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Bildrechte: pa/dpa/Rafael Ben-Ari/Chameleons Eye

Israels Zukunft liegt in der Wüste

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Israels Zukunft liegt in der Wüste: Zu Besuch in Beer Sheva

Im Süden Israels, am Rand der Wüste Negev, liegt eine der größten Städte des Landes: Beer Sheva. Jahrzehntelang galt sie als Arbeiterstadt für arme Einwanderer aus Nordafrika. Doch nun wandelt sich die biblische Wüstenstadt zur hippen Metropole.

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Von
  • Mike Lingenfelser

Die Zukunft Israels – dafür stand eigentlich immer die moderne Metropole Tel Aviv mit ihren glitzernden Wolkenkratzern, Start Ups, ihrem Lifestyle. Hunderttausende Pendler drängen täglich in die Stadt, die aus allen Nähten platzt. Immobilienpreise explodieren – ganz ähnlich wie in deutschen Metropolregionen, nur noch schneller. An seiner Attraktivität droht Tel Aviv zu ersticken. 

Beer Sheva: aufsteigender Stern am Wüstenhimmel

Mehr Luft zum Atmen gibt es dagegen hier: in der Wüste

"Schon Israels Staatsgründer Ben Gurion wusste: Die Zukunft Israels liegt im Süden, in der Negev Wüste. Denn es war brachliegendes Land. Aber damit die Menschen die überfüllten Metropolen verlassen und hier Wurzeln schlagen, muss man ihnen echte Lebensqualität bieten, Arbeitsplätze, soziale Einrichtungen, alles was man für einen funktionierenden Wirtschaftskreislauf braucht." Eric Narrow, Jewish National Fund

Eric Narrow und seine Organisation wollen die Vision der Staatsgründer wiederbeleben. Die entlegenen Regionen im Süden und Norden Israels so attraktiv machen, dass sich eine halbe Million Menschen binnen der nächsten 25 Jahre dort ansiedeln und so die Metropolregionen um Tel Aviv und Jerusalem entzerren. Er nimmt uns mit in die Wüstenstadt Beer Sheva. Von hier aus soll Israels Reise in die Zukunft beginnen. Die Herausforderung ist sichtbar groß. Nicht mal fünf Prozent der Absolventen der Ben Gurion Universität seien in Beer Sheva geblieben, erzählt er uns.

Obwohl die größte Stadt in der Wüste war Beer Sheva jahrzehntelang abgehängte Peripherie. Eine Arbeiterstadt für Einwanderer vor allem aus Nordafrika. Viele Israelis stoppten hier nur kurz zum Tanken auf dem Weg in den Urlaub am Roten Meer. 

Wandel einer Arbeiterstadt zur Lifestyle-Oase

Doch heute ist der Wandel in allen Stadtvierteln sichtbar. Ein Beispiel: Diese neu geschaffene Oase in der Wüste. Wo vorher noch ein Schrottplatz war, hat der Jewish National Fund mit Spendengeldern einen See mit Park angelegt, Sport- und Spielplätzen und einem Amphitheater. Für Beer Shewa ein Stück mehr Lebensqualität. So jung und dürr die Bäumchen auch noch wirken, sie haben bereits Investoren angelockt, die nun Neubauten mit Parkblick anpreisen. Ein Dominoeffekt. Die Baustellen böten Jobs für tausende einfache Bauarbeiter aus den umliegenden arabischen Gemeinden der Beduinen, aber genauso profitierten höher Qualifizierte wie etwa Architekten, so Narrow.

Für den Preis eines Einzimmer-Apartments in Tel Aviv bekommt man in der Wüstenstadt Beer Shewa eine Dreizimmerwohnung. Davon profitiert auch die 30-jährige Webdesignerin Polly Gupailo. Sie steht für das neue Gesicht von Beer Sheva. Denn sie hat nach ihrer Ausbildung nicht die Koffer gepackt wie so viele andere junge qualifizierte Menschen. Polly ist fest entschlossen, hier zu bleiben und den Aufbruch in Israels Zukunft in der Negev Wüste mitzugestalten.

Nicht weit von Pollys Büro steht ein Symbol für die Zukunft von Beer Sheva. Die Brücke, die scheinbar alles miteinander verbindet. Auf der einen Seite die Ben Gurion Universität, auf der anderen Seite der neue Hochtechnologie-Park, mit einer beachtlichen internationalen Cybertech-Szene, benachbart von Wohngebieten und alles erreichbar mit der Bahn.

Wirtschaft im Aufschwung

Doch Brückenbauten alleine reichen nicht aus. Sie helfen nur, wenn sie Arbeitgeber und Arbeitnehmer verbinden, die tatsächlich zusammenpassen. Genau dafür wurde ein spezielles Zentrum geschaffen. Das Lauder-Center. Megan Turner hilft und vermittelt wie eine Job-Agentin zwischen Wirtschaft, Ausbildungsinstitutionen und Arbeitsuchenden.

"Gerade im Hightech-Bereich ändern sich die Verhältnisse im Minutentakt. Unsere Aufgabe ist es, alle Seiten auf den selben Stand zu bringen. Wir gehen zum Beispiel zu den Hochschulen und sagen ihnen ganz klar: Bitte passt eure Ausbildungspläne in diesem und jenem Aspekt folgenden konkreten Bedürfnisse der hiesigen Unternehmer an. Denn die sagen uns, dass sie dringend Leute einstellen möchten, aber niemanden finden, der entsprechend ausgebildet ist." Megan Turner, Lauder Employment Center, Beer Schewa 

Auch Polly hat durch eine Fortbildung im Lauder-Zentrum zu ihrem jetzigen Job gefunden. Jetzt will sie etwas zurückgeben an ihre Stadt: "Ich denke, dass Beer Sheva sich genauso entwickeln kann wie Tel Aviv, sogar noch weiter. Es kann eine Metropole des Fortschritts werden. Einen Hightech-Park haben wir hier ja schon. Und wir machen noch vieles mehr. Diese Stadt entwickelt sich."

Eine Chance auch für die Beduinen in der Negevwüste

Die neuen Pioniere wissen, dass sie alle Teile der Gesellschaft auf dem Weg in die Zukunft mitnehmen müssen. Dazu gehören auch die Beduinen in der Negevwüste. Viele leben in Armut, in traditionellen Clan-Strukturen, einer Parallelgesellschaft. In der Beduinenstadt Rahat wurde deshalb ein Gründerzentrum errichtet. Dort bricht die 19-jährige Aisha Abu Jaber mit den Stereotypen einer traditionellen Stammesgesellschaft.

Die Elektrotechnik-Studentin entwickelt zusammen mit ihrem Mentor eine App, mit der man an allen Tankstellen im Land bezahlen können soll. Und heute morgen hat ihr ein Investor dafür 30.000 Dollar Starthilfe zugesagt. "Ich bin schon immer gerne etwas aus der Reihe gefallen, meinen eigenen Weg gegangen", erzählt sie uns. "Anfangs gab es Widerstand. Die Leute fanden es merkwürdig, dass eine Beduinenfrau in die Welt der Unternehmer wollte. Heute akzeptieren sie es schon mehr."

Beer Sheva entwickelt sich unaufhaltsam weiter

Die Initiativen in der Region fruchten bereits. Beer Scheva wächst wieder. Aber die Gehälter hier sind noch deutlich niedriger als in Tel Aviv. Der Mangel an Fachkräften ist nach wie vor groß.

"Das bleibt unsere größte Herausforderung, aber auch eine Chance: Wir müssen jetzt diese Pioniere zu finden, die bereit sind in die Fußstapfen der Gründerväter zu treten, und Israels Renaissance, die Zukunft in der Wüste mitgestalten." Eric Narrow, Jewish National Fund

Der Weg zum neuen Beer Schewa ist noch steinig und lang. Aber das Ziel ist klar vor Augen.

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