenten, Unternehmenschefs und viele andere. Wenn jemand in einer ähnlichen Situation ist – wie schafft man es, gehört zu werden und sie sogar von der guten Sache zu überzeugen?

    Jane Goodall: Aus meiner Sicht darf man nicht streiten, sondern muss das Herz erreichen. Und das geht nur übers Geschichten erzählen oder, dass man Fakten erzählerisch wiedergibt. Denn Veränderung muss von innen kommen. Man kann niemanden dazu zwingen, sich zu ändern. Wenn ich mit einem männlichen CEO einer großen Firma spreche, selbst wenn er weiß, dass ich recht habe und er falsch liegt, wird er nicht öffentlich seine Sicht ändern. Dasselbe gilt für eine weibliche CEO.

    Finde vorher ein bisschen was über den Menschen heraus. Hat er oder sie Kinder, hat er oder sie Familie, Haustiere? Und das kannst Du dann mit einer Geschichte in das Gespräch einbauen.

    Mira-Sophie Potten: Bei der Vorbereitung für dieses Interview habe ich viel über die Fridays-for Future-Bewegung nachgedacht; zum Beispiel darüber, dass viel an den jungen Menschen gezweifelt wird. Da heißt es, sie seien nicht gebildet genug, nicht alt genug, um sich eine eigene Meinung über dieses wichtige Thema zu bilden. Was würden Sie ihnen raten, wie sollen sie mit dieser Kritik umgehen?

    Jane Goodall: Ich glaube, es besteht manchmal die Gefahr, dass einige von ihnen so wirken, als würden sie die Dinge für selbstverständlich halten. Der Punkt ist, dass große Firmen immer mehr Geld und Anstrengungen in grüne, saubere Energie investieren. Einige machen das nur, weil sie glauben, dass das den Leuten gefällt. Das ist gute PR.

    Es findet ein Umdenken statt. Die Message, von der ich gesprochen habe, dass man eine Geschichte erzählen muss, also meine Art ist es nicht, dass man losmarschiert und Forderungen stellt. Meine Art ist es, ganz ruhig mit den Leuten zu sprechen. Ich denke schon, dass viele Kinder nur mitgehen, weil sie schulfrei haben wollen. Aber ich glaube auch, dass sehr viele von ihnen die Thematik wirklich verstehen. Ich denke, die Fridays-for-Future-Demonstrationen sind eine gute Idee. Was ich ihnen sagen würde ist: Verlangt nichts, was nicht umsetzbar ist. Versucht mit gutem Beispiel voranzugehen.

    "Zuhören, um Überzeugen zu können"

    Mira-Sophie Potten: Für Sie funktioniert diese Technik ja auf jeden Fall. Sie haben viele Menschen von Ihrer Sache überzeugt und inspiriert. Wenn Sie jetzt auf Ihre Karriere zurückschauen: Was war das größte Hindernis, das Sie bewältigen konnten? Worauf sind Sie besonders stolz?

    Jane Goodall: Also die größte Schwierigkeit war eigentlich immer, genug Geld zu beschaffen, um weiterzumachen. Besonders stolz bin ich auf eines … Als ich nach zwei Jahren bei den Schimpansen an die Universität in Cambridge zurückkehrte, haben mir viele Professoren gesagt, dass ich alles falsch gemacht hätte. Ich sollte nicht über deren Persönlichkeit, deren Geist oder Gefühle sprechen, weil dies alles nur dem Menschen zu eigen wäre.

    Zum Glück hatte ich als Kind von meinem Hund Rusty gelernt, dass das nicht stimmt. Meine Mutter hatte mir immer gesagt, ich soll den Mut haben, zu meinen Überzeugungen zu stehen, und das tat ich auch. Erst hört man der Person, mit der man nicht übereinstimmt, aufmerksam zu. Vielleicht nennt sie ja Punkte, über die man noch gar nicht nachgedacht hat. Aber dann: Stehe zu deinen Überzeugungen.

    Wegen dieser Gemeinsamkeiten, wegen meines Ehemannes Hugo van Lawick, wegen seines Films, müssen Menschen, und müssen Wissenschaftler aufhören, so reduktionistisch zu denken. Mir wurde wortwörtlich gesagt, dass es einen Unterschied zwischen uns und anderen Tieren gäbe, einen Unterschied der Arten. Dass wir komplett voneinander getrennte Arten wären, aber das sind wir nicht. Wir sind ein Teil der Natur und nicht davon getrennt. Das ist etwas, worauf ich stolz bin. Die Wissenschaft hat sich geändert. Und ich glaube, dass die Schimpansen dabei geholfen haben.

    Lebensraum der Schimpansen schrumpft weiter

    Mira-Sophie Potten: Sie haben jahrzehntelang für den Schutz dieser Schimpansen gearbeitet. Heute sind sie die immer noch eine bedrohte Tierart. Was ist heute das größte Problem für die Schimpansen? Was müssen wir tun, um ihnen zu helfen zu überleben?

    Jane Goodall: Ja, sie sind viel gefährdeter. In verschiedenen Teilen Afrikas ist es unterschiedlich. Aber überall wird der Lebensraum der Schimpansen zerstört. Sie haben immer weniger Platz zum Leben. Weil ihre Stämme getrennt werden, können die Schimpansen nicht mehr so interagieren wie früher. Das wiederum ist schlecht für die Genetik. Wir brauchen einen Austausch an Genen.

    In manchen Gegenden werden Schimpansen als Nahrung gejagt. Manchmal werden Mütter erschossen, um deren Babys zu stehlen und sie im illegalen Tierhandel zu verkaufen. Sie werden in Drahtschlingen gefangen. Sie können unsere Krankheiten bekommen. Die große Angst ist gerade, dass sich Covid-19 irgendwie in der Wildpopulation der Schimpansen ausbreitet. Wenn es sie so trifft wie uns, dann kann man dabei zusehen, wie es sich rasend ausbreitet. Es ist ein sehr beunruhigender Gedanke, so es wie den Gorillas bei Ebola erging.

    Mira-Sophie Potten: Hatten Sie in Ihrer Karriere jemals Momente des Zweifels oder Schwächen - und wie sind Sie damit umgegangen?

    Jane Goodall: Also ich hatte schon schlechte Momente, zum Beispiel als vier meiner Studenten im Gombe-Nationalpark entführt wurden und als wir das Reservat schließen mussten. Ich konnte kein Geld auftreiben. Wie habe ich das geschafft? Indem ich gesagt habe, das Reservat kann nicht geschlossen werden, es ist viel zu wichtig. Ich musste – wie die Bibel sagt – mich wappnen, bei Leuten anklopfen und jemanden finden, der helfen kann. Und wir haben Geld zusammenbekommen, um weiterzumachen. Ich bin wie eine von diesen russischen Puppen. Hau‘ mich um und ich springe wieder in meine Ausgangsposition zurück. Ich bin hartnäckig und ich werde nicht so schnell aufgeben.

    Mira-Sophie Potten: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben und alles Gute.

    Den Podcast können Sie hier nachhören: Woman of the week. Oder auf allen gängigen Podcast-Plattformen herunterladen.

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