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Israels zweiter Corona-Lockdown beginnt | BR24

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In Israel ist die Zahl der Infektionen mit dem Corona-Virus auf einen neuen Höchststand geklettert. Mit einem zweiten landesweiten Lockdown will die Regierung eine weitere Ausbreitung von Covid-19 eindämmen.

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Israels zweiter Corona-Lockdown beginnt

Die israelische Regierung will mit einem zweiten Lockdown eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern. Denn derzeit werden etwa 6.000 Neuinfektionen täglich nachgewiesen. Das öffentliche Leben wird nun wieder massiv heruntergefahren.

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Ein Septembermorgen am Strand von Tel Aviv. Am Himmel keine Wolke zu sehen, 26 Grad. In diesen Tagen beginnt in Israel eigentlich die schönste Zeit des Jahres. Wäre da nicht das Coronavirus. Etwa 6.000 Neuinfektionen werden hier pro Tag nachgewiesen. Das sind umgerechnet auf die Bevölkerung fast 30-mal so viele wie in Deutschland. So viele wie in kaum einem anderen Land der Welt.

Am Strand scheint das Virus trotzdem ganz weit weg. Eine Gruppe von Kindern liegt dichtgedrängt auf dem Bauch und macht Übungen für einen Surfkurs. Es ist der Tag vor dem Lockdown. Viele wollen nochmal raus. Orit Ovadia spielt Beachvolleyball. Es sei ein Privileg morgens am Strand in Tel Aviv Sport zu machen.

"Es fängt uns auf, wenn das Leben mal stressig ist. Wir haben hier eine Gemeinschaft und Freunde. Und das soll uns nun für drei Wochen genommen werden. Ich glaube, dass manche Menschen das nicht akzeptieren werden. Dennoch macht der Lockdown Sinn. Denn alle Dinge brauchen auch mal eine Pause." Orit Ovadia

Heute beginnt der zweite Lockdown

Mindestens drei Wochen lang dürfen sich die Israelis nur einen Kilometer von ihren Häusern entfernen. Auch wenn es Ausnahmen gibt: Gemeinsam Beachvolleyball spielen ist tabu. Orit und ihre Mitspielerinnen kommen sich dabei recht nah, klatschen sich ab. Am Anfang hätte sie Angst vor dem Virus gehabt, es sei aber besser geworden. "Wir haben das Virus jetzt seit sechs Monaten bei uns und es geht uns gut. Ich kann doch nicht mein ganzes Leben anhalten. Das ist unmöglich", sagt Orit.

So wie der Israelin geht es vielen im Land. Im März war die Furcht vor dem Virus groß. Ausgelöst durch die Bilder aus Norditalien. Entschieden befeuert aber auch von Premierminister Netanjahu, der intern sogar von einem möglichen Ende der Menschheit gesprochen haben soll. Dann geschah: recht wenig. Die Sterblichkeit in Israel blieb gering. Die Zahl der Infektionen auch. Und der zuvor düstere Netanjahu rief seine Mitmenschen im Mai auf, Spaß zu haben und ein Bier trinken zu gehen. Das öffentliche Leben wurde schnell und planlos geöffnet. Und viele Menschen dachten: So schlimm ist Corona gar nicht. Aus Furcht wurde bei manchen Leichtsinn.

Aus Furcht wurde Leichtsinn

Tel Aviv am Abend. Unterwegs zum Ichilov-Krankenhaus. Auf dem Weg liegt der Rabin Platz. Im Außenbereich eines Restaurants sitzen junge Menschen dicht gedrängt. Kellnerinnen tragen ihren Mundschutz unterm Kinn.

Vor dem Ichilov-Krankenhaus wartet Guy Choshen. Er ist der ärztliche Leiter der Corona-Stationen. Es ist fast 22 Uhr. Der Arzt arbeitet seit 14 Stunden. Choshen, der eine OP-Maske trägt, setzt sich auf eine Bank. Im Gebäude hinter ihm liegen schwerkranke Covid-19-Patienten.

"Ich habe gerade mit einem 61-Jährigen gesprochen. Vor einer Woche war er auf einer Hochzeit. Mehrere Hundert Gäste. Ich versichere Ihnen: Niemand trug eine Maske. Dort haben sich Dutzende infiziert. Wissen Sie, ich bin fassungslos. Dass Israelis ihr Leben einfach weiterführen. Sie tun so, als ob gerade nichts passieren würde." Guy Choshen

Die Suche nach Verantwortlichen

Fast jeden Tag taucht in Israel ein neues Video auf, das eine illegale Hochzeit zeigt. Keine Masken, kein Abstand. Im Norden Israels sollen sogar 5.000 Menschen gemeinsam gefeiert haben. Die große Frage ist nun, wen man für diese Zustände verantwortlich macht. Die Hochzeitsgäste? Natürlich. Die Polizei, die die Feiern nicht unterbindet? Sicherlich. Der Arzt vom Ichilov-Krankenhaus verweist aber auch auf die israelische Regierung. Auf Minister, die ihre eigenen Regeln brechen. Auf Premier Netanjahu, der in dieser Woche im Weißen Haus beim Masken-Verweigerer Donald Trump ebenfalls keine Maske trug. Auf Einschränkungen, die die Regierung für bestimmte Teile der Gesellschaft oder der Wirtschaft plante. Und dann wieder stoppte.

"Ich persönlich habe den Eindruck, dass wir im Moment gar keine Regierung haben", sagt der Arzt Choshen. "Das ist nur eine Ansammlung von Ministern, die alle Forderungen ihrer Gruppen erfüllen." Man könne das Land aber nicht aus einer solchen Krise führen, wenn man gar nicht vorhabe, die Regeln durchzusetzen.

Der Frust ist groß

Vor ein paar Tagen gingen in Tel Aviv viele Teller zu Bruch. Die Betreiberinnen und Betreiber von Restaurants schmissen sie auf den Boden. Und sagten dabei, dass sie die Schnauze voll hätten von der Regierung. Während des Lockdowns dürfen Restaurants nur Essen für Lieferdienste verkaufen. Viele fürchten um ihre Existenz.

"Wir wurden zerbrochen", sagt ein Restaurantbetreiber in einem Video. "Der Lockdown ergibt keinen Sinn. Wir sind ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern. Und wir müssen wieder schließen. Schauen Sie, wie viel Platz wir hier draußen haben. Wie kann es sein, dass die Leute beten, wir aber nicht arbeiten dürfen?"

Im weltlich geprägten Tel Aviv haben viele den Eindruck, dass ultraorthodoxen Juden zu viel gestattet wird. Dass die Regeln von diesem Teil der Gesellschaft besonders krass gebrochen wurden. Die Infektionsrate ist bei arabischen sowie ultraorthodoxen Israelis besonders hoch. Und so droht die Corona-Krise ein ohnehin gespaltenes Land, weiter zu spalten.

Lockdown statt Neujahrsfest

Der Lockdown beginnt an einem besonderen Tag. Heute beginnt das jüdische Neujahrsfest. Israels Staatspräsident Rivlin wandte sich an seine Mitmenschen. Er weiß, dass viele nicht in Festtagsstimmung sind. Wie denn auch? Besuche bei Verwandten, die nicht in der Nachbarschaft leben, sind verboten. Die Regierung rechnet laut Medienberichten mit vielen Regelbrüchen im Lockdown. Doch Rivlin machte den Bürgerinnen und Bürgern keinen einzigen Vorwurf. Auch er selbst hatte sich beim ersten Lockdown nicht an alle Regeln gehalten: "Ich weiß, dass wir nicht die Führung gezeigt haben, die Anerkennung verdient. Ihr habt uns vertraut und wir haben Euch im Stich gelassen." Der zweite Lockdown sei eine zweite Chance für die Regierung, sagte der israelische Präsident. Eine dritte werde es wohl nicht geben.

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In Israel ist die Zahl der Infektionen mit dem Corona-Virus auf einen neuen Höchststand geklettert. Mit einem zweiten landesweiten Lockdown will die Regierung eine weitere Ausbreitung von Covid-19 eindämmen.

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