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Italiens Kliniken am Limit: Immer mehr Fälle, ganz wenig Betten | BR24

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Ein Arzt muss entscheiden, wem er zuerst hilft, eine Krankenschwester macht Doppelschichten auf der Intensivstation: Die Corona-Epidemie bringt Italiens Klinikmitarbeiter ans Ende ihrer Kräfte.

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Italiens Kliniken am Limit: Immer mehr Fälle, ganz wenig Betten

Ein Arzt muss entscheiden, wem er zuerst hilft, eine Krankenschwester macht Doppelschichten auf der Intensivstation: Die Corona-Epidemie bringt Italiens Klinikmitarbeiter ans Ende ihrer Kräfte.

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Luca ist am Rand seiner Kräfte. "Nach so vielen Tagen, in denen wir quasi an vorderster Front arbeiten, fühle ich mich todmüde", sagt er. "Ich hoffe, dass wir es schaffen, durchzuhalten." Luca arbeitet als Krankenpfleger in einer Klinik in der Provinz Cremona in der Lombardei. Dort ist er mittendrin in Italiens verzweifeltem Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus.

Bei allem Bemühen von Ärzten und Pflegern sei seine Klinik damit überfordert, alle schwer erkrankten Coronavirus-Patienten angemessen zu versorgen, erzählt der 29-Jährige: Die Betten auf der Intensivstation reichten vorne und hinten nicht.

"Wir haben Patienten mit kritischem Krankheitsbild, die eigentlich in Intensivtherapie behandelt werden müssten. Um sie zu versorgen, nutzen wir auch Betten, die für andere Bereiche vorgesehen sind. Die Intensivstation läuft auf voller Leistung, aber es reicht nicht." Luca, Krankenpfleger

Zu wenig Plätze auf Intensivstationen

Zu wenig Intensivbehandlungsplätze - ein Problem, mit dem in der Lombardei, dem Zentrum der Coronavirus-Krise in Italien, offensichtlich viele Krankenhäuser kämpfen.

Christian Salaroli, Oberarzt an einer Klinik in Bergamo, sagt im "Corriere della Sera": Da es derzeit mehr schwerkranke Coronavirus-Patienten als Betten auf seiner Intensivstation gebe, müsse er "wie in einem Krieg" entscheiden, wem er zuerst hilft. Da spiele auch das Kriterium Alter eine Rolle. Der leitende Arzt räumt ein: Wenn bei jemandem zwischen 80 und 95 Jahren Lungenversagen eintritt, könne er ihn wahrscheinlich nicht behandeln.

Gesundheitsausgaben im EU-Schnitt

In der Coronavirus-Krise werde spürbar, dass in Italiens Krankenhäusern in den vergangenen Jahren Ausstattung und Personal abgebaut wurden, sagt Michele Vannini von der Gewerkschaft CGIL:

"Unser System ist in Schwierigkeiten, weil dieses sich aggressiv ausbreitende Virus auf ein nationales Gesundheitssystem trifft, das in Schwierigkeiten gebracht wurde durch jahrelange, sehr bedeutende Kürzungen." Michele Vannini, Gewerkschaft CGIL

Mit seinen Gesundheitsausgaben liegt Italien laut Eurostat immer noch über dem europäischen Durchschnitt. Gerade in der derzeit so wichtigen Intensivmedizin aber ist das Land schlecht aufgestellt. Mit rund 5.100 Betten auf Intensivstationen ist die Kapazität zur Versorgung von Patienten in Lebensgefahr fünfmal geringer als in Deutschland.

"Kollegen überlastet, Angehörige haben Angst"

Angesichts der sprunghaft steigenden Zahl von Coronavirus-Infektionen versuchen die politisch Verantwortlichen nun hektisch gegenzusteuern. In Mailand wird überlegt, eine Messehalle in eine Ad-Hoc-Intensivstation zu verwandeln - nach dem Vorbild des in wenigen Wochen errichteten Notkrankenhauses im chinesischen Wuhan. In Genua sollen eventuell Schiffe zu Intensivstationen umgebaut werden.

Bis die Notfallmaßnahmen greifen, schultern die Lasten der Krise in erster Linie die Ärzte und Pfleger wie Fiorenza, die in Rom als Krankenschwester auf der Intensivstation der Klinik Santo Spirito mit Coronavirus-Patienten arbeitet. Sie ist ebenfalls am Ende ihrer Kräfte: "In der Regel fange ich um Viertel vor sieben morgens an und bleibe sehr oft bis abends um 22 Uhr", erzählt sie. "Häufig mache ich Doppelschichten, weil Personal fehlt."

Auch der psychische Druck sei in diesen Tagen außergewöhnlich:

"Die Situation im Krankenhaus ist dramatisch. Es gibt immer mehr Fälle und es gibt ganz wenig Betten. Die Kollegen sind überlastet, die Angehörigen haben Angst. Von allem was ich erlebt habe, ist es eine der schlimmsten Situationen." Fiorenza, Krankenschwester

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