BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Israelischer Gastronom im Hungerstreik gegen die Corona-Politik | BR24

© ARD/Tim Aßmann

Shlomi Salomon (rechts) und seine Frau Susanna (links) betreiben ein italienisches Restaurant in Israel

Per Mail sharen

    Israelischer Gastronom im Hungerstreik gegen die Corona-Politik

    Die Corona-Politik der israelischen Regierung zerrt an den Nerven der Bürger. Vor allem die Selbständigen trifft der zweite Lockdown hart. Der Restaurantbesitzer Shlomi Salomon hatte sich deshalb sogar zu einem Hungerstreik entschlossen.

    Per Mail sharen

    Früher Vormittag im Amore Mio. Das italienische Lokal ist eine Institution in Tel Aviv. Shlomi Salomon und seine Frau Susanna haben es vor rund 20 Jahren gegründet. In normalen Zeiten geht das Geschäft sehr gut. Während der ersten Corona-Welle war das Amore Mio dann geschlossen. Ende Mai öffneten sie wieder. Dann kam die zweite Pandemie-Welle und es kam jener Freitag Morgen, an dem Shlomi den Glauben in Israels Regierung endgültig verlor. Um vier Uhr morgens fiel die Entscheidung die Restaurants noch am gleichen Nachmittag zu schließen.

    "In diesem Moment ist etwas in mir zerbrochen und ich beschloss in den Hungerstreik zu treten - aus Protest gegen die Regierung, die so etwas mit uns macht. Und dann, am Nachmittag, hieß es überraschend, dass wir doch aufmachen könnten. In der Zwischenzeit, hatte ich die eingekaufte Ware an meine Mitarbeiter verteilt, denn es wäre ja schade gewesen, das alles wegzuwerfen. Danach konnte ich natürlich nicht mehr arbeiten und das Restaurant blieb zu. Am Sonntag machten wir dann ganz normal auf und am Montag hieß es wieder, dass wir schließen sollten. Das ist wirklich nicht normal." Shlomi Salomon, Gastronom

    Gelder der Regierung flossen erst spät

    An jenem Freitag trat der 58-Jährige in den Hungerstreik und er ging abends auch nicht nach Hause. Shlomi übernachtete im Lokal. Das planlose Krisenmanagement der Regierung führte bei Shlomi dazu, dass sich monatelang aufgestauter Frust Bahn brach. Schon durch die Lokal-Schließung während der ersten Corona-Welle habe er enorme Verluste gemacht, erzählt der Wirt. Die ersten Kompensationszahlungen von der Regierung habe er erst jetzt, nach vier Monaten erhalten, nachdem die Selbständigen viel Druck gemacht hätten, so Shlomi. Es gebe auch Selbständige, die seit März warteten und noch immer nichts erhalten hätten. "Diese Leute haben nichts, sie können sich nicht mal Essen leisten", weiß Shlomi.

    Während Corona-Krise: Arbeitslosigkeit in Israel bei 20 Prozent

    In Folge der Corona-Krise schnellte die Arbeitslosigkeit in Israel von knapp vier auf mehr als 20 Prozent. Gerade viele Selbständige wie Gastronomen, kleine Dienstleister und Einzelhändler, sind weitgehend auf sich gestellt. Die staatliche Unterstützung kam für viele zu spät und fiel zu gering aus. Wer durch Tel Avivs Innenstadt läuft, sieht zahlreiche Geschäfte, die nach der ersten Corona-Welle nicht mehr aufgemacht haben. In den Straßen mit den höchsten Ladenmieten, sei jedes zweite Geschäft zu, sagt Shlomis Frau Susanna. Sie winkt einer jungen Frau zu, die gerade das Lokal verlässt. Die hat hier früher mal gearbeitet und nun wegen Corona keinen Job mehr, erzählt Susanna.

    "Auf einmal ist sie arbeitslos und sie ist nur ein Fall – eine die eines morgens aufsteht und keine Miete mehr zahlen und auch nicht im Supermarkt einkaufen kann. Sie ist nun schon seit drei, vier Monaten ohne Job. Wie oft kann man mit 35/36 noch zu seinen Eltern laufen und fragen, ob man bei ihnen wohnen kann? Und sie dann auch noch um Geld bitten? Davon gibt es hunderttausende zurzeit in Israel und deswegen brennt hier alles. Ich erinnere nur an die Proteste 2011 auf dem Rothschild-Boulevard. Das war die erste große Explosion. Einige Dinge wurden verbessert, aber dann geriet vieles in Vergessenheit. Und jetzt kommt alles wieder hoch." Susanna Salomon, Gastronomin

    Die Sozialproteste in Israel 2011 werden häufig erwähnt, wenn man in diesen Tagen mit Menschen spricht, die gegen die Regierung auf die Straße gehen und den Rücktritt von Premier Netanjahu fordern. Vieles ist seit 2011 nicht besser geworden. Mieten und Lebensmittelpreise sind weiter extrem hoch und das wirkt sich nun während der schwersten Wirtschaftskrise in der israelischen Geschichte aus. Die Situation wird sich weiter zuspitzen, prophezeit Shlomi. "Es wird sehr, sehr schlimm enden", so Shlomi, denn "die Leute wollen ihren Kindern Essen auf den Tisch bringen." Genau das würde gerade nicht passieren, weil alle ihre gesamten Ersparnisse ausgegeben hätten, "sie haben nichts mehr", erzählt Shlomi.

    Hungerstreik: Keine Reaktion von der Regierung

    Als wir das Interview führen, ist Shlomi den zwölften Tag in Folge im Hungerstreik. Stunden später kommt er nach einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus. Die Ärzte raten dringend, wieder zu essen. Shlomi Salomon hört auf sie. Über seinen Hungerstreik wurde landesweit berichtet. Von der Regierung hat sich niemand bei mir gemeldet, sagt er.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!