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Rettungskräfte erreichen den Wallfahrtsort Meron, an dem am 30. April 2021 eine Massenpanik ausbrach.

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    Einen Monat nach Massenpanik in Israel: Streit um Aufarbeitung

    45 streng-religiöse jüdische Männer und Jungen starben am 30. April in Israel bei einer Massenpanik im Wallfahrtsort Meron. Eine staatliche Untersuchungskommission soll die Ursachen der Katastrophe ermitteln. Ultraorthodoxe haben jedoch Bedenken.

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    Von
    • Tim Aßmann
    • BR24 Redaktion

    Vor einem Monat endete ein traditionelles jüdisches Fest im Norden Israels in einer Katastrophe. Beim völlig überfüllten Lag Baomer-Fest am Berg Meron brach eine Massenpanik aus. 45 streng-religiöse Menschen starben. Die Risiken der Veranstaltung waren bekannt - vor einer solchen Katastrophe war über Jahre gewarnt worden. Doch die Warnungen verhallten. Opferangehörige fordern nun eine staatliche Untersuchungskommission, erhalten aber keine Unterstützung von religiösen Führern und Politikern der ultraorthodoxen Bevölkerungsminderheit. Der Streit um die Aufarbeitung ist voll entbrannt.

    Umstrittene Untersuchungskommission

    Tumultartige Szenen in Israels Parlament vor einigen Tagen. In einer Ausschusssitzung wurden mehrere streng-religiöse jüdische Abgeordnete laut. "Ihr wollt hier nur stören", ruft die Vorsitzende des Gremiums. "Schämt Euch". Anlass für die Emotionen ist ein Gesetz, mit dem eine staatliche Untersuchungskommission zur sogenannten Meron-Katastrophe eingesetzt werden soll.

    Der Ausschuss gab mit knapper Mehrheit grünes Licht um das Gesetz im Schnellverfahren durchs Parlament zu bringen. Die streng religiösen Abgeordneten im Ausschuss und die Vertreter der Likud-Partei von Premier Netanjahu stimmten gegen das Gesetz. Man sei nicht grundsätzlich gegen eine Untersuchung, sagte Moshe Abuthul von der ultraorthodoxen Shas-Partei dem Fernsehsender Arutz Sheva. "Auch wir wollen die Wahrheit wissen", erklärte er.

    Ultraorthodoxe fürchten Vorbehalte

    Abuthul und seine Unterstützer haben nur eine andere Auffassung davon, wie man zu dieser Wahrheit gelangen soll. Auch ganz viele Familien wollten keine staatliche Untersuchungskommission, so Abuthul, "weil sie wissen, dass die Kommission dann unter dem Vorsitz eines Richters sein wird, der der gesamten ultraorthodoxen Bevölkerung gegenüber feindlich eingestellt ist und dann alle möglichen Schlüsse ziehen wird, die wir nicht erwarten.“

    Das von der Opposition eingebrachte Gesetz sieht eine neutrale Untersuchungskommission geleitet von einem pensionierten Top-Juristen vor. Die streng-religiösen jüdischen Parteien hatten ein siebenköpfiges Gremium vorgeschlagen in dem der Vorsitzende und fünf weitere Mitglieder von den ultraorthodoxen Parteien bestimmt worden wären. In diesem Ausschuss wäre auch das Ministerium für Religionsangelegenheiten vertreten gewesen, dem erhebliche Mitschuld an den Sicherheitsmängeln gegeben wird, die mit zur Katastrophe beitrugen.

    Hinterbliebene verlangen Aufklärung

    45 streng-religiöse jüdische Männer und Jungen starben als beim Lag Baomer-Fest am Berg Meron eine Massenpanik ausbrach. Das jüngste Opfer war neun Jahre alt. Israel Diskind verlor seinen Bruder. Im Interview mit dem Radiosender KAN verlangte Diskind von den streng-religiösen Politikern die Aufklärung der Ursachen der Katastrophe.

    "Mit Menschenleben spielt man nicht. Wir erwarten von ihnen, dass sie dafür sorgen, dass eine staatliche Untersuchungskommission ins Leben gerufen wird. Sie sind diejenigen, die die nächste Katastrophe abwenden sollten. Und wir sollten ihnen nicht hinterher rennen müssen. Alle Familien wollen eine echte Untersuchung. Sie wollen, dass die nächste Katastrophe vermieden wird. Sie wollen, dass Lehren gezogen werden.“

    Experten warnen seit Jahren

    Jahrelang warnten Experten dass der Veranstaltungsort für die jährlich rund 100.000 Besucher nicht geeignet sei. 2008 und 2011 deckten staatliche Berichte Sicherheitsmängel auf und rieten zu Änderungen. Nichts passierte. Die spirituellen Führer und die Politiker der streng-religiösen jüdischen Bevölkerungsgruppe wollen mehrheitlich beim Lag Baomer-Fest am Berg Meron möglichst wenig staatlichen Einfluss, wollen die Kontrolle über die Veranstaltung nicht verlieren und lehnen Beschränkungen der Teilnehmerzahlen ab. Von einer Katastrophe mit Ansage sprachen israelische Medien nach der tödlichen Massenpanik, dem schlimmsten zivilen Unglück in der Geschichte des Landes. Yair Sherki, Experte für religiöse Fragen des Senders Kanal 12 erklärte:

    "Für die Regierung ist es praktisch, die Ultraorthodoxen selbst ihre Autonomie verwalten zu lassen. Das erspart Kopfschmerzen und ist auch den Streng-Religiösen lieber so. Meron ist dafür das beste Beispiel. Aber wer zahlt den Preis? Wer ist das Opfer? Der kleine ultraorthodoxe Bürger."

    Die Katastrophe vom Berg Meron. Sie wird untersucht werden. Dass es künftig strengere Auflagen wie eine Begrenzung der Teilnehmerzahlen geben wird, ist unsicher.

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