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Italien vor der Europawahl: EU-Feinde auf der Euphoriewelle | BR24

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In Rom stand einst die Wiege des Vereinigten Europa. Doch nun droht Italien zum Land der grassierenden Europafeindlichkeit zu werden. Grund: Rechtspopulist Matteo Salvini.

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Italien vor der Europawahl: EU-Feinde auf der Euphoriewelle

In Rom stand einst die Wiege des Vereinigten Europa. Doch nun droht Italien zum Land der grassierenden Europafeindlichkeit zu werden. Rechtspopulist Matteo Salvini will die Nationalisten im nächsten Europaparlament so stark machen wie noch nie.

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In Rom stand einst die Wiege des Vereinigten Europa. Doch 62 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge droht Italien zum Land der grassierenden Europafeindlichkeit zu werden. Matteo Salvini, Parteichef der rechten Lega, will die Nationalisten im nächsten Europaparlament so stark machen wie noch nie - und dominiert mit seinem provokanten Auftreten den Wahlkampf in Italien.

Sie beschimpfen ihn, sie bejubeln ihn, und er selbst gefällt sich in der Rolle des Hauptdarstellers im italienischen Europa-Wahlkampf. Auf der Zielgeraden hat Matteo Salvini sogar einen Wettbewerb "Vinci Salvini" ("Gewinne Salvini") auf Facebook ausgerufen.

Wer besonders viele Likes für den Führer der rechten Lega in den sozialen Netzwerken platziert, kann ein Telefongespräch oder einen Kaffee mit ihm gewinnen. Seine Gegner überschütten ihn für die Aktion mit Häme. Salvini aber weiß, wie die soziale Netzwerke funktionieren: Die zusätzlichen Likes auf seinen Seiten vergrößern die Reichweite seiner Botschaften.

Auftritt auf dem Mussolini-Balkon

Tabubrüche und Provokationen sind auch jenseits der sozialen Netzwerke ein Stilmittel Salvinis im Wahlkampf. In Forlì sprach er von einem Balkon, den seit dem Ende des Faschismus vor 75 Jahre kein Politiker mehr betreten hat. Denn es ist der Platz, von dem der in der Nähe geborene faschistische Diktator Benito Mussolini häufig und gerne gesprochen hat.

Salvini nutzte ohne Zögern den "Mussolini-Balkon" bei seiner Wahlkampfveranstaltung in der heute sozialdemokratisch regierten Stadt, um sich seinen draußen im Regen wartenden Anhängern zu zeigen.

"Ich habe drinnen zu einigen Hundert Menschen gesprochen, aber ich will hier mit euch nass werden, weil wir diese Stadt und dieses Land befreien werden. Und je mehr sie mir drohen, desto mehr will ich das weiter durchziehen, wie ein Zug." Matteo Salvini

Personenkult mit eigenem Wahlkampf-Song

Der Jubel der rund 2.000 Salvini-Unterstützer übertönt die kleine Gruppe der Demonstranten. Salvini weiß, dass er mit dieser Aktion am nächsten Tag die Zeitungen füllen wird. Seine Anhänger verehren ihn für seine Verstöße von rechts gegen die politische Korrektheit. Der Lega-Wahlkampf ist Salvini-Wahlkampf, im Personenkult um ihren Parteiführer hat die Lega sogar ein eigenes Wahlkampflied für ihn komponieren lassen.

Die Strategie zielt auf Personalisierung. Das polarisiert zwar, aber die eigenen Anhänger werden mobilisiert. Sogar im südlichsten Teil des Landes, den Salvini und seine Lega bis vor ein paar Jahren noch von Italien abtrennen wollten. Auch dort sind die Plätze bei Kundgebungen voll, wenn Salvini kommt. Die Zuhörer wissen, was sie von ihm bekommen: Knallhart rechte Botschaften, Attacken auf Europa, populistische Vereinfachungen. In Bagherìa auf Sizilien macht Salvini deutlich, welchen Ton seine Partei und ihre Verbündeten künftig in Brüssel anschlagen wollen.

"Dieses Mal gilt: Entweder wir retten Europa oder Europa stirbt und wir bekommen ein islamisches Kalifat. Europa ist unser Zuhause, Sizilien ist unser Zuhause, Italien ist unser Zuhause." Matteo Salvini

Selbst die Opposition ist auf Salvini fixiert

Wie sehr Salvini mit seinen Parolen den Wahlkampf in Italien dominiert, zeigt sich auch bei den Auftritten des Oppositionsführers. In den Reden von Nicola Zingaretti, dem Chef der Demokratischen Partei, ist Salvini der meistgenannte Name.

"Matteo Salvini hat eine starke Sache gemacht? Ja! Er hat eine lokale Bewegung des Nordens in eine nationale Bewegung verwandelt. Indem er Angst schürt, sichert er sich einfache Zustimmung. Aber Hass schafft keine Arbeitsplätze." Nicola Zingaretti, Chef der Demokratischen Partei

Möglicherweise, sagt Buchautor und Politikprofessor Gianluca Passarelli, könnte der von Salvini betriebene Personenkult ihm in der Schlussphase des Wahlkampfes noch auf die Füße fallen.

"Ich glaube, er übertreibt, weil er angesichts des Höhenflugs und des sich vermeintlich abzeichnenden Wahlerfolgs alles auf sich konzentriert." Gianluca Passarelli, Buchautor und Politikprofessor

Ein Sieg der Lega in der Europawahl, sagt Passarelli, wäre ein Sieg Salvinis. Aber auch ein Misserfolg würde seinen Namen tragen. Die letzten Umfragen sehen die Lega in Italien immer noch mit rund 30 Prozent als stärkste Partei - aber um ein paar Prozentpunkte schwächer als noch vor ein paar Wochen.

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Rund 400 Millionen Menschen dürfen nächste Woche an der Europawahl teilnehmen. Doch in jedem Land läuft die Wahl ein bisschen anders ab, sogar die Wahltage sind unterschiedlich. Entscheidend sind nämlich die nationalen Wahlsysteme.